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Nach Ärger um Novartis-Produkte
Behörde gibt Impfstoffe anderer Hersteller frei
Nach dem Rückruf von Grippeimpfstoffen der Firma Novartis hat die Zulassungsbehörde den Weg für den Vertrieb von Mitteln anderer Hersteller freigemacht. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) habe 620.000 bereits produzierte Impfdosen freigegeben, teilte das Bundesgesundheitsministerium in Berlin mit. 560.000 stammten vom Hersteller GlaxoSmithKline, 60.000 von der Firma Abbott. Sie werden anstelle 750.000 Dosen möglicherweise verunreinigten Impfstoffs von Novartis bereitsgestellt. Damit sind in Deutschland aktuell 14 Millionen Impfstoffdosen freigegeben. Im letzten Jahr wurden insgesamt etwa 15 Millionen Dosen verbraucht.
Keine verunreinigten Impfstoffe in Verwendung
Nun stehen offenbar genug Dosen für die Grippe-Impfung zur Verfügung. Auch brauchen die Patienten dem PEI zufolge keine Bedenken wegen der verunreinigten Impfstoffe zu haben. Die von Ausflockungen betroffenen Chargen der Impfstoffe Begripal und Fluad seien von dem Unternehmen aus dem Verkehr gezogen worden, betonte Institutspräsident Klaus Cichutek im ARD-Morgenmagazin. Es bestehe keine Gefahr, dass Patienten mit den betroffenen Seren geimpft würden, die erhebliche Nebenwirkungen auslösen könnten. Am Donnerstag waren aus Sicherheitsgründen mehrere Chargen der genannten Impfstoffe wegen möglicher Nebenwirkungen zurückgerufen worden.
PEI: Bislang keine Nebenwirkungen festgestellt
Obwohl Patienten mit den zurückgerufenen Grippeimpfstoffen bereits behandelt wurden, sind nach PEI-Angaben bislang keine Nebenwirkungen bekannt. "Zum Glück haben wir keine Meldungen der Art erhalten, die zu befürchten wären, wenn Ausflockungen da wären", sagte Cichutek. Auch das Unternehmen Novartis zeigte sich überzeugt von der Sicherheit seiner Grippeimpfstoffe. Über keine der etwa eine Million Dosen an saisonalen Grippeimpfstoffen in Europa habe es bislang negative Berichte gegeben, teilte der Konzern mit.
Widersprüchliche Aussagen über Engpässe
Engpässe in der Versorgung mit Grippeimpfstoffen sind offenbar eher die Ausnahme. So ist die Lage in Baden-Württemberg nach Mitteilung des Stuttgarter Sozialministeriums derzeit "noch ziemlich entspannt". "In Berlin kommt es bei den Grippe-Impfungen definitiv nicht zu Engpässen", sagte eine Sprecherin der Senats-Gesundheitsverwaltung der Nachrichtenagentur dpa. Ähnlich sieht es in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Hessen und Bayern aus.
Allerdings erhalten nach Angaben des bayerischen Landesapothekenverbandes viele Apotheker in dem Bundesland keinen oder zu wenig Grippeimpfstoff. Die Krankenkassen dort erwarten nun Lieferungen aus dem Ausland, um die Lücken zu schließen. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gab sich pessimistisch. Es sei zumindest in Teilen Deutschlands mit Engpässen zu rechnen.
Klaus Cichutek (Paul-Ehrlich-Institut) zum Novartis-Auslieferungsstopp
ARD-Morgenmagazin 08:06 Uhr, 26.10.2012
Krankenkassen und Pharmaindustrie im Visier
Angesichts der Diskussion um Engpässe gerieten Krankenkassen und die Pharmaindustrie in die Kritik. KBV-Vorstand Regina Edelmann macht Exklusivverträge von Krankenkassen mit Herstellern für eine Verknappung der Impfstoffe verantwortlich. Mit der Bindung an bestimmte Hersteller würden sich manche Kassen Rabatte sichern. Der Vorsitzende des Verbandes der niedergelassenen Ärzte, Dirk Heinrich, kritisierte: "Nur um Einsparungen zu erzielen, gefährden die Krankenkassen die Versorgung der Patientinnen und Patienten auf fahrlässige und gefährliche Weise."
Die Kassen weisen die Kritik von sich: "Wer genau hinschaut erkennt, dass es sich hier um Probleme der Pharmaindustrie handelt und nicht um ein Problem der Krankenkassen." Mit "reflexhaften Schuldzuweisungen" könne man die Herausforderungen nicht meistern, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, der dpa. Ein Sprecher des AOK-Bundesverbandes sagte, die Ausschreibung regionaler Exklusivverträge habe den Wettbewerb unter den Pharmafirmen gefördert. Die Auftragsvergabe an mehrere Anbieter habe bewirkt, "dass die Lieferschwierigkeiten und Qualitätsprobleme von Novartis nicht in ganz Deutschland zu Problemen bei der Impfstoffversorgung führen". Die Kritik an den Verträgen sei also irreführend.
Anfang kommender Woche wollen sich Vertreter des PEI, der Krankenkassen und der Pharmahersteller zu Gesprächen über die Impfstoffversorgung an einen Tisch setzen.
Sorgen um Impfbereitschaft
Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn zeigte sich besorgt, dass der Novartis-Rückruf der Impfbereitschaft schaden könnte, Der Vorgang sei dafür "fatal". "Das muss schnellstens geklärt werden", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.
Das sieht auch der Vorsitzende des Verbandes der niedergelassenen Ärzte, Dirk Heinrich, so. Er bezeichnete die Rückrufaktion und die "Rabattschlacht der Kassen um die günstigsten Impfstoffe" einen "ein schweren Rückschlag für die Präventionsbemühungen in Deutschland". In den vergangenen drei Jahren seien die Impfraten gegen Influenza schon um rund 30 Prozent gesunken.
Stand: 26.10.2012 20:13 Uhr
