Symbolischer Start der Abrissarbeiten am AKW Neckarwestheim. EnBW-Technikvorstand Hans-Josef Zimmer (l) und der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller | Bildquelle: dpa

Rückbau AKW Neckarwestheim Der lange Weg zum Atomausstieg

Stand: 10.04.2017 18:09 Uhr

Kernkraftwerke sind Hochsicherheitsbereiche. Wenn sie ihre Türen öffnen, muss ein ganz besonderer Tag sein - so wie im AKW Neckarwestheim. Denn dort beginnt offiziell der Rückbau von Block 1 - mit einem symbolischen Akt.

Von Jenni Rieger, SWR

Beherzt packt Franz Untersteller zu. Mitten rein in die Schmiere, umfasst den Bolzen der Frischdampfleitung. Blitzlichtgewitter. Die Fotografen drücken auf den Auslöser, um es festzuhalten: das Ende des Kernkraftwerks Neckarwestheim. Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller hat sich die Hände schmutzig gemacht, fast triumphierend hält er den gelösten Bolzen in die Kameras. Ein symbolischer Akt nur, doch einer, der den Rückbau von Block 1 des AKWs einläutet.

"Heute hier zu stehen und den Start für den Rückbau zu geben, ist kein gewöhnlicher Termin für mich", sagt Untersteller und verweist auf seine Vita. Denn der Baden-Württembergische Umweltminister ist ein Grüner, der den Atomausstieg fordert, seit er politisch aktiv ist. Zunächst als Mitarbeiter des Freiburger Öko-Instituts, dann als energiepolitischer Sprecher der Grünen im Stuttgarter Landtag. Nun ist er Umweltminister und darf selbst Hand anlegen, beim Rückbau des ersten Kernkraftwerks in Baden-Württemberg.

Rückbau beginnt - Strahlung bleibt

Es war im Frühjahr 2011, als die Katastrophe von Fukushima die ganze Welt den Atem anhalten ließ - und Deutschland einen Atomausstieg brachte, den nur wenige bis dahin in dieser Geschwindigkeit für möglich gehalten hatten. Doch plötzlich ging alles ganz schnell. Bis 2022, so beschloss es die Bundesregierung damals, sollen alle Reaktoren vom Netz sein. Das Ende der Atomkraft in Deutschland. Acht Kernkraftwerke wurden noch im selben Jahr vom Netz genommen, auch Block 1 in Neckarwestheim. Seitdem befindet er sich in der sogenannten Nachbetriebsphase, sprich: Der Reaktor ist zwar abgeschaltet, aber doch noch aktiv. Radioaktiv eben. Und genau das ist das Problem.

Zehn bis fünfzehn Jahre, so teilt die Betreiberfirma EnBW mit, dauere es im Schnitt, bis der nukleare Rückbau der Anlage abgeschlossen sei. Dass Umweltminister Untersteller heute also einen Bolzen lockert - es ist nur der Beginn eines langen Prozesses. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beschäftigt sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten mit der Frage, wie eben dieser Prozess effektiver, schneller und sauberer gestaltet werden könnte.

Startschuss für Rückbau am Kernkraftwerk Neckarwestheim
nachtmagazin 00:15 Uhr, 11.04.2017, Martin Schmidt, SWR

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Dekontaminierung per Handarbeit

Professor Sascha Gentes forscht zum Thema Rückbau. Denn der, so sagt er, gehe zwar gut voran - doch es ginge noch besser: "Als Forscher drücken mich viele Stellen beim Rückbau - zum Beispiel bei der Abfallminimierung. Wie schaffen wir es, dass weniger Abfall anfällt? Oder beim Thema Personaleinsatz. Wände müssen dekontaminiert werden und Böden im Umfang von mehreren tausend Quadratmetern. Nach heutigem Stand der Technik wird das alles noch per Hand gemacht: Arbeiter schrubben Wände und Böden. Das könnte sicherlich effizienter gehen. Und schneller."

Manchem geht der nukleare Rückbau in Deutschland allerdings schon jetzt zu schnell. Auch heute haben sich wieder Atomkraftgegner vor dem AKW Neckarwestheim versammelt. Sie tragen Transparente, verteilen Flugblätter. "Wir lehnen einen Billig-Abriss zu Lasten von Mensch und Natur ab", ist dort zu lesen. Und: "Schnell abschalten - langsam abreißen." Ihre Hauptsorge auch heute noch: Wohin mit dem Abfall?

Sorgen der Atomgegner

Eine von vielen Antworten auf diese Frage findet man direkt in Neckarwestheim, unten am Neckarufer, auf dem Gelände des AKW. Hier wurde eine Schiffsanlegestelle gebaut. Nicht für Ausflugsdampfer, sondern für Castorbehälter. Denn in Neckarwestheim soll ein Zwischenlager entstehen, nicht nur für den eigenen radioaktiven Abfall, sondern auch für Castoren aus dem AKW Obrigheim. 342 abgebrannte Brennelemente sollen von dort schon bald hierher verschifft werden. Über den Neckar.

Nach Aussagen des grünen Umweltministers eine sichere Route - in den Augen der Atomkraftgegner ein unnötiges Risiko. Wenn es nach ihnen ginge, würden sie den Rückbau am liebsten stoppen - und erst einmal abwarten. Doch ist das realistisch? "Die Alternative wäre natürlich, das Kernkraftwerk einfach stehen zu lassen", sagt Wissenschaftler Gentes. "Aber da würden wir sicherlich genau so viele Gegner finden. Das Hauptproblem ist einfach, dass wir in Deutschland für radioaktive Abfälle immer noch kein Endlager haben ."

Im Maschinenraum des AKW Neckarwestheim betrachtet Umweltminister Untersteller seine Finger. Schwarz sind sie, von der Maschinenschmiere. Aber der Minister wirkt hochzufrieden und lässt sich auch durch eine Frage nach der Endlagersuche nicht aus der Ruhe bringen. "Positiv ist ja, dass Bundesrat und Bundestag in den vergangenen Wochen nach jahrelangen Beratungen das Endlagersuchgesetz verabschiedet haben", so Untersteller. "Ein betriebsbereites Endlager werden wir aber wohl erst um das Jahr 2050 haben. Wir haben also noch viele Jahre mit dem Thema zu tun. Aber es gibt keine Alternative dazu." Dann reicht ihm jemand ein Taschentuch und der Minister wischt sich die Schmiere von den Fingern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. April 2017 um 16:00 Uhr.

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