Der Angeklagte Ralf Wohlleben hat nach einem Jahr des Schweigens vor Gericht ausgesagt. Heute wollen die Richter eigene Fragen zu seiner Einlassung klären. | Bildquelle: dpa

Wohlleben-Aussage im NSU-Prozess "Scharfe Waffen waren nie Thema"

Stand: 13.01.2016 13:06 Uhr

Der Mitangeklagte Ralf Wohlleben hat sich im NSU-Prozesses erneut persönlich geäußert - und spielte dabei seine frühere Rolle in der Neonazi-Szene Thüringens herunter. Scharfe Waffen seien zudem nie ein Thema gewesen.

Von Ernst Eisenbichler, BR

Gefühl der Gruppenzugehörigkeit, Begeisterung für Fahnen, Hang zu Disziplin - das waren laut Ralf Wohlleben die Gründe, warum er sich in den 1990er-Jahren der Neonazi-Szene Thüringens angeschlossen hatte. In Wahlkampfveranstaltungen der NPD sei er als Jugendlicher rein zufällig geraten. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl, was es mit der rechtsextremen "Kameradschaft Jena" auf sich hatte, antwortete der 40-Jährige lapidar: "Wir dachten, in anderen Städten gibt es auch Kameradschaften, dann muss es hier auch eine geben."

"Ich hatte kein Organisationstalent"

Wohlleben vermied es, die Kameradschaftsszene in einen politischen Kontext zu stellen, es hätte sich lediglich um eine Art Wettbewerb zwischen Gruppen gehandelt: "Ich kann mich nicht an großartige politische Diskussionen erinnern. Dass wir uns als autoritärer Kreis verstanden hätten, war nicht so. Wir wollten einfach mehr Disziplin als die Rudolstädter." Seine eigene damalige Rolle spielte Wohlleben, immerhin einst hoher NPD-Funktionär in Thüringen, herunter: "Ich war einfaches Mitglied, ich hatte kein Organisationstalent. Ich habe mir ein Plakat geben lassen, um das Gefühl zu haben, dazuzugehören."

Auf Götzls Frage, wie Wohlleben sein Bekenntnis zu "jedem Teil" der deutschen Geschichte verstehe, wurde er aber dann doch politisch: Man dürfe sie nicht auf zwölf Jahre reduzieren, so der Angeklagte. Die bundesdeutsche Aufarbeitung der NS-Zeit bezeichnete er als "einseitig": "Immer diese Fokusierung auf Kriegsschuld der Deutschen - zum Beispiel die Luftangriffe auf Dresden: Die Opferzahlen werden von hoher sechsstelliger auf eine fünfstellige Zahl heruntergelogen", so der Angeklagte.

Eva Frisch, BR, zu den aktuellen Entwicklungen im NSU-Prozess
tagesschau 12:00 Uhr, 13.01.2016

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Scharfe NSU-Waffen? Kein Thema

Wohlleben sagte erneut aus, Uwe Böhnhardt habe einen starken Hang zu Waffen und Militaria gehabt. Wurfanker, Wurfstern, Axt, Zwille und Messer hätten sich in dessen Sammlung befunden. Er könne sich aber nicht daran erinnern, "dass irgendwann einmal scharfe Waffen oder Sprengstoff bei uns ein Thema gewesen wären", so Wohlleben.

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe bezeichnete er als "schlagfertig" und "direkt": "Ich hatte nie Eindruck, dass sie mit etwas hinterm Berg hält, zum Beispiel wenn sie jemanden nicht leiden konnte." Das sogenannte NSU-Trio - Uwe Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe - sei freundschaftlich miteinander umgegangen. Im gemeinsamen Freundeskreis habe man "einen relativ schwarzen Humor" gepflegt, der für Außenstehende grenzwertig gewesen sei.

Beate Zschäpe | Bildquelle: AFP
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"Schlagfertig" und "direkt": So beschreibt Wohlleben die Hauptangeklagte Beate Zschäpe

"Schmiere stehen"

Das Aufhängen eines Puppentorsos mit gelbem Judenstern durch Böhnhardt 1996 an einer Brücke über der Autobahn A4 bezeichnete Wohlleben als Aktion, damit die Medien auf "uns" aufmerksam werden sollten. Der Angeklagte beschrieb seine Funktion dabei mit "Schmiere stehen" und - falls nötig - für ein Alibi zu sorgen. Zschäpe sei bei der Aktion nicht dabei gewesen. Dass sich der NSU eine Garage in Jena besorgte, sei Böhnhardts Idee gewesen, "damit bei Hausdurchsuchungen nichts beschlagnahmt werden kann."

In dieser Garage hob die Polizei im Januar 1998 - nach dem Abtauchen des NSU - eine Bombenwerkstatt aus. Wohlleben will erst nach 1998 davon erfahren haben, dass Zschäpe diese Garage gemietet hatte. Nach dem Untertauchen des NSU habe Wohlleben noch dreimal Böhnhardt und Mundlos persönlich getroffen. Ansonsten habe er mit den beiden telefonisch Kontakt gehalten - über ein bestimmtes Telefonzellen-System. Zschäpe sei darin nicht eingeweiht gewesen - ob aber der Mitangeklagte Carsten S., daran könne sich Wohlleben nicht erinnern.

Im NSU-Prozess ist Wohlleben der Beihilfe zum Mord angeklagt. Er soll die Beschaffung jener Ceska-Pistole veranlasst haben, mit der neun von zehn Morden begangen wurden, die dem NSU zur Last gelegt werden. In seiner Aussage im Dezember, mit der er sein zweieinhalb Jahre dauerndes Schweigen bracht, bestritt Wohlleben die Waffenbeschaffung - und damit auch den Vorwurf der Beihilfe zum Mord. Stattdessen belastete er den Mitangeklagten Carsten S.

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