Ein Videoloop ist in München (Bayern) bei der Vorbesichtigung des Erinnerungsortes an das Attentat von 1972 auf die israelische Olympiamannschaft zu sehen. | Bildquelle: dpa

Olympia-Attentat 1972 in München 21 Stunden Albtraum

Stand: 06.09.2017 00:35 Uhr

45 Jahre nach der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München ist heute ein Denkmal für die Opfer eingeweiht worden. Palästinensische Terroristen hatten israelische Sportler als Geiseln genommen und elf von ihnen getötet. Shaul Ladany war Mitglied des israelischen Olympia-Teams und erinnert sich.

Von Ilanit Spinner, BR

Als der israelische Leichtathlet Shaul Ladany am frühen Morgen des 5. September 1972 von seinem Mitbewohner mit den Worten "Mosche wurden erschossen" geweckt wird, glaubt er zunächst an einen schlechten Scherz. Die beiden spielten sich schon während der Olympischen Spiele in Mexiko vier Jahre zuvor immer wieder Streiche.

Doch schnell wird ihm der Ernst der Lage bewusst. Noch im Schlafanzug zieht er sich seine Laufschuhe an und macht die Tür zu seinem "Apartment 2" in der Connollystraße 31 auf. Draußen hört er ein Gespräch zwischen den unbewaffneten Sicherheitsbeamten und einem der acht palästinensischen Terroristen. "Bitte lassen Sie das Rote Kreuz zu uns, seien Sie menschlich", appelliert eine Beamtin an den Attentäter. "Juden sind auch nicht menschlich", lautet seine Antwort.

Schnell schließt Ladany seine Tür, zieht sich einen Trainingsanzug über den Pyjama und schleicht sich in das Apartment des israelischen Missionsleiters. Gemeinsam flüchten sie schließlich aus dem Wohnblock, in dem sie vom Balkon springen.

Shaul Ladany war 1972 Mitglied der israelischen Olympia-Mannschaft.
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Shaul Ladany war 1972 Mitglied der israelischen Olympia-Mannschaft und konnte den Geiselnehmern nur knapp entkommen.

Eine der schwärzesten Stunden Münchens

Mosche Weinberg, Trainer der israelischen Ringermannschaft, und der Gewichtheber Josef Romano sind zu der Zeit bereits tot. Die beiden Männer sind die ersten Opfer jener Stunden, die als eine der schwärzesten Stunden Münchens in die Geschichte eingehen und den internationalen Terrorismus erstmals nach Deutschland bringen.

Der Albtraum dauert 21 Stunden und beginnt, als gegen 4.35 Uhr acht Männer in das Quartier der israelischen Mannschaft stürmen und elf Geiseln nehmen. Die Attentäter geben sich als palästinensische Terrorgruppe namens "Schwarzer September" zu erkennen, fordern die Freilassung von palästinensischen Gefangenen aus israelischer Haft sowie von zwei deutschen RAF-Mitgliedern.

Die deutschen Verhandlungsführer spielen auf Zeit und lassen ein Ultimatum nach dem anderen verstreichen. Die Entführer fordern schließlich, samt Geiseln nach Kairo ausgeflogen zu werden. Zwei Hubschrauber bringen sie zum Luftwaffenstützpunkt Fürstenfeldbruck. Dort steht eine Boeing 727 bereit, doch abheben sollte sie nie. Der Plan der bayerischen Polizei: Zum Schein wollen sie auf die Forderungen der Terroristen eingehen. Dann sollen Scharfschützen die Palästinenser auf dem Weg zum Flugzeug erschießen.

Eröffnung des Mahnmals zur Erinnerung an den Terroranschlag von München 1972
tagesthemen 22:15 Uhr, 06.09.2017, lanit Spinner/Gabriele Dunkel, BR

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Der Plan wird zum Debakel

Doch den Deutschen misslingt das Vorhaben - der Plan wird zum Debakel. Die Einsatzleitung geht von nur fünf Attentätern aus, hat zu wenig Scharfschützen bereitgestellt und keine Nachtsichtgeräte im Einsatz. Sprechfunk gibt es nicht, die Scheinwerfer blenden die Schützen, einige haben nicht einmal kugelsichere Westen an.

Ein Terrorist wirft eine Handgranate in den ersten Hubschrauber, ein anderer erschießt die Geiseln im zweiten Helikopter. Insgesamt sterben elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist und fünf Terroristen.

Um 1.32 Uhr ist der Einsatz vorüber, die Olympischen Spiele gehen weiter - allerdings ohne die israelische Mannschaft. Die Athleten werden noch am selben Tag zurück nach Israel geflogen. Auch Ladany ist mit an Bord. Obwohl er nur knapp der Geiselnahme entging, hält er die Entscheidung für falsch. "Wir hätten bleiben müssen", sagt der inzwischen 81-Jährige bei seinem Besuch in München anlässlich des 45. Jahrestages des Olympia-Attentates. "Wir verschwanden einfach, als ob wir nie bei den Olympischen Spielen teilgenommen hätten", erklärt er. "Die Terroristen haben also zweimal gewonnen."

Die heiteren Spiele sollten es werden - Spiele, die der Welt ein neues Deutschland zeigen sollten: ein unbeschwertes, fröhliches Land, weltoffen und gastfreundlich. Was blieb, waren weltweite Bestürzung und Trauer, aber auch der Blick nach vorn.

Ein vermummter arabischer Terrorist zeigt sich am 05.09.1972 auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf der Münchner Sommerspiele. | Bildquelle: dpa
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Ein vermummter arabischer Terrorist zeigt sich am 05.09.1972 auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf der Münchner Sommerspiele.

Neue Sicherheitsvorkehrungen

Olympische Spiele finden seitdem unter ganz anderen Sicherheitsvorkehrungen statt. Und auch die Polizei wird aufgestockt. Spezialkommandos zur Terrorbekämpfung und für gefährliche Sondereinsätze gibt es bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland nicht. Noch im selben Monat werden die damals als Grenzschutzgruppe 9 (GSG9) bezeichnete Spezialeinheit des Bundes sowie die Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Bundesländer gegründet. Auch andere Länder rüsten gegen Terrorismus auf.

Für Shaul Ladany, der als Kind das KZ Bergen-Belsen überlebt hat, geht das Leben weiter. Bereits im November 1972 kehrt er in den Wettkampf zurück, holt Gold für Israel im 100 Kilometer Gehen bei den Weltmeisterschaften in Lugano. Bis heute nimmt er aktiv an Wettbewerben teil, trainiert jeden Tag mindestens 15 Kilometer.

München aber hat er nie vergessen. An jedem 6. September besucht er in Tel Aviv die Gräber seiner Teamkollegen. Er zeigt sich sichtlich bewegt über den neuen Erinnerungsort in München - denn die Geschichten der Opfer und Angehörigen sollen mit der Gedenkstätte weiterleben. Eigens für die Einweihung ist er für zwei Tage von Israel nach München gereist. "Das Denkmal kommt spät, aber nicht zu spät", sagt Ladany bei seiner Ankunft in der Bayerischen Landeshauptstadt. "Lieber nach 45 Jahren als gar nicht."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. September 2017 um 12.00 Uhr.

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