Thomas R. alias "Corelli"

NSU-Komplex Der Fall "Corelli"

Stand: 02.10.2014 04:18 Uhr

Der Verfassungsschutz hatte immer wieder betont: Im NSU oder in dessen unmittelbarer Umgebung habe es keine V-Männer gegeben, ebenso wenig wie Hinweise auf das Kürzel NSU. Neue Erkenntnisse im Fall "Corelli" nähren Zweifel an dieser Darstellung.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Thomas R. aus Halle war einer der führenden Neonazis in Ostdeutschland: Er betrieb Internet-Seiten, um die Szene zu vernetzen, half neonazistischen Medienprojekten mit Serverplatz, berichtete mit Fotos von zahlreichen Aufmärschen und mischte in mehreren rechtsextremen Organisationen mit.

Außerdem baute R. ein internes Forum für Neonazis auf, saß so direkt an der Quelle, was Informationen anging. Denn Thomas R. war nicht nur ein umtriebiger Neonazi-Kader, sondern er verkaufte auch von Anfang der 1990er-Jahre bis 2012 Informationen an das Bundesamt für Verfassungsschutz sowie an ein Landesamt. Dafür soll er insgesamt 180.000 Euro kassiert haben.

Screenshots von "Corellis" ehemaligen Webseiten
galerie

Thomas R. nannte sich "HJ Tommy"

Screenshots von "Corellis" ehemaligen Webseiten
galerie

"Corelli" baute auch ein Forum auf.

Aus dem Bericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses des Bundestages zum NSU ging hervor, dass Thomas R. Selbstanbieter war. Er galt als Spitzenquelle, die bundesweit aus der rechten Musik- und Kameradschaftsszene berichtete. Seine V-Mann-Tätigkeit wurde mit seiner Enttarnung im September 2012 beendet. Er wurde in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

Die Geschichte von R., in der Szene auch als "HJ Tommy" bekannt, geht aber noch weiter. Denn seine Rolle im NSU-Netzwerk beschäftigt seit Wochen das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags. Die Grünen beantragten nun eine Sondersitzung zum Fall "Corelli", denn Thomas R. lieferte dem Bundesamt für Verfassungsschutz im Jahr 2005 eine Daten-CD, auf der Dateien mit der Bezeichnung NSU/NSDAP zu finden waren.

Christian Ströbele @MdB_Stroebele
Geheimdienst wußte schon vor 9 Jahren von NSU/NSPAP aus CD von V-Mann Corelli. BR informierte Parlament falsch. Sondersitzung PKG beantragt.

Ein entsprechender Bericht der "Bild"-Zeitung wurde gestern vom Geheimdienst bestätigt. Eine Sprecherin erklärte, die CD sei aber erst am vergangenen Montag aufgefunden worden. Damit steht aber fest: Es hatte bereits sechs Jahre vor dem Bekanntwerden der NSU-Terrorgruppe beim Verfassungsschutz einen Hinweis auf das Kürzel gegeben.

Vom Weißen Wolf zum KKK

Es war allerdings nicht der erste Hinweis: Bereits 2002 hatte das Fanzine "Der weiße Wolf" aus Mecklenburg-Vorpommern einen Dank an den NSU veröffentlicht; die Terrorgruppe hatte dem Neonazi-Magazin zuvor eine Spende von 2500 Euro zukommen lassen. Und auch hier liegt offenkundig ein Bezug zum V-Mann "Corelli" vor, denn der hatte dem "Weißen Wolf" bei der Verbreitung des Machwerks im Internet geholfen, Serverplatz zur Verfügung gestellt. Zudem erschienen in dem Fanzine Anzeigen für R.s Internet-Angebote.

Außerdem zählte der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg Thomas R. nach vorliegenden Dokumenten zum europäischen Ableger des rassistischen Ku-Klux-Klans; R. nahm sogar an einem Treffen in den USA teil. Das Pikante: Zu der KKK-Gruppe gehörten zeitweise auch zwei Polizisten aus der Einsatzgruppe der Polizistin Michelle Kiesewetter, die 2007 vom NSU in Heilbronn erschossen worden sein soll. Und es gibt noch einen Bezug von "Corelli" zum NSU: Der Name Thomas R. stand auf einer Liste mit Kontakten, die bei Uwe Mundlos gefunden worden war. R. bestritt später aber, die untergetauchten Böhnhardt und Mundlos überhaupt zu kennen.

Bizarre Verbindung zwischen Verfassungsschutz und NSU
tagesthemen 22:15 Uhr, 20.09.2012, Gunnar Breske und Christian Bergmann, MDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Rätselhafte Daten-CD

"Corelli" soll zudem einem V-Mann des Hamburger Verfassungsschutzes im Jahr 2006 eine DVD mit dem Titel "NSDAP/NSU" übergeben haben, die Anfang 2014 beim Geheimdienst der Hansestadt aufgetaucht ist. Der V-Mann will die DVD kurz zuvor beim Aufräumen gefunden haben. Der Inhalt der Daten-CD ähnelt denen von Thomas R.s ehemaliger Internet-Seite, auf der er zahlreiche Aufnahmen aus dem "3. Reich" gesammelt hatte. Eine Beteiligung "Corellis" an der Herstellung erscheint wahrscheinlich.

Wenige Wochen nachdem die Daten-CD beim Verfassungsschutz in der Hansestadt auftauchte, starb "Corelli" überraschend an einer nicht erkannten Diabetes - im Alter von 39 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war er nicht mehr als V-Mann aktiv, sondern wurde vom Geheimdienst in einem Zeugenschutzprogramm mit neuer Identität in Nordrhein-Westfalen untergebracht.

SPD beantragt Sonderermittler

Der Fall "Corelli" wirft erneut die Fragen auf, wie nah die Geheimdienste am NSU-Netzwerk waren - und wie ernst es der Verfassungsschutz mit der versprochenen Aufklärung meint. Die Grünen-Abgeordnete Irene Mihalic erklärte, der Fund der Daten-CD "reiht sich ein in eine Serie von Pannen des Bundesamtes für Verfassungsschutz bei der Aufarbeitung des Rechtsterrorismus". Man müsse sich fragen, ob es sich um einen Fall von Unfähigkeit oder um eine Verschleierungstaktik der Behörde handele.

Hans-Georg Maaßen | Bildquelle: dpa
galerie

In der Kritik: BfV-Chef Maaßen

Petra Pau von der Linkspartei kommentierte, dem Untersuchungsausschuss des Bundestags sei immer erzählt worden, es habe keinen Zusammenhang zwischen dem NSU-Kerntrio und "Corelli" gegeben. "Alle Nachfragen wurden vom Bundesamt für Verfassungsschutz abgebügelt." Noch vor Wochenfrist habe Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen im Innenausschuss des Bundestages alle konkreten Fragen nach V-Mann "Corelli" und der CD "NSU/NSDAP" abgewiegelt. Nun stelle sich die Frage, so Pau: "Log er oder ist er Dr. Ahnungslos? In beiden Fällen wäre er als Chef eines Bundesamtes fehlbesetzt und mithin ein Fall für den Bundesinnenminister."

"Hier muss jetzt jeder Stein im Bundesamt für Verfassungsschutz umgedreht werden, damit Parlament und Öffentlichkeit erfahren, was sich tatsächlich ereignet hat", erklärte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Burkhard Lischka. Die Sozialdemokraten wollen nun beantragen, einen Sonderermittler einzusetzen, um den Fall "Corelli" weiter zu untersuchen.

SPD im Bundestag @spdbt
#NSU: @spdbt will Sonderermittler im Fall Corelli. Innenpol. Sprecher @LischkaB: Jeden Stein im #BfV umdrehen. O-Ton: http://t.co/TKRKmNBvOw

Das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags hatte sich bereits im Mai umfangreiche Akten des Verfassungsschutzes zu "Corelli" kommen lassen. Hinweise auf die rätselhafte Daten-CD mit dem Kürzel NSU, die der Geheimdienst von "Corelli" erhalten hatte, sind darin offenbar nicht zu finden gewesen.

Darstellung: