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20.03.2010

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Inland
Neonazi-Aufmarsch in Dresden (Foto: dpa)
Die Strategie hinter den Neonazi-Aufmärschen
Neonazis marschieren in Dresden

Trauern als Strategie

Rund 6000 Rechtsextremisten haben sich für einen "Trauermarsch" in Dresden angekündigt. Sie wollen nach eigenen Angaben der Toten der Bombardierung Dresdens 1945 gedenken. Doch dies ist vor allem Mittel zum Zweck: Die Aufmärsche spielen für die rechtsextremen Strategen eine zentrale Rolle.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Neonazi-Aufmarsch in Dresden. (Screenshot) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Neonazi-Aufmarsch in Dresden im Jahr 2007. (Screenshot) ]
Sie geben sich moderat: Als Veranstalter des rechtsextremen Aufmarsches in Dresden tritt die "Junge Landsmannschaft Ostdeutschland" auf. Mit Ostdeutschland sind hier allerdings nicht die neuen Bundesländer gemeint, sondern unter anderem das "besetzte Ostpreußen". Die JLO kooperiert mit der NPD, auf ihren Internet-Seiten verlinkt die JLO unter anderem auf die neonazistische "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ).

Doch nach außen soll der Schein gewahrt werden. Die Rechtsextremisten wollen das Bild von "national eingestellten" Bürgern vermitteln, die um die Todesopfer von Dresden im Jahr 1945 trauern. Allerdings ausschließlich um die. Die Bombardierung Dresdens wird aus dem Kontext der Geschichte gelöst und als "Bomben-Holocaust" bezeichnet. Der Holocaust und andere deutsche Verbrechen sowie deren Opfer werden hingegen konsequent ignoriert. So auch von der NPD in den Landtagen. Wird der Opfer des NS-Terrors gedacht, boykottieren die Rechtsextremisten dies regelmäßig. In Sachen Dresden gibt man sich aber umso betroffener.

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Machtdemonstration nach innen und außen

Regelmäßige Demonstrationen gehören zur Strategie der braunen Drahtzieher. Die wichtigsten Kader der Bewegung kommen bei diesen Gelegenheiten zusammen, diskutieren Strategien, neue Bekanntschaften werden geknüpft, die Vernetzung verbessert. Die Rechtsextremisten wollen zudem feste Termine für Aufmärsche etablieren: Neben dem 13. Februar gehören unter anderem der 1. Mai sowie der Todestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß dazu. Außerdem soll dem rechtsextremen Fußvolk demonstriert werden: "Wir sind viele!" Jugendliche sollen bei Aufmärschen in die Bewegung integriert werden.

Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Neonazis wollen regelmäßige Aufmärsche durchsetzen. In Wunsiedel demonstrierten sie jahrelang für Hitler-Stellvertreter Heß (Archivbild von 2002).]
Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Auch das sogenannte "Heldengedenken" in Halbe wollten die Rechtsextremisten als festen Termin etablieren. Sie scheiterten am öffentlichen Widerstand.]
 

"Kampf um die Straße"

Durch die ritualisierten Demonstrationen wollen die rechtsextremen Strategen in den Medien erscheinen und politische Gegner einschüchtern. Für die NPD und ihre Verbündeten spielt der selbst erklärte "Kampf um die Straße" eine entscheidende Rolle. Denn dass die Rechtsextremisten nicht den ausgerufenen "Kampf um die Parlamente" gewinnen können, wissen die Strippenzieher. Die NPD wird lediglich als "Waffe" angesehen, wie Parteifunktionäre selbst einräumen. Diese wird ergänzt durch die Präsenz auf den Straßen.

Weiße Rosen erinnern an die Opfer des Zweiten Weltkriegs (Foto: dpa/dpaweb) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Gedenken an die Bombardierung 1945: Rechtsextremisten versuchen die gesellschaftliche Isolation zu durchbrechen. Teilweise mit Erfolg. ]
Für den Erfolg solcher Aufmärsche im Sinne der Rechtsextremisten spielt die Themenauswahl eine gewichtige Rolle. Die Bombardierung Dresdens erscheint für ihre Zwecke optimal: Die deutschen Verbrechen sollen durch die Fokussierung auf die Dresdner Opfer relativiert werden. Das Thema ist anschlussfähig – auch in großen Medien spielten die Angriffe auf Dresden oder die Vertreibung der Deutschen in den vergangenen Jahren eine immense Rolle. Die Rechtsextremisten suchen den Schulterschluss mit rechtsnationalen Kräften, um aus der politischen und gesellschaftlichen Isolation auszubrechen.

Kritik an der Stadt Dresden

Diese Strategie wollen viele Bürger nicht hinnehmen. Parteien, Bündnisse, Kirchen, Gewerkschaften und antifaschistische Gruppen rufen daher in Dresden zu Gegenkundgebungen auf. Initiatorin Annetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagte gegenüber tagesschau.de, sie hoffe auf etwa 15.000 Teilnehmer. Weitere Gruppen erwarten zusätzlich rund 2000 Personen zu ihren Veranstaltungen. Für die Rechtsextremisten einerseits ein großes Ärgernis, denn Gegendemonstranten blockieren immer wieder Aufmärsche von Neonazis, was auch für Frustration sorgt. Gleichzeitig soll die Konfrontation mit den Gegnern aber auch das eigene Lager zusammenschweißen; gemeinsame Erlebnisse dienen den Rechtsextremisten zur Legendenbildung.

Bizarre Szenen auf dem Friedhof

Anetta Kahane (Foto: picture-alliance/ ZB) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Anetta Kahane hofft auf 15.000 Teilnehmer, die gegen die Neonazis auf die Straße gehen. ]
Kahane kritisierte die Stadt Dresden scharf: Es sei erschütternd, dass die Nazis hier marschieren dürften und damit alle Opfer des Weltkriegs und des Holocaust verhöhnten. Die Gegendemonstranten wollen den Neonazis das Gedenken an die Opfer nicht überlassen. Und so kommt es mitunter zu bizarren Szenen: Auf dem Heidefriedhof in Dresden standen sich bei einer Trauerveranstaltung am Freitag unter anderem Kahane und Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden plötzlich der gesamten sächsischen NPD-Fraktion sowie anderen Neonazis gegenüber. Ein Kranz der NPD wurde laut Augenzeugenberichten über den des Zentralrats gelegt. Eine "absurde und höchst unangenehme Situation", so Kahane. Denn "hätte es damals keine Nazis gegeben, hätte es auch keine Zerstörung Dresdens gegeben".

Stand: 14.02.2009 04:17 Uhr
 

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