Mediziner mit Gesichtsmaske im OP-Saal | Bildquelle: dpa

Medizinische Entdeckung Noch Gekröse oder schon Organ?

Stand: 05.01.2017 17:21 Uhr

Bisher galt: Was unsere inneren Organe im Körper befestigt, ist das sogenannte Gekröse. Eine irische Forschergruppe stellt nun fest: Das im Bauchraum verteilte Gewebe ist viel mehr, nämlich ein Organ.

Von Simona Dürnberg, NDR

Der menschliche Körper - bis in die letzten Winkel erforscht und erklärt? Nicht, wenn es nach Professor Calvin Coffey der Universität Limerick in Irland geht. Er und sein Team erklärten nämlich, ein neues Organ im Bauchraum entdeckt zu haben. Doch wie konnte ein Organ bisher unerkannt bleiben?

Neue Erkenntnisse statt Neuentdeckung

Übersehen wurde das neu entdeckte Organ genau genommen nicht. Vielmehr galt das, was die verschiedenen Darmabschnitte mit der Bauchdecke verbindet, als ein wenig interessantes Gekröse. Das Wort "Gekröse", auch "Mesenterium" genannt, stammt aus dem Mittelhochdeutschen (Gekrœse) und bedeutet wörtlich "kleines Gedärm". Beim Gekröse handelt es sich um eine Doppelbauchfalte, die als eine Art "Halterung" fungiert - und unter anderem Magen und Darm an der Bauchwand befestigt.

Bisher ging die Medizin davon aus, dass das Gekröse aus Einzelteilen besteht. Doch die jüngsten Forschungen der Limerick Universität zeigen, dass das Mesenterium eine zusammenhängende Struktur aufweist. Laut Coffey ist die Bezeichnung "Organ" damit gerechtfertigt. Seine Erkenntnisse wurden in der Fachzeitschrift "The Lancet Gastroenterology & Hepatology" veröffentlicht.

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Einen medizinischen Zweig für das Gekröse schaffen

Die Anerkennung des Gekröses als Organ könne zu "völlig neuen Kenntnissen" führen, meint Coffey. Deshalb schlägt der Ire einen eigenen medizinischen Wissenschaftszweig vor - um, ähnlich wie in der Gastroenterologie oder Neurologie, gezielt forschen zu können. "Wir kennen jetzt die Anatomie und die Struktur. Jetzt müssen wir die Funktionen des Organs herausfinden. Wenn wir diese verstehen, wissen wir auch, wann das Organ nicht normal arbeitet und können zum Beispiel neue Ansatzpunkte für die Diagnose und Behandlung von Darmerkrankungen entwickeln", so der Mediziner.

Da Vinci wusste schon Bescheid

Der italienische Künstler und Anatom Leonardo Da Vinci (1452-1519) stellte das Gekröse bereits im Jahre 1508 als ein zusammenhängendes Gebilde dar. Doch auf die Notwendigkeit, das Mesenterium zu erforschen, weisen Studien erst seit einigen Jahren hin.

Professor Stefan Schreiber vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein ist der Meinung, dass die Studie der Universität Limerick einen "hochwichtigen Fokus auf das Gekröse" richtet. "Die Bedeutsamkeit des Mesenteriums für unseren Körper wurde bisher unterschätzt - und ist in der Medizin unterrepräsentiert", so Schreiber.

Als Organ betitelt Schreiber das Gekröse trotzdem nicht. Zwar verfüge es über eigene Immunzellen, doch im Vergleich zu einem Herzen oder einer Niere könne es nicht aus dem Körper herausgetrennt und transplantiert werden - und sei deshalb kein eigenständiges Organ.

"Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser behandeln"

Dass die Forschung auf diesem Gebiet vorangetrieben wird, hält Schreiber dennoch für unerlässlich. Denn das Mesenterium sei der "beste Parameter, um Hinweise für Herz-Kreislauf-Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen". Schreiber erklärt, dass die Fettzellen des Gekröses maßgebend an der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Diabetes beteiligt seien. "Wenn wir das Gekröse weiter erforschen, können wir besser verstehen, wie diese Volkskrankheiten entstehen - und sie dann besser behandeln", so der Mediziner.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 05. Januar 2017 um 12:22 Uhr.

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