Angeklagte beim NSU-Prozess Carsten S. - der geständige Aussteiger

Stand: 04.05.2013 13:06 Uhr

Carsten S. unterscheidet sich von den anderen Angeklagten im NSU-Prozess: S. war 19 Jahre alt, als er eine Waffe für den NSU besorgte. Danach löste er sich von der Szene, studierte und arbeitete in einem schwul-lesbischen Jugendclub.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Der heute 33-jährige Carsten Ludwig S. steht gemeinsam mit Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Andre E. sowie Holger G. vor Gericht. Doch sonst hat er nicht mehr viel gemeinsam mit den ehemaligen "Kameraden". Carsten S. wird vorgeworfen, gemeinsam mit dem langjährigen NPD-Funktionär Wohlleben die Tatwaffe für den NSU besorgt zu haben. Damit habe er sich der Beihilfe zum Mord in neun Fällen schuldig gemacht.

Im Februar 2012 wurde S. in Düsseldorf festgenommen. Er gestand, den gesuchten Neonazis eine Handfeuerwaffe samt Schalldämpfer geliefert zu haben. Da S. umfassend aussagte, ließ ihn die Bundesanwaltschaft im Mai 2012 wieder frei. Zudem distanzierte er sich eindeutig und glaubhaft vom Rechtsextremismus.

2500 D-Mark für eine Waffe mit Schalldämpfer und Munition

Pistole der tschechischen Marke Ceska | Bildquelle: dapd
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Die Tatwaffe: Eine Pistole der Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter Browning

S., der 1980 in Neu Delhi geboren wurde, scheint nicht die treibende Kraft gewesen zu sein, als die Neonazis die Waffe für die Rechtsterroristen besorgten. S. und Wohlleben sollen von den NSU-Mitgliedern den Auftrag bekommen haben, eine scharfe Schusswaffe mit Munition zu kaufen. Zu diesem Zweck wandte sich S. auf Anweisung von Wohlleben an einen anderen Neonazi, der in einem Szene-Laden Jenas arbeitete.

Für 2500 D-Mark erhielt Carsten S. schließlich die Waffe - dazu 50 Schuss Munition und einen Schalldämpfer, den er gar nicht bestellt haben will. Das Geld habe Wohlleben besorgt, behauptet S. Er brachte die Waffe schließlich selbst nach Chemnitz, wo er von Böhnhardt und Mundlos direkt am Bahnsteig abgeholt worden sei. In einem Abbruchhaus habe er dann die Waffe übergeben, auch Böhnhardt und Mundlos sollen überrascht gewesen sein, dass noch ein Schalldämpfer dabei sei.

Von Wohlleben angeleitet

Auch Carsten S. war in der Jenaer Neonazi-Szene aktiv, zunächst gehörte er dem "Thüringer Heimatschutz" (THS) an, zudem engagierte er sich auf Landes- und Bezirksebene für die NPD und deren Nachwuchsorganisation JN. NSU und NPD-Jena gingen beide aus dem THS hervor, auch die Rechtsterroristen waren hier organisiert. In Jena habe er Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe kennengelernt. S. soll später auch Geld für die Untergetauchten gesammelt haben, war zudem deren Kontaktperson. Wohlleben und der bekannte Neonazi Andre K. gingen davon aus, selbst überwacht zu werden - daher wurde S. beauftragt, die Verbindung zu halten.

Ralf Wohlleben (rechts) im August 2008 auf einer Neonazi-Demo in Jena | Bildquelle: dapd
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Ralf Wohlleben (rechts) mit dem NPD-Funktionär Frank Schwerdt 2008 auf einer Demo in Jena

Carsten S. sagte aus, Wohlleben habe ihm erklärt, wie er telefonisch sicher mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe kommunizieren könne. Aus Telefonzellen habe er in einem bestimmten Turnus mit den flüchtigen Neonazis gesprochen; S. konnte sich in seiner Aussage nicht mehr erinnern, ob jeden zweiten Sonntag oder einmal im Monat. Auf jeden Fall seien zumeist Böhnhardt und Mundlos am anderen Ende der Leitung gewesen. Mindestens einmal sei auch Zschäpe dabei gewesen. Gelegentlich wollten die Rechtsterroristen direkt mit Wohlleben sprechen.

Papiere im Wald vergraben

Böhnhardt und Mundlos beauftragten S. auch, in ihre von der Polizei versiegelte Wohnung in Jena einzubrechen, um Ausweispapiere und einen Aktenordner mitzunehmen. Bei dem Einbruch sei ein weiterer Komplize dabei gewesen, sagte S. aus, die Ausweise habe er später gemeinsam mit Wohlleben in einem Wald vergraben. Den Aktenordner vernichteten sie.

Der gelernte Kfz-Lackierer gab zudem an, er habe sich bereits mit 13 Jahren für Jungs interessiert. Da er gemerkt habe, dass er "anders sei als die anderen", habe er sich besonders stark anpassen wollen. Später in der Nazi-Szene sei es ihm sehr wichtig gewesen, anerkannt zu werden, sagte S. in seiner Aussage. Er sei stolz gewesen, dass Wohlleben ihm vertraut habe. Beim Waffenkauf habe er ein schlechtes Gefühl gehabt, aber es sei in der Neonazi-Szene nicht üblich gewesen, Dinge zu reflektieren oder Anweisungen von altgedienten Kameraden zu widersprechen. Er sei davon ausgegangen, dass sich die drei flüchtigen Neonazis ins Ausland abgesetzt hätten, damals sei von Südafrika die Rede gewesen.

Sozialpädagoge in schwul-lesbischem Jugendclub

In seiner Zeugenvernehmung erklärte S., er sei im Herbst des Jahres 2000 aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen. Er bereue seitdem seine damaligen Aktivitäten. 2003 zog S. schließlich nach NRW, um in Düsseldorf Sozialpädagogik zu studieren. Hier hielt er mehrmals Referate zu den Themen Rechtsextremismus und Prävention. Auch seine Diplomarbeit wollte er dazu schreiben, betrachtete dies schließlich aber für sich als "emotional doch zu belastend".

S. arbeitete auf einer halben Stelle bei der AIDS-Hilfe in Düsseldorf und hatte noch einen 400-Euro-Job in einem schwul-lesbischen Jugendclub. Nach seiner umfassenden Aussage wurde er ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

Da S. zur Tatzeit erst 19 Jahre alt, könnte ihm der Prozess nach dem milderen Jugendstrafrecht gemacht werden, zudem dürfte seine Aussagebereitschaft strafmildernd wirken. Die Strafe für Beihilfe zum Mord liegt zwischen drei und 15 Jahren.

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