Thomas R. alias "Corelli"

Bericht zum V-Mann "Corelli" Das Versagen des Verfassungsschutzes

Stand: 20.05.2015 21:42 Uhr

Im Auftrag des Parlamentarischen Kontrollgremiums hat Sonderermittler Montag einen Bericht über den V-Mann "Corelli" zusammengetragen. WDR, NDR und "SZ" konnten diesen bereits einsehen. Er bestätigt erneut, dass dem Verfassungsschutz frühe Hinweise auf das Terror-Netzwerk entgingen.

Von Lena Kampf, WDR

Es ist die wohl umfassendste Aufarbeitung eines V-Mannlebens: Im Auftrag des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages hat der Sonderermittler Jerzy Montag den Fall von Thomas R. untersucht. WDR, NDR und die Süddeutsche Zeitung konnten den 300 Seiten starken Bericht jetzt einsehen.

Thomas R. hatte als V-Mann "Corelli" Schlagzeilen gemacht, weil er dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) 18 Jahre lang als Top-Quelle in der rechtsextremen Szene gedient hatte und dabei der Terrorgruppe NSU nahe gekommen war.

R., Spitzname "HJ Tommy", war ein umtriebiger Rechtsextremist. Er informierte das BfV bis zu seiner Enttarnung 2012 über die Neonaziszene in Sachsen-Anhalt und Sachsen. Über seinen Musikvertrieb stand er in regem Kontakt mit der "Blood & Honour"-Bewegung und einem deutschen Ableger des "Ku Klux Klan".

Dabei beging "Corelli", wie es im Sonderbericht heißt, auch immer Rechtsverstöße - nicht nur wegen des Zeigens von Bildern mit Hakenkreuzen im Internet. Bei einer Hausdurchsuchung wurde auch die Kampfschrift "Der Weg vorwärts" gefunden. Darin wird für eine zellenartige militante Organisation plädiert, die Anschläge auf Migranten ausüben soll.

Spitzen-Quelle kaum ausgewertet

"Corelli" sei vor allem "quantitativ" eine Spitzen-Quelle für das BfV gewesen, urteilt Sonderermittler Jerzy Montag und zeigt sich in seinem Bericht einigermaßen entsetzt darüber, dass angesichts der Masse an Informationen, die "Corelli" lieferte, nur wenig beim Bundesamt ausgewertet wurde. 

Das Parlamentarische Kontrollgremium hatte den ehemaligen Grünen-Abgeordnete Montag im Oktober 2014 eingesetzt, nachdem im Archiv des Bundesamtes für Verfassungsschutz eine von Thomas R. dem Amt zur Verfügung gestellte CD aus dem Jahr 2005 mit der Aufschrift "NSU" gefunden worden war - ein früher Hinweis auf die rechtsterroristische Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), mit deren Mitglied Uwe Mundlos Thomas R. nachweislich zumindest vor dessen Untertauchen 1998 in Kontakt stand. Die CD war dem NSU-Untersuchungsausschuss vorenthalten worden.

Screenshots von "Corellis" ehemaligen Webseiten
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Screenshots von "Corellis" ehemaligen Webseiten

Der Sonderermittler findet in seinem Bericht jetzt deutliche Worte: Die Auswertung der CD mit der Aufschrift "NSU" sei "grob regelwidrig" gewesen. "Sie ist schlicht unterlassen worden." Gefunden wurde der Datenträger letztlich von den Beamten des Bundeskriminalamtes - der Verfassungsschutz, so Montag, "war nicht in der Lage, sie im eigenen Haus zu finden".

Hätte das BfV zum Beispiel die CD ausgewertet, urteilt Montag, "wäre 2005 bekannt geworden, dass eine sich Nationalsozialistischer Untergrund nennende Gruppe eine rechtsextremistische und neonazistische Propaganda-CD hergestellt und zur Verbreitung angeboten hat". Der NSU hatte insgesamt zehn Menschen ermordet, drei davon nach 2005.

Aus dem Sonderbericht geht auch hervor, dass Thomas R. alias "Corelli" offenbar eine eigentümliche Nähe zum NSU hatte. So endet ein Foreneintrag von ihm 2006 mit den Worten: "Heute ist nicht alle Tage… ." Mit genau diesen Worten brüstet sich der "Rosarote Panther" im zynischen Bekenner-Video der NSU-Terroristen, das zur gleichen Zeit entstanden ist.

300.000 Euro für "Corelli"

Insgesamt liest sich Montags Bericht wie eine Abrechnung mit dem V-Mann-Wesen: Thomas R., der sonst als Lederwarenhändler arbeitete, hat den Verfassungsschutz im Laufe der Jahre 296.843, 83 Euro gekostet.

Unter anderem wurden ihm Autos, seine Schulden und Abschlussprämien gezahlt. Auch die Kosten einer "Unterbringung durch befreundeten Auslandsdienst" und "Kosten einer Sprachschulungsmaßnahme im Ausland" fallen laut Bericht mit Tausenden Euro ins Gewicht.

Außerdem fiel dem Sonderermittler auf, dass Thomas R. häufig Sonderprämien erhalten habe, nachdem "seine umfangreiche EDV-Anlage ganz oder teilweise beschlagnahmt oder eingezogen wurde". Wenn die Polizei Dinge beschlagnahmt und der Verfassungsschutz den Neukauf ermöglicht, dann - so heißt es in dem Bericht - sei "der mit der strafrechtlichen Maßnahme verfolgte Ahndungseffekt wirtschaftlich konterkariert" worden.

Ein plötzlicher, natürlicher Tod?

Thomas R., war seit 2012 im Zeugenschutzprogramm des Verfassungsschutzes. Doch er war tot, noch bevor die BKA-Ermittler ihn zu dem so spät aufgefundenen Datenträger befragen konnten. Im vergangenen Jahr starb er überraschend mit 39 Jahren - an einem Zuckerschock.

Der plötzliche Tod von Thomas R. wurde zum Politikum - doch Sonderermittler Montag, der verschiedene Obduktionsprotokolle einsehen konnte, kommt in seinem Bericht zu dem Schluss, dieser sei "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf eine Diabeteserkrankung zurückzuführen". Hinweise auf Fremdverschulden haben sich nicht feststellen lassen.

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