Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.

10.02.2012

ARD-Logo

Suche in tagesschau.de

Hauptnavigation
Multimedia
  • VideoLivestream.EinsExtra Aktuell
    09:00 - 20:00 Uhr
  • VideoLivestream.tagesschau 13:00 Uhr
  • Videotagesschau24.
  • VideoLetzte Sendung.tagesschau 09:00 Uhr
Inhalt
Inland
Falsche Kameraden, biedere Fassaden: Ein Neonazi-Aussteiger berichtet
Ein Neonazi-Aussteiger berichtet

Falsche Kameraden, biedere Fassaden

Aussteiger Frank Försterling weiß, worüber Neonazis reden, wenn sie unter sich sind: über Gewalt, über Rechtsrock, über ihre Verehrung Hitlers. Und das alles hinter der scheinbar biederen Fassade. Gegenüber tagesschau.de legt er offen, was bei NPD und der Neonazi-Szene tatsächlich läuft.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Frank Försterling war mehr als fünf Jahre in der organisierten Neonazi-Bewegung äußerst aktiv, bei Aufmärschen, Infoständen und Konzerten dabei, er fotografierte politische Gegner. Bei der NPD mischte der Hamburger auch mit. Diese sei in der Hansestadt sowie in vielen anderen Landesverbänden "klar nationalsozialistisch" ausgerichtet, so Försterling. Dies gelte auch für den Hamburger Landeschef, den Anwalt Jürgen Rieger, der aber lediglich nach außen als Galionsfigur diene. Organisatorisch mache Rieger "gar nichts", sagt der Aussteiger im Gespräch mit tagesschau.de. Die Fäden im Hintergrund ziehe ein langjähriger Neonazi-Kader, der sich selbst als "SA-Mann" bezeichne - außerhalb der Szene wisse kaum jemand von ihm.

Schon vor seinen ersten Kontakten mit organisierten Neonazis hatte sich Försterling über Bekannte mit Rechtsrock versorgt. Diese Musik sei "sehr verbreitet, damit kommen die meisten Leute zuerst in Berührung", unterstreicht der 23-Jährige die überragende Bedeutung der Musik für die Rekrutierung des rechten Nachwuchses. Der Aussteiger schätzt, dass jeder Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren in Deutschland die Neonazi-Band "Landser" kenne - "zumindest vom Hörensagen."

Neonazis-Aussteiger Försteling (Mitte) zu seiner aktiven Zeit bei einer NPD-Veranstaltung Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Neonazis-Aussteiger Försteling (Mitte) zu seiner aktiven Zeit bei einer NPD-Veranstaltung ]

Identität und Zusammenhalt

Einige Nazi-Skinheads, die er in einem Bus getroffen hatte, nahmen Försterling mit auf eine Party im Hamburger Süden; hier habe er "seine Ansichten plötzlich nicht mehr verstecken müssen". Es sei eine sehr einfache Art gewesen, über den Nationalismus eine gemeinsame Identität zu bilden, meint Försterling rückblickend. Dadurch habe es in der Szene ein Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben. Und auf der Straße habe jeder sofort gewusst, "wer man ist, wenn man die entsprechenden Insignien trägt", erzählt der Aussteiger.

Andere "Kameraden" suchten vor allem die Gewalt. Es gebe Leute, so Försterling, die sagten: "Wenn ich einen Linken sehe, dann haue ich dem sofort aufs Maul." Was von solchen Drohungen zu halten sei? Försterling muss nicht lange überlegen: "Der, der das gesagt hat, dem ist das zuzutrauen. Denn das ist ein absoluter Psychopath."

Dossier:

Teaser rechte Gewalt
Weitere Meldungen Rechtsextremismus Die rechtsextreme Bewegung in Deutschland ist vielschichtig. [mehr]

Hitlers Geburtstag im "Nazi-Bierzelt"

Försterling stieg tief in eine Szene ein, in der verurteilte Straftäter "kontinuierlich anerkannte Politik machen und im Hintergrund einige Fäden ziehen". An Adolf Hitlers 114. Geburtstag, dem 20. April 2003, feierte Försterling mit Gleichgesinnten im "Nazi-Bierzelt" auf dem Volksfest Hamburger Dom; dort lernte er maßgebliche Kader kennen, die ihm den Weg in den inneren Kreis der Hamburger Neonazi-Szene ebneten.

Auch in die NPD trat Försterling ein. Nach dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren unterwanderten "nicht parteigebundene Neonazis den Hamburger Landesverband komplett", berichtet Försterling. Und so "wurde aus einer Altherrenpartei, die sich nur in Hinterzimmern trifft, ein Haufen von aktiven Neonazis - also wirklich Nationalsozialisten". Diese wollten eine legale, nicht zu verbietende Organisationsplattform bekommen, erklärt Försterling. Ein Vorgang, der auch in vielen anderen Landesverbänden zu beobachten war.

NPD-Demonstranten in Hamburg am ersten Mai. (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: NPD-Demonstration in Hamburg am 1. Mai 2008 ]

Ein Großteil dieser Leute sei "tatsächlich so gepolt, dass sie dem historischen Nationalsozialismus" anhängen. Beispielsweise habe ein wichtiger Kader gegenüber Försterling betont, er "steht zum Führer". Doch das "nationalsozialistische Weltbild" wolle die NPD nicht nach außen tragen. Bürgerliche Wähler sollen nicht verschreckt werden. "Alles was die Partei öffentlich von sich gibt, ist nur die Light-Version", erklärt Försterling. "Das ist bezeichnend für die NPD."

"Ich will, dass es allen Menschen gut geht"

Nach mehr als fünf Jahren hat er schließlich genug. Mit der stets propagierten "Kameradschaft" sei es in der Szene nicht weit her gewesen, sagt Försterling. "Echte Kameradschaft" habe es nicht gegeben. Eine Erfahrung, über die auch andere Aussteiger übereinstimmend berichten. Försterling beschreibt dies so: "Kameraden sind Leute, mit denen man politisch was macht. Aber nur auf Freunde kann man sich immer verlassen."

Försterling zieht im Jahr 2008 ins Ruhrgebiet, bewegt sich in der Szene der "Autonomen Nationalisten". Doch einer seiner Mitstreiter wird aus der Szene geschmissen, weil er sich seine eigenen Gedanken machte und die Hierarchie in der Szene hinterfragte. Försterling selbst sah seine persönliche Position zuletzt "null" in der Bewegung vertreten, entfernte sich "kopfmäßig" nach und nach weiter weg. "Das, was ich möchte, als Veränderung in der Gesellschaft und in der Welt, stimmt nicht mit dem überein, was die rechte Szene möchte", erklärt er. "Die rechte Szene möchte, dass es wenigen Leuten gut geht, ich möchte, dass es allen Leuten gut geht." Försterling steigt aus. Trotz Drohungen aus der Szene wagt er den Schritt an die Öffentlichkeit, um gegen die Ewiggestrigen vorzugehen - und die eigene braune Vergangenheit aufzuarbeiten.

Stand: 10.09.2009 21:40 Uhr

Weitere Inhalte

Nachrichten-Weltatlas

Weltatlas

WeltatlasDeutschland

Landkarte, weitere Nachrichten aus der Region und viele Hintergrundinformationen.
[Flash|HTML]

Dossier

Dossier

Teaser rechte Gewalt

InternRechtsextremismus

Die rechtsextreme Bewegung in Deutschland ist vielschichtig. [mehr]

 

© tagesschau.de

tagesschau.de ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW