Hinweisschild zum NSU-Prozess (Bildquelle: dpa)

Früher Video-Hinweis auf Terroristen Zeugin erkannte NSU-Verdächtige

Stand: 06.09.2013 18:24 Uhr

Die Aussage einer Zeugin im NSU-Prozess wirft erneut kein gutes Licht auf die Ermittlungsbeamten. Offenbar hatte die Frau die Täter auf einem Video aus Köln erkannt. Die Spur wurde von der Polizei aber nicht weiter verfolgt.

Von Tim Aßmann, BR

Auf der Anklagebank im Saal A 101 des Münchner Strafjustizzentrums sitzen vier Männer und eine Frau - Beate Zschäpe und ihre mutmaßlichen Unterstützer. Am 34. Verhandlungstag konnte man aber als Beobachter - nicht zum ersten Mal - den Eindruck bekommen, dass es noch einen sechsten, einen imaginären Angeklagten im NSU-Prozess gibt: die deutschen Sicherheitsbehörden.

Geladen waren Zeugen zum Mord am Nürnberger Imbissbetreiber Ismail Yasar im Juni 2005. Eine Bäckereiverkäuferin sah damals zwei Männer mit Fahrrädern zunächst in der Nähe und später direkt an der Dönerbude. Erst rund ein Jahr später zeigten die Ermittler der Zeugin Videos aus der Kölner Keupstraße. Dort war 2004 eine Nagelbombe vor einem türkischen Friseursalon explodiert. Die Bilder zeigen zwei Männer mit Fahrrädern. Die Nürnberger Zeugin identifizierte diese Männer als die Radfahrer vom Tatort im Fall Yasar.

NSU: Zeugin sagt zum Mordfall Yasar aus
T. Aßmann, BR
06.09.2013 16:48 Uhr

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"Warum wurde die Spur nicht weiter verfolgt?"

Anderen Nürnberger Zeugen, die ebenfalls Radfahrer gesehen hatten, wurden die Videos aus Köln nicht gezeigt. Für Opferanwalt Mehmet Daimagüler ist das nicht nachvollziehbar: "Wenn eine Zeugin so präzise Aussagen macht, stellt man sich die Frage, warum die Spur nicht weiter verfolgt wurde."

Die Angeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe. (Bildquelle: REUTERS)
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Die Angehörigen der Opfer erlebten eine lockere Beate Zschäpe.

Mittlerweile sind sich die Ermittler sicher: Die beiden Männer waren die NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt. Nach dem Mord an Ismael Yasar in Nürnberg schlugen die Terroristen nach Ansicht der Bundesanwaltschaft noch viermal zu und erschossen unter anderem 2007 die Heilbronner Polizistin Kiesewetter. Die Versäumnisse der Nürnberger Ermittler hatten tragische Konsequenzen, wie Anwalt Daimagüler sagte. Er vertritt im NSU-Prozess Angehörige von Yasar. "Die Polizei muss sich jetzt Fragen stellen lassen. Man darf in diesem Zusammenhang schon nicht mehr von Pannen sprechen", so der Anwalt.

Bilder von türkisch aussehenden Männern vorgelegt

Die Nürnberger Bäckereiverkäuferin berichtet im Prozess auch noch, dass die Ermittler ihr zahlreiche Fotos von türkisch aussehenden Männern vorlegten, obwohl sie doch zwei Fahrradfahrer mit eher heller Haut gesehen hatte, die nordeuropäisch aussahen. Während die Zeugin aussagt, sitzen nur wenige Meter entfernt die 82 Jahre alte Mutter des Mordopfers Ismael Yasar und einer seiner Brüder. Sie sind Nebenkläger im Verfahren, waren am Montag im Bundestag, als über die NSU-Mordserie debattiert wurde und sind zum ersten Mal beim Prozess in München.

Der Bruder von Ismail Yasar erlebt eine lockere, mit ihren Anwälten scherzende Beate Zschäpe. Wie eine wegen zehnfachen Mordes Angeklagte habe Zschäpe auf seinen Mandanten nicht gewirkt, sagt Anwalt Aziz Sariyar. "Er war erstaunt, dass man diese Gelassenheit präsentiert. Er erklärt sich Zschäpes Verhalten so: Entweder ist sie eiskalt oder sie glaubt davonzukommen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. September 2013 um 09:00 Uhr.

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