Zeugenaussagen im NSU-Prozess Nachbarn in höchster Gefahr

Stand: 30.07.2013 17:36 Uhr

Im NSU-Prozess haben Nachbarn der Angeklagten Zschäpe über den Zeitpunkt ausgesagt, als der Brand ausbrach. Der Vorwurf des versuchten Mordes wurde erhärtet. Zschäpe nahm offenbar in Kauf, dass ihre betagte Nachbarin größter Gefahr ausgesetzt wurde.

Von Holger Schmidt, SWR, ARD-Terrorismusexperte

Im Zentrum des Verhandlungstages stand eine hochbetagte Dame, die nicht anwesend war und es wohl auch nicht mehr sein wird: Die heute 91-jährige Charlotte E. lebte mehrere Jahre Wand an Wand mit Beate Zschäpe im ersten Stock des Hauses Frühlingsstraße 26 in Zwickau.

Vom Brand der Nachbarwohnung bekam sie nichts mit. Erst ein Anruf ihrer Nichte, die auf der anderen Straßenseite wohnte, alarmierte die betagte Frau. Doch offenbar erkannte sie den Ernst der Lage nicht. Sie schaute aus dem Fenster, ob es wirklich brennt, berichteten vor Gericht die Nichte und ihre damals 16-jährige Enkelin, die den Brandausbruch ebenfalls beobachtet hatte und die Feuerwehr alarmierte.

"Ich hörte einen Knall. Als ich ans Fenster trat, sah ich Beate Zschäpe mit zwei Katzenkörben", erzählte die heute 18-jährige Janine M. vor Gericht. Die junge Zeugin erinnerte sich sehr gut an die Vorgänge am 04. November 2011. Es wurde deutlich, dass nur wenige Sekunden zwischen der Explosion des Hauses und dem Weggehen von Beate Zschäpe gelegen haben können.

Nachbarn von Zschäpe sagen im NSU-Prozess aus
H. Schmidt, SWR
30.07.2013 17:59 Uhr

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Für Zschäpes Nachbarin Charlotte E. hätte der Brand böse enden können, das wurde angesichts der Zeugenaussagen sehr deutlich. Sie war nicht nur schwerhörig, sondern auch gehbehindert, fast Nebenklägeranwältin Angelika Lex die Aussagen zusammen: "Die Tante war wohl nicht in der Lage, ohne fremde Hilfe das Haus zu verlassen. Sie brauchte Rollator und für längere Strecken einen Rollstuhl, was allen Bewohnern bekannt war."

Den Lebensmut verloren

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Beate Zschäpe über Anwesenheit und Gesundheitszustand ihrer Nachbarin informiert war. Deswegen wirft sie Zschäpe auch versuchten Mord an ihrer Nachbarin sowie zwei Handwerkern vor, die in der Dachwohnung arbeiteten.

Das Haus der NSU-Gruppe in Zwickau (Bildquelle: dpa)
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Der Brand brachte die Nachbarin und zwei Arbeiter in höchste Gefahr.

Charlotte E. kam zwar mit dem Leben davon, doch verlor sie ihren Lebenswillen, sagte eine Angehörige Angelika Lex vor Gericht: "Durch den Verlust der Wohnung hat sie eigentlich ihre Lebensgrundlage verloren. Sie hat ihr Traumhaus verloren und damit allen Lebensmut."

Bundesanwaltschaft zieht positive Bilanz

Am Mittwoch geht es im NSU-Prozess um den wohl vierten Mord, nämlich den am Lebensmittelhändler Habil Kilic in München im August 2001. Auch am Donnerstag verhandelt der Staatsschutzsenat, bevor in der nächsten Woche der letzte Verhandlungstag vor einer vierwöchigen Sommerpause stattfindet.

Die Bundesanwaltschaft zieht vor dieser Zäsur eine positive Bilanz, Bundesanwalt Herbert Diemer sagt, der bisherige Verhandlungsverlauf habe den Anklagevorwurf bestätigt. Er hebt die Angaben von Holger G. über die Rolle von Beate Zschäpe hervor, vor allem auch als Verwalterin der Kasse.

Von Beate Zschäpe ist weiterhin nichts zu hören. Sie schweigt und will das wohl weiter tun. Allerdings war interessant, dass sie das Schicksal der Rentnerin Charlotte E. möglicherweise bewegt: Stiller und betroffener als sonst hörte sie den Zeugen zu. Bei früheren Schilderungen einzelner Mordfälle war eine solche Nachdenklichkeit nicht zu erkennen.

Dieser Beitrag lief am 30. Juli 2013 um 17:20 Uhr auf NDR Info.

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