Verbindungen zu rechtsextremer Terrorzelle Neonazis feierten schon 2002 den NSU

Stand: 28.03.2012 17:42 Uhr

Im November vergangenen Jahres wurde die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) aufgedeckt. Sie wird für sieben Morde verantwortlich gemacht. Wie das Antifaschistische Pressearchiv berichtet, gab es aber bereits 2002 Verbindungen zwischen dem NSU und der Neonazi-Szene.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

"Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter." So steht es - fett und deutlich hervorgehoben - mitten im Vorwort der Ausgabe 1/2002 (Nr. 18) des neonazistischen Fanzines "Der Weisse Wolf", wie das Antifaschistische Pressearchiv (apabiz) berichtet. Ein Gruß, der damals nicht aufgefallen sei, aber heute Fragen aufwerfe.

Durch einen Hinweis stieß das apabiz nach eigenen Angaben in einem neonazistischen Fanzine auf den bemerkenswerten Gruß "an den NSU". Der kurze Satz erschien bereits in der ersten Jahreshälfte 2002, als die Öffentlichkeit noch nichts von der Terrorzelle des "Nationalsozialistischen Untergrundes" ahnte, diese aber bereits mitten in ihrer Serie von Terror und Morden steckte. Die Buchstaben "NSU" seien jedenfalls kein bekanntes Kürzel in der Szene. "Der Hinweis im "Weissen Wolf" ist die erste uns bekannte Verwendung in Veröffentlichungen der Neonazi-Szene oder in derem Kontext", betonen die Autoren des apabiz auf ihrem Blog NSU-Watch.

Häufige Bezugnahmen auf verbotene Spektren

Entstanden war "Der Weisse Wolf" den Angaben zufolge bereits 1996 als "Rundbrief inhaftierter Kameraden der Justizvollzugsanstalt Brandenburg", entwickelte sich aber über die Jahre zu einem zentralen Fanzine für Mecklenburg-Vorpommern. Dass der "Weisse Wolf" bestens in der Szene vernetzt gewesen sei, zeigten die vielfältigen Anzeigen für Neonazi-Läden und -Versandhandlungen und Interviews mit Bands, schreibt das apabiz. Auffällig dabei sei die häufige Bezugnahme auf Bands und Autoren aus dem Blood & Honour-Spektrum (auch noch nach dem Verbot von Blood & Honour im Jahr 2000) und Combat 18. Ebenso berichtete "Eihwaz", der ab 2000 als Herausgeber auftritt, regelmäßig über Treffen der HNG ("Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige", verboten 2011).

Verbindungen auch zur NPD

Beate Zschäpe, mutmaßliches Mitglied der rechtsextremen Gruppe NSU | Bildquelle: dapd
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Beate Zschäpe, mutmaßliches Mitglied der rechtsextremen Gruppe NSU, hatte offenbar Kontakte zur NPD in Mecklenburg-Vorpommern

Und dann kommt auch noch die NPD ins Spiel. Denn das apabiz berichtet weiter, dass der heutige Abgeordnete der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, David Petereit, eine zentrale Figur des "Weissen Wolf" gewesen sei. Er trat demnach um das Jahr 2000 als Anmelder der Internetseite der Publikation auf, als Herausgeber tritt den Angaben zufolge ab dieser Zeit ein "Eihwaz" auf.

Später wurde laut apabiz als Verfasser und Hersteller David Petereit angegeben, wie ein Ausschnitt aus dem Fanzine belegt. Durch einen Hack wurde zudem bekannt, dass Petereit in einem neonazistischen Auktionshaus das Pseudonym "Eihwaz" benutzt haben soll.

Mehrere Medien hatten bereits über mutmaßliche Verbindungen der Rechtsterroristen nach Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Der Nationalsozialistische Untergrund hatte eines seiner zehn Opfer in Rostock ermordet. Recherchen des Nordkuriers hatten ergeben, dass die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Tzschäpe Kontakte zur NPD in Mecklenburg-Vorpommern unterhielt. Das Blatt wollte vom Innenministerium wissen, welche Erkenntnisse der Inlandsgeheimdienst in dieser Sache hatte, erhielt aber auch nach einer Klage keine Auskunft.

Hinweise lagen schon früher vor

Experten vermuten schon länger, dass die Taten des NSU in der Szene bekannt waren. Dafür spricht auch ein Lied der Band "Gigi und die braunen Stadtmusikanten", über das tagesschau.de berichtet hatte und das ebenfalls den Verdacht nahe legt, dass Neonazis lange vor November 2011 von den Morden gewusst hatten. In dem Lied ist von einem "Phantom" die Rede, so wie es beim Mord an der Polizistin Michelle Kiesewetter in Heilbronn der Fall war - und dieses wird mit der Mordserie des NSU in Verbindung gebracht.

Eine solche Verbindung hatten aber weder Ermittler noch Öffentlichkeit bis zum Bekanntwerden der Terrorgruppe erkannt. Auch nachdem die Rechtsterroristen aufgeflogen waren, wurden sie in der Neonazi-Szene teilweise offen gefeiert. So spielten sie beispielsweise bei einem Aufmarsch in München das Titellied von Paulchen Panther, der in dem zynischen Bekennervideo des NSU die Hauptfigur war.

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