Jacken der Bundeswehr mit angenähter Deutschlandflagge  | Bildquelle: dpa

Rechtsextreme in Bundeswehr "Das gibt's schon lange"

Stand: 10.05.2017 10:32 Uhr

Christian Weißgerber war als junger Mann ein aktiver Neonazi. Bei der Bundeswehr konnte er seine Ansichten lange ungehindert verbreiten. Wie anfangs mit dem Fall Franco A. umgegangen wurde, habe ihn sehr gewundert.

Von Charlotte Gnändiger, WDR

Über den Fall Franco A. kann sich Christian Weißgerber nur wundern. Aber nicht darüber, dass die Bundeswehr dessen rechtes Gedankengut offenbar lange übersah. Sondern darüber, dass Franco A. zunächst als Einzelfall deklariert wurde: "Für mich ist die Bundeswehr so stark von national-konservativen, rassistischen Personen durchzogen, dass es ein bisschen lächerlich scheint, wenn man jetzt auf einmal so tut, als wäre das etwas Neues."

Denn Weißgerber war 2008 selbst Rekrut bei der Bundeswehr - und zu dieser Zeit bei den "Autonomen Nationalisten" aktiv, jugendlichen Neonazis, die in regionalen Kameradschaften organisiert sind und mit dunklen Kleidern und Kapuzenpullis optisch der linken autonomen Bewegung ähneln. Als Teenager hatte er sich den Neonazis angeschlossen. Nach dem Abitur ging er für die Grundausbildung zum Bund.

Christian Weißgerber
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Christian Weißgerber war bei den "Autonomen Nationalisten". Bei der Bundeswehr traf er viele rechte Gesinnungsgenossen.

Die Beschreibung von Weißbergers zwölfköpfiger Rekruten-Gruppe klingt abenteuerlich. Neben ihm selbst habe es dort noch einen weiteren Anhänger der Autonomen Nationalisten gegeben. Und auf seiner Stube sei er auf gleich mehrere "interessante Charaktere" getroffen: einen Anhänger des damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zum Beispiel, mit dem zusammen er offen das Existenzrecht Israels angezweifelt habe, einen jungen Mann aus einer national-konservativen Verbindung und einen NPD-Anhänger.

"Hängen Sie das Reichs-Handtuch doch noch mal auf"

Mit einem Offiziersanwärter, so erklärt Weißgerber, habe er sich über Freimaurertum, Illuminaten und andere Geheimbünde und Verschwörungstheorien ausgetauscht. Und dann war da noch die Sache mit dem Handtuch: "Ich hatte ein schwarz-weiß-rotes Handtuch, das auch gesehen wurde. Aber der Vorgesetzte sagte nur: 'Hängen Sie das doch morgen noch mal auf, wenn der Kollege die Stube abnimmt. Der freut sich darüber.' Ich hab’s gemacht. Und der hat sich tatsächlich gefreut."

Auf der Stube habe man sich schnell auf bestimmte Feindbilder einigen können. Als er und andere die Hände aufeinandergelegt und dem "Weltjudentum" Kampf und Tod geschworen hätten, seien sie zwar von einem Kameraden gemeldet worden. Schwerwiegende Konsequenzen habe es aber nicht gegeben.

Ausbildung an der Waffe - trotz Nazi-Gedankenguts

Weißgerber konnte bei der Bundewehr bleiben, wurde allerdings versetzt. Am neuen Standort musste er für 14 Tage ins "Café Viereck", das Bundeswehrgefängnis, nach weiteren fünf Tagen Ausgangssperre war seine Strafe verbüßt. Die gesamte Zeit über wurde er weiter an der Waffe ausgebildet. "Ein vollkommen inkonsequentes Verhalten", findet Weißgerber.

Weißgerber sieht bei der Bundeswehr ein strukturelles Problem. Die Armee ziehe Menschen mit nationalem Gedankengut an. Deshalb sei auch er selbst dort gelandet. "Mein ganzes Leben hat sich ein Jahr lang ums Militär gedreht und das war ja auch so gewünscht von mir, ich hätte ja auch an die Universität gehen können."

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Weißgerber sieht bei der Bundeswehr ein strukturelles Problem. Die Armee ziehe Menschen mit nationalem Gedankengut an, sagt er.

"Die Bundeswehr konnte das schon lange wissen"

Schließlich wurde Weißgerber doch noch unehrenhaft entlassen. "Weil das angeblich direkt aus dem Verteidigungsministerium kam, habe ich das fast schon als Ehre empfunden", sagt er. Irgendjemand hatte bis nach oben gemeldet, welches Gedankengut auf Weißgerbers Stube propagiert worden war.

Es habe gedauert, bis er ernsthafte Konsequenzen für sein Verhalten zu spüren bekommen habe. Aber es sei zumindest bemerkt worden. Deshalb findet Weißgerber es "fast witzig, dass die Bundeswehr jetzt so tut, als ob sie mal anfangen müsste, ihre Soldaten zu überprüfen. Die Bundeswehr konnte schon lange wissen, dass viele ihrer Soldaten entweder Sympathien für nationale und rassistische Politiken hegen oder das sogar offen vertreten haben".

Aufklärungsarbeit gegen rechtsradikales Gedankengut

Heute lebt Weißgerber in Berlin, hat sich längst losgesagt von den rechtsextremen Ideen. Er ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, will über Radikalisierungsprozesse und den Einfluss von Social Media promovieren. Und er betreibt Aufklärungsarbeit - über seine Internetseite, aber auch bei Besuchen an Schulen. Dort berichtet er von seinen Erfahrungen. Wie schnell er in die Szene geriet. Und wie lang der Ausstieg dauerte.

Über dieses Thema berichtet das WDR Fernsehen am 10.05.2017 um 22:55 Uhr in der Reportage "Der Aufstieg der Rechten".

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