Wahlanalyse

Analyse Warum Kraft und Rot-Grün verloren haben

Stand: 14.05.2017 22:17 Uhr

Sieben Jahre währte die rot-grüne Ära in Nordrhein-Westfalen. Jetzt ist das Bündnis abgewählt. Die SPD kassierte sogar ihr schlechtestes NRW-Ergebnis überhaupt. Aber warum? Eine Analyse anhand der Zahlen aus den Infratest-dimap-Erhebungen.

Von Fabian Grabowsky, tagesschau.de

Hannelore Kraft

Hannelore Kraft, die Wahlsiegerin. Hannelore Kraft, die Landesmutter. Hannelore Kraft, eine der beliebtesten Ministerpräsidentinnen. Das war vor fünf Jahren, bei der Landtagswahl 2012. Jetzt ist sie eine Wahlverliererin und bald (wohl) Ex-Regierungschefin.

Dazwischen lag ein bemerkenswerter Aura-Schwund. Eine ganze Batterie an Werten macht das sichtbar. Erstens: Ihr Vorsprung vor Armin Laschet bei einer hypothetischen Direktwahl schmolz von 32 Prozentpunkten im Februar auf elf Punkte direkt vor der Wahl. Zweitens: Nur noch 28 Prozent der Wähler gaben an, die SPD wegen Kraft gewählt zu haben – zwölf Punkte weniger als 2012.

Drittens: Vor der jetzigen Wahl waren nur noch 55 Prozent der Wähler mit ihr zufrieden. Das wirkt zunächst nicht so schlecht, damit stand sie in NRW schließlich auf Platz zwei – damit ist sie aber auch die drittunbeliebteste Regierungschefin, nachdem sie jahrelang und bis ins Frühjahr im 60-Prozent-Bereich pendelte. Zum Vergleich ihr 2012er Wert, als sie noch einen echten Amtsbonus hatte: 76 Prozent. Damit war sie damals die mit Abstand beliebteste NRW-Landespolitikerin – und damit wäre sie heute die drittbeliebteste statt die drittunbeliebeste Regierungschefin.

Und, viertens: Nur noch 59 Prozent der Befragten hielten sie für eine gute Ministerpräsidentin. Ihr Wert ist schlechter als der des schleswig-holsteinischen Wahlverlierers Torsten Albig (62 Prozent) und sehr weit entfernt von den Wahlsiegern Malu Dreyer (78 Prozent), Annegret Kramp-Karrenbauer (79 Prozent) und Winfried Kretschmann (89 Prozent).

Die Beliebtheitskurve von Grünen-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann entwickelten sich übrigens ähnlich von 38 Prozent (Mai 2012) auf 21 Prozent. Entgegengesetzt verliefen zwei andere Kurven. CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet verbesserte sich dieses Jahr von 27 Prozent auf 41 Prozent. Und Christian Lindners Wert stieg seit Februar von 44 Prozent auf 60 Prozent - er löste Kraft damit als beliebtester Landespolitiker ab.

Was werfen die Wähler Kraft vor?

Zwar ist es unklar, wie sehr die Unbeliebtheit von Rot-Grün in NRW und der kollabierende Schulz-Effekt auch Krafts Werte beeinflusst haben.

Aber: Immer mehr Menschen schreiben ihr eine Distanz zu den Problemen der Menschen in ihrem Bundesland zu. Zwar stimmten immerhin 60 Prozent der Aussage zu „Hannelore Kraft versteht, was die Menschen in Nordrhein-Westfalen bewegt“. Das Problem für Kraft: 2012 waren es viel mehr - fast drei Viertel der Befragten.

Wie beliebt war die Koalition?

Nicht besonders. Und es gab eine ähnliche Abwärtskurve wie bei Kraft: Vor fünf Jahren war noch eine Mehrheit mit der Koalition zufrieden – vor dieser Wahl nur mit 45 Prozent weniger als die Hälfte. Selbst 22 Prozent der SPD- und sogar 39 Prozent der Grünen-Anhänger waren weniger oder gar nicht zufrieden. Oder anders gefragt: Ist Rot-Grün "gut für das Land?" Ja, antworteten nur noch 39 Prozent der Befragten, 18 Punkte weniger als 2012.

Wie dramatisch die Entwicklung auch hier war, zeigt wiederum der Vergleich mit anderen Ländern vor den jeweiligen Landtagswahlen: Nur in Thüringen gab es einen vergleichbar schwachen Wert -  in Bremen, Berlin und Sachsen-Anhalt noch weniger Zufriedenheit. Nur in Bremen überstand die Koalition die anschließende Wahl – wenn auch mit klar geschrumpfter Mehrheit.

Eines ist aber auch wichtig: Mit den Grünen waren die Wähler deutlich unzufriedener (68 Prozent) als mit der SPD (50 Prozent).

Was kritisieren die Wähler an Rot-Grün?

Bei welchem Thema auch immer es Vergleichswerte zu 2012 gibt: Die Wähler trauten Rot und Grün dieses Mal in allen Themenbereichen weniger zu. Und bei fast allen für die Wähler wichtigen Themen waren sie mit Rot-Grün unzufrieden.

Beispiel Schulpolitik: 29 Prozent der Wähler sagten, dies sei für ihre Wahlentscheidung das wichtigste Thema gewesen – so viel wie bei keinem anderen Thema. Aber satte 70 Prozent der Wähler waren hier mit Rot-Grün unzufrieden. Nur noch vier Prozent der Wähler hielten die Grünen in der Schul- und Bildungspolitik für kompetent – statt 13 Prozent im Jahr 2012. Dazu muss man wissen: Spitzenkandidatin Löhrmann ist Kultusministerin. Auch die SPD ist hier von 43 Prozent auf 31 abgerutscht.

Beispiel Kriminaltätsbekämpfung, das drittwichtigste Thema: 63 Prozent waren unzufrieden. Eine Mehrheit meinte, SPD-Innenminister Ralf Jäger habe "versagt".

Für ein weiteres Problem für die Düsseldorfer war die Weltlage. Immerhin 22 Prozent sagten, „die politisch unruhige Lage in der Welt“ sei für sie wahlentscheidend gewesen. Und elf Prozent fanden es am wichtigsten, "wer als Kanzler/-in unser Land führt". Beides war ein klarer Vorteil für die CDU: Nicht weniger als 70 Prozent sagten, Kanzlerin Angela Merkel sorge dafür, "dass es uns in einer unruhigen Welt gut geht". Und Merkel liegt zudem bundesweit bei einer hypothetischen Direktwahl mit 49 Prozent zu 36 Prozent inzwischen wieder deutlich vor Schulz.

Bei welchen Gruppen haben SPD und Grüne stark verloren?

Egal welche Altersgruppe, welche formale Bildung, welches Geschlecht – die SPD hat fast überall verloren. Besonders deutlich sind diese Verluste bei Beamten (minus 14 Punkte) und Rentnern (minus 13 Punkte). Und auch bei Über-45-Jährigen sind die Verluste zweistellig. Interessant auch: Je jünger, desto niedriger die SPD-Verluste – bei Männern von 18 bis 24 Jahren bleibt die SPD sogar stabil. Überhaupt ist sie in dieser Altersgruppe weiterhin die stärkste Partei.

Und in einer Gruppe legt sie entgegen aller Trends zu: Die Arbeitslosen wählten sie mit 41 Prozent um sieben Punkte häufiger.

 

Bei den Grünen gibt es ebenfalls überall Verluste. Diese verteilen sich aber gleichmäßiger. Einer ragt etwas heraus: Bei Wählern mit hohem Bildungsgrad sackten sie von 17 auf neun Prozent ab.

Zum Vergleich: Die CDU gewann vor allem bei 45- 49-Jährigen, bei höher Gebildeten sowie bei Beamten (+zwölf Punkte) und Selbständigen (plus 13 Prozent).

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. Mai 2017 um 22:55 Uhr.

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