NSU-Verfahren Wirbel um angebliche Nebenklägerin

Stand: 02.10.2015 16:14 Uhr

Im Münchner NSU-Prozess ist eine Frau als Opfer und Nebenklägerin zugelassen, die möglicherweise gar nicht existiert. Ihr Anwalt zumindest hat die Frau noch nie gesehen, vor Gericht ist sie nie erschienen. Der Jurist legte sein Mandat nieder.

Von Holger Schmidt, SWR, ARD-Terrorismusexperte

Hat ein Nebenklägeranwalt im "NSU-Prozess" seine Mandatin erfunden? Ist er selbst betrogen worden? Viel Wirbel um den Rechtsanwalt Ralph Willms aus Eschweiler. Inzwischen hat Rechtsanwalt Willms selbst einen Anwalt. Und der sagt dem SWR: Gegen mehrere tausend Euro Barzahlung hatte ein anderes Anschlagsopfer, der Mann heißt Atilla Ö., dem Rechtsanwalt eine angebliche Mandantin vermittelt.

Anschlag in der Keupstraße in Köln | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Nach dem Anschlag in der Keupstraße in Köln am 9. Juni 20014

Die Beiordnung als Nebenklägeranwalt ist für manche Anwälte lukrativ, denn sie bekommen einen festen Tagessatz von rund 700 Euro vom Staat - das gibt bei langen Prozessen für Anwälte mit schlecht laufender Kanzlei Planungssicherheit. Vielleicht aus so einer Überlegung heraus hat Rechtsanwalt Willms Geld an Atilla Ö. bezahlt. Das bestätigt sein Anwalt. Die Frau sei eine Freundin der Familie, habe Atilla Ö gesagt und sie sei bei der Explosion in der Kölner Keupstraße 2004 verletzt worden.

Nie aufgetaucht

Darüber gibt es auch ein Attest in den Gerichtsakten - und die Frau soll sich damals einem Interview gegenüber dem NDR geäußert haben. Doch persönlich hat der Rechtsanwalt die Frau wohl nie gesehen und vor Gericht ist sie auch nie erschienen, obwohl sie mehrfach als Zeugin geladen war. Deshalb wurden das Gericht und dann auch Anwalt Willms misstrauisch, und er stellte Nachforschungen an - so schildert es sein Anwalt.

Christoph Arnowski, BR, über die "Nebenkläger-Panne" im NSU-Prozess
tagesschau24 16:00 Uhr , 02.10.2015

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Durch ein Foto und Gespräche mit Kollegen sei herausgekommen, dass das angebliche Opfer vorher bereits einem anderen Anwalt als Mandantin angeboten worden war. Damals sollte die gleiche Frau allerdings die Mutter des angeblichen Vermittlers sein und nicht eine Freundin der Familie. Allerdings bekamen sich bei diesem ersten Versuch zwei andere Kölner Rechtsanwälte in die Haare, wer nun der Anwalt der Frau ist - und am Ende wurde keiner von beiden Nebenklägeranwalt - angeblich auch, weil der andere Anwalt nicht bereit gewesen sei, eine Provision zu zahlen.

Wohl nicht gänzlich erfunden

Zu den offenen Fragen gehört nun, wo und wer eigentlich die Frau ist, die das Opfer sein soll. Gänzlich erfunden dürfte sie nicht sein. Es gibt ein Attest über ihre Behandlung, einen Arzt, der sich an sie erinnert und Gutachten über die Explosionsfolgen, auf denen ihr Standort zum Zeitpunkt des Anschlags eingezeichnet ist. Aber weiß sie überhaupt, dass sie Nebenklägerin ist? Rechtsanwalt Willms hat Strafanzeige gegen den Vermittler Atilla Ö. gestellt, sagt sein Anwalt. Als Nebenklägervertreter dürfte er nun entbunden werden. Aber muss er Geld zurückzahlen und bekommt er selbst Probleme mit der Justiz? Fragen, die sein Anwalt derzeit nicht beantworten kann. Er weiß nur eins: "Die Sache wächst Herrn Willms über den Kopf."

Dieser Beitrag lief am 02. Oktober 2015 um 15:00 Uhr auf InfoRadio.

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