Heiner Geißler | Bildquelle: dpa

Zum Tod Heiner Geißlers Der Streitbare

Stand: 12.09.2017 14:05 Uhr

Scharfmacher, eigenständiger Kopf, verbaler Provokateur: So lauten nur einige der Attribute, mit denen Heiner Geißler oft und gerne tituliert wurde. Nun ist der streitbare Mahner im Alter von 87 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Vera Schmidberger, SWR

Demokratie war für Heiner Geißler keine Harmonieveranstaltung - und er selbst kein Typ für leise Töne. "Er ist keiner, der es sich selbst leicht macht. Er ist aber auch keiner, der es anderen leicht macht", sagte Helmut Kohl einst über Heiner Geißler. Zweieinhalb Monate, nachdem Geißler beim Trauergottesdienst im Dom zu Speyer Kohl die letzte Ehre erwies, ist nun auch Kohls ehemaliger General verstorben. Aus dem streitbaren Mahner war im Alter ein geschätzter Vermittler geworden.

Kohls Scharfmacher

Heiner Geißlers bundespolitischer Durchbruch kam 1977, als Helmut Kohl seinen ehemaligen Mainzer Sozialminister zum CDU-Generalsekretär machte. Für den dreifachen Familienvater kein Traumjob, doch er ließ sich überreden: "Es ist ja nicht so, dass man bei solchen öffentlichen Ämtern nach seinem eigenen Gusto entscheiden kann", kommentiert er später. Kohl und Geißler wurden ein starkes Duo mit klarer Rollenverteilung: Geißler setzte Themen, spitzte zu; Kohl gab den Prellbock. Eine Auseinandersetzung anderen überlassen - für den Generalsekretär Geißler undenkbar.

Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler gestorben
tagesschau 20:00 Uhr, 12.09.2017, Vera Schmidberger, SWR

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Markenzeichen Tabubruch

So waren es die verbalen Schlachten der Bonner Republik, bei denen Geißler eine Hauptrolle spielte, und die ihn berühmt - und berüchtigt - machten. Es ging ihm um Auseinandersetzung, um Streit als Mittel zum Zweck. Denn nur durch Streit, nicht durch Anpassung, könne man in der Politik etwas bewegen, so Geißlers Überzeugung. Als undifferenziertes Eindreschen auf den politischen Gegner empfanden das seine Kritiker. Manche von Geißlers Polemiken aus dieser Zeit klingen nach: "Dieser Pazifismus der 1930er-Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht", wetterte er im Bundestag gegen die Friedensbewegung - den darauf folgenden Aufschrei wohl einkalkulierend. Später räumte er ein, der Konflikt zwischen der CDU und der Friedensbewegung sei eine "an die Substanz gehende Auseinandersetzung" gewesen.

Geißlers natürlicher Feind allerdings: die SPD. "Eine solche Partei wird, ob sie es will oder nicht, in der geistigen Auseinandersetzung in der Bundesrepublik Deutschland zu einer Fünften Kolonne der anderen Seite", provozierte er. Und verleitete damit Willy Brandt zu dem Urteil, Geißler sei "seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land".

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Heiner Geißler: Ein Porträt in Bildern

Heiner Geißler

Heiner Geißler ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Geißler wurde am 3. März 1930 in Oberndorf geboren. Er war das vierte von fünf Kindern des Oberregierungssrats Heinrich Geißler und dessen Ehefrau Maria. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität in Tübingen arbeitete Geißler ab 1962 als Richter und später als persönlicher Referent und Leiter des Ministerbüros im Rang eines Regierungsrats des baden-württembergischen Arbeits- und Sozialministers Joseph Schüttler (CDU). Ab 1961 war er als Landesvorsitzender der Jungen Union politisch aktiv. 1965 kam er im Wahlkreis Reutlingen-Tübingen erstmals in den Bundestag. | Bildquelle: picture alliance / Georg Wendt/d

Persönliches Anliegen: die Frauenfrage

Mitte der 1980er-Jahre machte Geißler die Frauenpolitik zu einem Schwerpunkt seiner politischen Arbeit, wollte die CDU weiblicher machen. Gegen Widerstände setzte er das Thema auf die politische Tagesordnung, denn er erkannte es als notwendig, die Partei zu erneuern und Gleichberechtigung ernsthaft zu betreiben. "Wir müssen bei den Männern etwas erreichen", sagte er in einer Fernsehdebatte zur Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, "die müssen sich ändern, im Verhalten und im Bewusstsein". Die Frauenfrage wurde zu Geißlers persönlichem Anliegen.

Zerfall eines politischen Dream-Teams 

Während Helmut Kohl zunehmend ein Regieren nach Gutsherrenart vorgeworfen wurde, reifte bei seinem General die Überzeugung, Kohl müsse weichen. Doch der Versuch, Lothar Späth beim Bremer Parteitag 1989 als Gegenkandidat zu platzieren, misslang. Der Putschversuch endete mit Geißlers Entmachtung. So hatte der Stratege Geißler gegen den Machtmenschen Kohl verloren.

Späte Rache in der CDU-Parteispendenaffäre

Ein Jahrzehnt nach dem Bruch zwischen den beiden wurde schließlich die CDU-Parteispendenaffäre zum Katalysator für Geißlers späte Rache. "Schwarze Kasse bei der CDU? Geißler bestätigt - und reißt Kohl rein", prangte es auf der Titelseite der "Bild"-Zeitung. Öffentlich mahnte Geißler an, Kohl persönlich müsse im Untersuchungsausschuss zur Aufklärung beitragen. Eine späte, aber wirkungsvolle Abrechnung: Kohl wurde als CDU-Ehrenvorsitzender untragbar.

Der Weg zum Globalisierungskritiker 

Mit 77 Jahren gelang Geißler noch einmal eine Provokation:  Er schloss sich der Protestbewegung Attac an - zum Entsetzen seiner alten Parteifreunde. Fortan kritisierte Geißler die Auswüchse des Kapitalismus: Jahre vor der Bankenkrise forderte er  mehr Kontrolle, eine strengere Aufsicht. Vergebens. Die dramatischen Folgen der Finanzkrise trieben ihn um: "Die unkontrollierte Finanzindustrie, die alles nur an den Interessen des Kapitals orientiert", wetterte er, "ist mitverantwortlich für die ganze Flüchtlingsbewegung, für die Zerstörung der Umwelt, globale Armut."

Vom Streithahn zum Streitschlichter

Es waren schließlich die Auseinandersetzungen um den neuen Stuttgarter Bahnhof, die Geißler mit 80 Jahren noch einmal in eine neue Rolle schlüpfen ließen. Als die Gewalt um das Projekt "Stuttgart 21" eskalierte, sollte der erfahrene Tarifschlichter im Konflikt um das Mammutprojekt die Wogen glätten. Die Anhörungen waren öffentlich, aus dem Polit-Unruheständler wurde der Moderator eines Medienspektakels. Geißler fand Kompromisse - wenn auch tiefe Wunden bleiben. 

Ein Jesuit als religiöser Zweifler

Auch das war Heiner Geißler: ein Mensch, geprägt von seinen Eindrücken der Nazizeit, ein Mahner gegen die Grausamkeit des Krieges. Und ein Mensch, den seine Schulzeit beim Jesuitenorden in St. Blasien charakterlich prägte. Denn dort habe er, wie er sagte, barmherziges Denken gelernt. Zeit seines Lebens blieb Geißler den ethischen Grundsätzen der Jesuiten verbunden. Und doch begann der engagierte Katholik mit den Jahren, an Gott zu zweifeln. Im Alter schließlich präsentierte sich der Christ Geißler als Zweifler. 

Am Ende war aus Heiner Geißler ein Elder Statesman geworden, dessen Worte bis zuletzt gefragt waren. Er starb nach schwerer Krankheit zu Hause im Kreise seiner Familie. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. September 2017 um 14:00 Uhr.

Korrespondentin

Vera Schmidberger | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Vera Schmidberger, SWR

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