Der Angeklagte Ralf Wohlleben hat nach einem Jahr des Schweigens vor Gericht ausgesagt. Heute wollen die Richter eigene Fragen zu seiner Einlassung klären. | Bildquelle: dpa

Letzter Verhandlungstag 2015 Gericht nimmt Aussage Wohllebens unter die Lupe

Stand: 17.12.2015 09:03 Uhr

Nach Zschäpe kam Wohlleben. Der Angeklagte hat sich im NSU-Prozess geäußert. Am letzten Verhandlungstag in diesem Jahr will ihn das Gericht zu seiner Aussage befragen. Doch was brachte Wohlleben überhaupt dazu, sein Schweigen zu brechen?

Von Sebastian Hesse, MDR, zzt. München

Als Ralf Wohlleben sich entschloss, nach 250 Prozesstagen doch das Wort zu ergreifen, da saß ihm vor allem eines im Nacken: Aussagen anderer Angeklagter, die ihn schwer belastet haben und unwidersprochen geblieben sind. Dass er, Ralf Wohlleben, der Thüringer NPD-Funktionär, die Waffe besorgt und bezahlt haben soll, mit der neun der NSU-Opfer getötet wurden.

Habe ich nicht, sagte gestern Wohlleben. Doch das nimmt ihm Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer nicht ohne Weiteres ab: "Wir haben eine andere Aussage eines weiteren Angeklagten gleich am Beginn des Prozesses gehört - von Carsten S. - und die widerspricht dem eklatant. Das Gericht muss entscheiden, wem es glaubt." Dabei mache es sehr wohl einen Unterschied, ob man am 250. Verhandlungstag eine schriftlich vorbereitete Erklärung verlese, oder ob wenn man ganz am Beginn des Verfahrens Frage und Antwort stehe. "Ich denke, der Senat wird das schon zu würdigen haben", sagt Scharmer weiter.

Es steht klassisch Aussage gegen Aussage

Der Anwalt von Carsten S., Jacob Hösl, hatte seinem Mandanten, einem Aussteiger aus der rechten Szene, von Anfang an geraten, alles auf den Tisch zu legen. Jetzt also der Gegenangriff, meint Hösl. "Wir haben jetzt noch nicht ausreichend Zeit gehabt, die einzelnen Punkte mit ihm durchzugehen. Wir gehen aber davon aus, dass der Senat selbst Fragen hat, die wir auch stellen würden."

Nicht nur Carsten S., auch der Angeklagte Holger G. hatte Wohlleben belastet. Da nun klassisch Aussage gegen Aussage steht, werden auch die Umstände mitgewertet, meint Nebenklage-Anwalt Stephan Kuhn zur Wohlleben-Aussage: "Er sagt im Großen und Ganzen: Nein, so war's nicht und die anderen beiden erinnern sich falsch." Allerdings sei sehr auffällig, dass die anderen Angeklagten sich selbst belasteten.

Auch Kuhns Kollege Bernd Behnke ist wenig überrascht über die jüngste Entwicklung. "Die gegenseitige Belastung der Angeklagten ist sozusagen der Beginn dessen, was ich eigentlich schon in diesem Prozess seit Langem erwarte. Einer will sich jetzt auf Kosten des anderen von seiner Schuld freisprechen. Man will versuchen, den anderen in irgendeiner Weise unglaubwürdig zu machen", sagt der Anwalt.

Späte Aussagen dürften Prozess weiter in die Länge ziehen

Heute bereits wird das Gericht versuchen, mit ersten Nachfragen genau diese Glaubwürdigkeit auf die Probe zu stellen. Der Ankläger jedenfalls, Bundesanwalt Herbert Diemer, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: "Diese Einlassung ist ein Beweismittel unter vielen und muss mit den anderen Beweismitteln, die zum Gegenstand der Hauptverhandlung gemacht worden sind, abgeglichen werden. Erst dann wird man sich ein Bild machen und wird die Aussage bewerten können."

Vermutlich in den Plädoyers. Die werden jedoch noch auf sich warten lassen, denn die späten Wohlleben- und Zschäpe-Aussagen und deren Auswertung dürften den NSU-Prozeß weiter in die Länge ziehen.

Die Aussagen von Ralf Wohlleben im NSU-Prozess
S. Hesse, MDR
17.12.2015 02:12 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 17. Dezember 2015 um 06:43 Uhr auf WDR 5.

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