US-Präsident Obama und Kanzlerin Merkel bei einer Pressekonferenz im Schloss Herrenhausen | Bildquelle: picture alliance / dpa

Merkel und Obama Liebe auf den zweiten Blick

Stand: 17.11.2016 04:07 Uhr

Anfangs begegneten sie einander mit Skepsis, später bezeichnete Obama Merkel als "engste Verbündete": Im Laufe der Jahre ist das Verhältnis zwischen den beiden immer besser geworden. Nun ist der US-Präsident zum Abschiedsbesuch in Berlin.

Von Anna Engelke, ARD-Hauptstadtstudio

Das Erste, was Barack Obama im Sommer 2008 von Angela Merkel hörte, war ein "Nein". Nein, der US-Senator aus Illinois dürfe keine Rede vor dem Brandenburger Tor halten, entschied die Bundeskanzlerin damals. Die Rede eines amerikanischen Präsidenten wäre in Ordnung, aber bitte keine Wahlkampfrede.

"Das mag manchem ein bisschen altmodisch vorkommen", räumte die Kanzlerin ein. Barack Obama hielt seine Rede also auf den Stufen der Siegessäule in Berlin. Mehr als 200.000 Menschen jubelten dem charismatischen Kandidaten dabei zu wie einem Popstar: "Yes, we can."

Obama-Rede an der Siegessäule in Berlin | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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2008 kam Obama noch als Kandidat - und wurde von den Berlinern begeistert empfangen.

Der Kanzlerin anfangs suspekt

Die Bilder gingen um die Welt. Viele Deutsche waren regelrecht verliebt in Barack Obama. Angela Merkel war es nicht. Die Kanzlerin traute Barack Obama damals noch nicht über den Weg. Der wortmächtige Demokrat war ihr suspekt. Zu viel Inszenierung, zu viele pathetische Reden, zu viel Heilsbringertum. Alles nicht die Sache von Angela Merkel. Vor allem ist sie keine Freundin großer Reden, wenn noch keine Taten gefolgt sind.

So traf sich Merkel zwar im Sommer 2008 kurz mit Kandidat Obama im Kanzleramt, aber gemeinsam mit ihm vor die Presse? Nein, das wollte sie nicht. Auf die Frage, warum nicht, antwortete Merkel: "Was nicht ist, kann ja noch werden." Diese Antwort hatte etwas sehr Vorausschauendes.

Das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Barack Obama ist im Verlauf der vergangenen acht Jahre immer besser geworden. Fast kann man sagen: Je mehr sich die Begeisterung vieler Deutscher für den amerikanischen Präsidenten über die Zeit abkühlte, desto besser verstanden sich Merkel und Obama.

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Obamas Besuche in Deutschland

Barack Obama winkt vor der Berliner Siegessäule

Wenige Monate vor seiner Wahl kommt Barack Obama als Präsidentschaftskandidat und US-Senator im Juli 2008 nach Berlin. Der gewünschte Auftritt vor dem Brandenburger Tor wird ihm verwehrt. Seine Rede hält er stattdessen an der Siegessäule. Er wirbt dabei für ein neues Verhältnis zwischen Europa und den USA. "Jetzt ist die Zeit gekommen, neue Brücken zu schlagen", sagt er. "Amerika hat keinen besseren Partner als Europa", fügt er hinzu. | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Aber gerade am Anfang von Obamas Präsidentschaft wurde noch viel darüber spekuliert, dass die Beziehung zwischen den beiden nicht gut sei - eben wegen Merkels "Nein" zum Obama-Auftritt am Brandenburger Tor. Alle sollten mit den Spekulationen aufhören, beschied der US-Präsident fragende Journalisten resolut bei seiner ersten gemeinsamen Pressekonferenz mit der Kanzlerin im Sommer 2009 in Dresden. Die neben ihm stehende Kanzlerin nickte zustimmend. Sie schien langsam Freude an dem neuen Chef im Weißen Haus zu entwickeln.

Es mache wirklich Spaß mit dem amerikanischen Präsidenten zusammenzuarbeiten, sagte Merkel bei der Pressebegegnung. Weil eine sehr tiefgehende und analytische Diskussion die beiden sehr, sehr häufig zu den gleichen Urteilen führe, erklärte die Kanzlerin. In der Tat: Das ungleiche Paar Angela Merkel und Barack Obama konnte auf einmal sehr gut miteinander. Sicher, ihre rhetorischen Fähigkeiten sind unterschiedlich, aber es gibt Ähnlichkeiten.

Kanzlerin Merkel gestikuliert vor dem auf einer Bank sitzenden US-Präsidenten Obama | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Juni 2015, Schloss Elmau: Was die Kanzlerin dem US-Präsidenten vor der beeindruckenden Kulisse erklärt, haben die beiden bis heute nicht verraten.

Erste Frau, erster Schwarzer

Beide sind eher kühl und rational. Beide sind von außen in die große Politik gekommen. Beide können für sich in Anspruch nehmen, die Ersten gewesen zu sein: Merkel die erste Frau und Ostdeutsche im Kanzleramt, Obama der erste Schwarze im Weißen Haus.

Im Jahr 2011 beschrieb der US-Präsident sein Verhältnis zur deutschen Kanzlerin ausführlicher. Es gebe kaum ein globales Thema, bei dem sie nicht den Rat des anderen suchten, so Obama. Und er fügte wörtlich hinzu: "Ich schätze Angelas pragmatische Herangehensweise an komplexe Themen, ihre Intelligenz und Offenheit. Ich vertraue ihr. Und wie sie selbst sagt, es macht einfach Spaß zusammenzuarbeiten." Viel mehr Lob geht kaum.

Im Juni 2011 ehrte Obama die Kanzlerin in Washington mit der Freiheitsmedaille, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA. Merkel revanchierte sich mit Worten, die für ihre Verhältnis regelrecht zugewandt waren. Obama sei ein Mann mit starken Überzeugungen. Er berühre mit seiner Leidenschaft und Vision für eine gute Zukunft die Menschen, auch in Deutschland, so die Bundeskanzlerin. Merkel zollte damit den Fähigkeiten Obamas Respekt, die sie zu Beginn ihrer Beziehung noch skeptisch gesehen hatte.

Obama im Interview

Der amtierende US-Präsident Barack Obama stellt sich bei seinem Besuch in Berlin den Fragen von "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich. In dem Interview soll es unter anderem um die Wahl von Donald Trump, die Bilanz der Regierungszeit Obamas und das deutsch-amerikanische Verhältnis gehen. Das Interview wird nach einer verkürzten Ausgabe der tagesschau am Donnerstag ab 20.11 Uhr im Ersten ausgestrahlt. "Der Spiegel" berichtet ausführlich in seiner Ausgabe am 19. November.

NSA-Abhöraffäre - Tiefpunkt in den Beziehungen

Aber es gab auch Tiefpunkte im Verhältnis der beiden. Einer war sicherlich die NSA-Abhöraffäre. Als 2013 bekannt wurde, dass der US-Geheimdienst NSA nicht nur Gott und die Welt, sondern auch das Handy der Kanzlerin abgehört hatte. Da reagierte Merkel mit dem inzwischen berühmt gewordenen Satz: "Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht."

Dem Vernehmen nach ließ sie Obama telefonisch wissen, dass sie darüber sauer war. Außerdem musste ein CIA-Abgesandter Deutschland verlassen. Auch das kommt selten vor. Aber letztendlich war die Achse Merkel-Obama zu wichtig im Umgang mit den Krisen auf der Welt, um auf Dauer angeknackst zu sein. Der Ukraine-Konflikt oder der Klimaschutz, um nur einige Beispiele zu nennen.

Natürlich sind die beiden nicht bei allen Themen gleicher Meinung. So darf bezweifelt werden, dass Merkel das Drohnenprogramm des US-Präsidenten gutheißt, mit dem er in den vergangenen Jahren viele Terroristen, aber auch unschuldige Zivilisten hat töten lassen. Aber unter dem Strich vertrauen die beiden einander. Barack Obama weiß, dass er sich auf Angela Merkel verlassen kann und die Kanzlerin weiß, dass das umgekehrt genauso gilt.

"Engste internationale Verbündete"

Kurz vor seinem Abflug nach Europa erzählte Obama den Journalisten im Weißen Haus, er werde auch Kanzlerin Merkel besuchen: "Meine wahrscheinlich engste internationale Verbündete in den vergangenen acht Jahren", so der scheidende US-Präsident wörtlich. Und mit dieser Verbündeten traf sich Obama gestern Abend zu einem entspannten Essen in seinem Hotel in Berlin, bevor heute das offizielle Programm beginnt. Es wird ein Abendessen unter Freunden gewesen sein. Und zwar mit Blick auf einen für die beiden ganz besonderen Ort: das Brandenburger Tor. Dort, wo damals im Sommer 2008 mit einem "Nein" von Angela Merkel alles begann.

Obamas offizieller Abschiedsbesuch in Berlin beginnt
A. Engelke, ARD Berlin
16.11.2016 21:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. November 2016 um 15:41 Uhr

Korrespondentin

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Anna Engelke, NDR

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