Hintergrund

20 Jahre nach der Wiedervereinigung Die Armee der Einheit - nur ein Mythos?

Stand: 03.10.2010 17:49 Uhr

"Mit dem 2. Oktober, 24.00 Uhr, hört die Nationale Volksarmee auf zu bestehen." So lautete der letzte Tagesbefehl der NVA. Eine Säule des SED-Staates hörte auf zu existieren, und die Überreste sollten in die Bundeswehr integriert werden - zur "Armee der Einheit".

Von Andreas Flocken, NDR

Am 2. Oktober 1990 waren die Soldaten der NVA angetreten. Der letzte Tagesbefehl wurde verkündet:

NVA-Ehrenkompanie | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Auch bei den Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR gehörte die Kalaschnikow zur Ausrüstung.

"Mit dem 2. Oktober, 24.00 Uhr, hört die Nationale Volksarmee auf zu bestehen. Aber nicht ihre Soldaten und Zivilbeschäftigten. Hiermit entlasse ich Sie als Angehöriger oder Zivilbeschäftigter der Nationalen Volksarmee aus Ihren Verpflichtungen. Fahne senken. Fahnenkommando: Truppenfahne verpacken."

Eine Säule des SED-Staates hatte aufgehört zu existieren. In den 80er-Jahren hatte die Nationale Volksarmee eine Stärke von rund 170.000 Soldaten. In der Endphase der DDR schrumpfte sie auf rund 90.000 Mann. Die Spitzendienstgrade wurden entlassen. Die Bundeswehr übernahm zunächst rund 20.000 NVA-Soldaten - für zwei Jahre. Gut die Hälfte von ihnen wurde dann auf Dauer übernommen.

"Repressionsinstrument der SED-Diktatur"

Wäre es nach der Bundesregierung und dem damaligen Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg gegangen, dann hätte die Bundeswehr keinen einzigen NVA-Soldaten in ihre Reihen aufgenommen. Denn die Nationale Volksarmee galt als Repressionsinstrument der SED-Diktatur. Rainer Eppelmann war vor der Deutschen Einheit Abrüstungs- und Verteidigungsminister der DDR; er gehörte somit der ersten frei gewählten Regierung der DDR an, die die Verhandlungen mit dem Westen führte. Der ehemalige Pfarrer berichtet über die Gespräche mit Stoltenberg, dieser habe "auch das wiedergegeben, was der Geist in der hohen Generalität der Bundeswehr damals gewesen ist, was auch zum Teil die Haltung im Kabinett von Helmut Kohl gewesen ist." Zunächst schien es so, als sei nichts möglich, so Eppelmann. "Das Konzept der Regierung Kohl sah an der Stelle zunächst keine Übernahme von NVA-Soldaten in die Bundeswehr vor." Doch damit wollte sich Eppelmann nicht abfinden. Es wurde heftig gerungen.

Rainer Eppelmann
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Rainer Eppelmann war vor der Deutschen Einheit Abrüstungs- und Verteidigungsminister der DDR.

Die Verhandlungen führte Eppelmanns Staatssekretär Werner Ablaß. Jede Regierung habe ihre Vorstellungen gehabt, berichtet Ablaß. Er habe nie das Gefühl gehabt, "sowohl bei Stoltenberg als auch bei meinen Bonner Kollegen nicht, dass die mir etwas diktieren wollen, sondern wir haben das erarbeitet. Wir konnten uns nicht immer durchsetzen, aber ich möchte auch daran erinnern, dass die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beigetreten ist und nicht die Bundesrepublik der DDR." Und man müsse auch Kompromisse machen, betont Ablaß.

Es sollten dann 15.000 NVA-Soldaten langfristig übernommen werden. Schließlich wurden es etwas weniger - knapp 11.000. Die übernommenen Soldaten selbst mussten sich umstellen. Jürgen Büscheck war in der DDR zuletzt Kommandeur an einem Ausbildungszentrum der NVA. Jetzt dient er in der Bundeswehr - in der Panzergrenadierbrigade 41 in Torgelow nahe der polnischen Grenze. Büscheck sagt, man habe damals wesentlich länger und mehr gearbeitet. Und man habe sich Vorschriften mit nach Hause genommen, "das Grundgesetz gelesen, studiert, um mehr oder weniger hier einen gewissen Anschluss zu gewinnen, um sich dann auch auf einer Augenhöhe mit den Kameraden zu unterhalten", so Büscheck - "und ich sag mal, auch akzeptiert zu werden".

Freiheit am Wochenende

In der DDR mussten wegen der angeordneten hohen Gefechtsbereitschaft die meisten NVA-Soldaten auch am Wochenende in den Kasernen bleiben. Bei der Bundeswehr war das anders. Der inzwischen pensionierte ehemalige NVA-Offizier Günther Zellmann berichtet: "Freitagmittag wurden die Kasernen zugeschlossen. Außer Diensthabende war niemand mehr vorhanden. Das war die größte Umstellung, aber es war eine Umstellung, die man leicht entgegengenommen hat. Es war ja eine Vereinfachung."

Parade der Nationalen Volksarmee in Berlin | Bildquelle: ARTE
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Alljährliches Ritual: Parade der Nationalen Volksarmee in Berlin

Zellmann war in der DDR Major. In der Bundeswehr wurde er zunächst zum Hauptmann herabgestuft. Fast alle NVA-Soldaten, die von der  Bundeswehr übernommen wurden, mussten eine Abstufung ihres Dienstgrades hinnehmen - um ein bis zwei Ränge. Doch Zellmann traf es noch  härter. Weil es für ehemalige NVA-Offiziere plötzlich zu wenig Stellen gab, musste er notgedrungen die Laufbahn wechseln, konnte erst später wieder Offizier werden. Ja, räumt er ein, es sei eine Enttäuschung gewesen, "weil eine Herabstufung vom Hauptmann zum Oberfeldwebel war ja eine ganze Menge".

Nach der Wiedervereinigung übernahmen im Osten Bundeswehr-Offiziere das Kommando. Viele pendelten in der Woche. Das kam bei den ehemaligen NVA-Soldaten nicht immer gut an, wie sich Zellmann erinnert: "Die kamen dienstags zum Dienst und sind donnerstags wieder abgefahren. Und haben noch mehr Geld bekommen, weil sie nur in den Osten gegangen sind."

"Die Armee der Einheit ist gelungen"

"Buschgeld" - so nannte man diese Zulagen. Dabei sorgte bereits die unterschiedliche Besoldung für großen Frust. Anfangs gab es für ehemalige NVA-Soldaten 40 Prozent weniger. Nach und nach wurde diese Differenz geringer - aber erst vor zwei Jahren war die Anpassung abgeschlossen. Viel zu spät, meint Oberstleutnant Büscheck. Er hätte sich gewünscht, dass es ähnlich wie in Berlin, wo "diese berühmten Polizisten in einem Auto aus zwei unterschiedlichen Stadtteilen kommen", relativ schnell eine Angleichung gegeben hätte.

Die Bundeswehr spricht offiziell von der "Armee der Einheit", obwohl nur knapp 11.000 der damals rund 90.000  ehemaligen NVA-Soldaten übernommen worden sind. Büscheck findet diesen Begriff trotzdem passend: "Diese  Armee der Einheit ist gelungen. Sie hat ein paar Baustellen hinterlassen, womit wohl nicht jeder zufrieden ist", sagt Büscheck. "Aber ich glaube, die Baustellen gibt es in jedem Leben."

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