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Transporter mit radioaktiver Fracht

Entsorgungsproblem in der Atomindustrie

MOX - ein risikoreicher Second-Hand-Brennstoff

Der Transport von aufgearbeiteten Mischoxid-Brennelementen ins AKW Grohnde war nicht der letzte seiner Art. Der Second-Hand-Brennstoff wird in jedem zweiten deutschen AKW verwendet. Er gilt als wirtschaftlich - wegen des Plutoniumdioxides aber auch als sehr riskant.

Von Martin Gent, WDR

Einst träumte die Atomwirtschaft vom "Brennstoffkreislauf". Durch die Wiederaufarbeitung sollte der Kernbrennstoff Uran gestreckt werden, zusammen mit Brutreaktoren hätte fast ein Perpetuum Mobile entstehen sollen. 1989 war klar, dass die Wiederaufarbeitungsanlage WAA Wackersdorf nie gebaut werden würde, wenig später wurde der Schnelle Brüter in Kalkar zur Investitionsruine.

Die Energiewirtschaft setzte in Sachen "Brennstoffkreislauf" auf Kooperation mit Frankreich und Großbritannien. Anlagen in La Hague und Sellafield sollten deutschem Atommüll ein zweites Leben bescheren. Bis der rot-grüne Atomkonsens aus dem Jahr 2000 auch diesen Entsorgungspfad zur Sackgasse machte. Seit Juli 2005 sind Transporte zu Wiederaufarbeitungsanlagen nicht mehr zulässig, abgebrannte Brennelemente werden - solange es kein Endlager gibt - direkt bei den Kraftwerken zwischengelagert.

Transporter mit radioaktiven Brennelementen verlassen den Hafen in Nordenham.
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Zwei Transporter mit den radioaktiven Brennelementen aus Großbritannien verlassen am Sonntag den Hafen in Nordenham.

Zur Rücknahme verpflichtet

Doch immer noch kommen die Produkte der Wiederaufarbeitung zurück nach Deutschland. Das, was trotz aller Bemühungen gefährlicher Atommüll bleibt, wurde - von heftigen Demonstrationen begleitet - größtenteils schon nach Gorleben ins dortige Zwischenlager gebracht. Jetzt geht es um die Rückführung von acht Brennelementen aus einer kerntechnischen Anlage im britischen Sellafield zum Atomkraftwerk Grohnde, das von E.ON Kernkraft gemeinsam mit den Stadtwerken Bielefeld betrieben wird.

Ursprünglich hätte dieser Transport schon Anfang 2011 stattfinden sollen, doch weil keine Transportgenehmigung vorlag, mussten Transport und Einsatz der Brennelemente verschoben werden. Nun soll noch in diesem Herbst ein zweiter Transport aus Sellafield nach Grohde erfolgen. Die 16 MOX-Brennelemente werden dann bei der nächsten Revision des Kernkraftwerks, die für April 2013 geplant ist, eingesetzt werden. Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" schreibt, dass Deutschland noch etwa 100 solcher Lieferungen erwarte.

Kernkraftwerk Grohnde an der Weser
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Das Kernkraftwerk Grohnde an der Weser: Hier werden die MOX-Brennelemente verwendet.

Auf den Brennstoff kommt es an

Die allermeisten Brennelemente eines Kernkraftwerks bestehen aus angereichertem, natürlichem Uran in Form von reinem Urandioxid. Doch in etwa jedem zweiten deutschen Kernkraftwerk wird auch Second-Hand-Brennstoff eingesetzt. Diese Mischoxid- oder MOX-Brennelemente enthalten neben Urandioxid ein weiteres Oxid, meist Plutoniumdioxid. Der Einsatz dieser Brennelemente ist seit langem üblich, aber ebenso lange heftig umstritten.

Während eine E.ON-Sprecherin gegenüber dem WDR für den Einsatz der MOX-Brennelemente warb und anführte, dass dabei durchaus risikobehaftetes Plutonium vernichtet werde, wird der Einsatz von MOX-Brennelementen im Kernkraftwerk Grohnde von Umweltverbänden heftig kritisiert. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital fordert, dass die MOX-Brennelemente nach den Erfahrungen in Fukushima nicht als Brennstoff genutzt, sondern direkt als Atommüll entsorgt werden.

Atomanlage in Sellafield
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Im britischen Sellafield wurden die Elemente aufgearbeitet.

Entsorgungsfrage verschärft sich

Tatsächlich sprechen offenbar vor allem wirtschaftliche Überlegungen für den Einsatz der MOX-Brennelemente im Reaktor, sagt Christian Küppers, Atomexperte beim Öko-Institut in Darmstadt. Den Einsatz von MOX-Brennelementen im Regelbetrieb sieht er nicht als das große Problem. Nachteile gäbe es zwar auch dabei, doch gelten diese als beherrschbar, solange MOX-Brennelemente nur einen kleinen Teil des Kernbrennstoffs ausmachen.

Eindeutig negativ wirken sich MOX-Brennelemente nach Ansicht von Küppers aber auf die spätere Entsorgung des Atommülls aus. Während Brennelemente aus Natururan im "abgebrannten" Zustand nur rund ein Prozent Plutonium enthalten, kämen MOX-Brennelemente schon mit bis zu acht Prozent Plutonium in den Reaktor. Durch den Beschuss mit Neutronen entstünden zudem andere stark radioaktive Isotope beispielsweise von Americium und Curium. Für Jahrzehnte würde der Müll dadurch zu einer besonders schwierigen Strahlenfracht. Wegen deutlich höherer Neutronenstrahlung und Wärmeentwicklung müssten abgebrannte MOX-Brennelemente schon beim regulären Tausch mit besonderer Sorgfalt behandelt werden. Mit der Zeit würde der Unterschied noch größer, was zum Beispiel den Platzbedarf in einem etwaigen Endlager erhöhe.

Reizwort Plutonium

Ein besonderes Risiko droht, falls es beim Einsatz von MOX-Brennelementen doch zu einem großen Atomunfall kommt. Auch in Block 3 des havarierten Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi waren 32 plutoniumhaltige MOX-Brennelemente im Einsatz. Groß war die Sorge, dass wie in Tschernobyl ein Teil der Plutoniumfracht in die Umgebung gelangt. Dazu hätten Teile des geschmolzenen Kerns freigesetzt und zerstäubt werden müssen, wozu es aber glücklicherweise nicht kam. Denn freigesetztes Plutonium ist hoch gefährlich. Schon ein bis zwei Millionstel Gramm sollen Lungenkrebs auslösen können. Zum Vergleich: Die acht Brennelemente aus Großbritannien dürften rund 300 bis 400 Kilogramm Plutonium enthalten. In Sellafield sollen insgesamt 110 Tonnen lagern.

Sellafield als wirtschaftliches Desaster

Greenpeace hat auch wenig Vertrauen in den Lieferanten der MOX-Brennelemente, die Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield. In der Vergangenheit hatte eine Vorläuferanlage Probleme mit der Qualitätssicherung, wie Christian Küppers vom Öko-Institut bestätigt. Wegen mutmaßlich fehlerhafter Brennelemente sollen in Deutschland einzelne Reaktoren sogar außerplanmäßig abgeschaltet worden sein. Über die Qualität der aktuellen Lieferung sagt das wenig, möglicherweise haben die Beteiligten aus früheren Fehlern gelernt.

Fest steht aber, dass die britische Regierung vor rund einem Jahr beschlossen hat, die Fertigung von MOX-Brennelementen in Sellafield aufzugeben. Wichtigster Grund: Die Zahl der Abnehmer für MOX-Brennelemente sinkt und neue Kernkraftwerke werden gewiss nicht MOX-Brennelemente benutzen, schon weil diese deutlich teurer sind als jene aus Natururan.

Stand: 24.09.2012 19:25 Uhr

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