Missbrauch ist keineswegs ein Thema der Vergangenheit. (Bildquelle: dpa)

Bericht über Missbrauchsopfer Die Aufarbeitung soll weitergehen

Stand: 29.08.2013 16:54 Uhr

Vor gut drei Jahren alarmierten Missbrauchsfälle in Schulen und Internaten die Öffentlichkeit. Es gab einen Runden Tisch, Opferhilfen wurden zugesagt. Der Missbrauchsbeauftragte warnt nun davor, voreilig einen Schlussstrich zu ziehen.

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Keine Entwarnung, kein Schlussstrich - das ist der Titel des Berichts, der ausdrücklich kein Abschlussbericht sein soll, sagt der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig. Er betonte: "Die Arbeit ist nicht abgeschlossen, aber ein Anfang ist getan." Heute habe man einen viel klareren Blick auf das Thema.

Höherer Stellenwert nach der Wahl?

Für Rörig ist das vor allem ein Verdienst der Opfer, die den Mut gehabt haben, über ihr Leid zu sprechen. Mehr als 16.500 Telefongespräche sind mit Betroffenen geführt worden, 4500 haben sich schriftlich an den Missbrauchsbeauftragten gewandt. Doch Rörig sagt auch: "Der Skandal besteht fort. Missbrauch findet weiterhin real und überall statt. Die Fallzahlen sind weiterhin ununterbrochen hoch und es liegt noch eine weite und große Wegstrecke vor uns."

Missbrauchsbeauftragter Rörig legt Bericht vor
P. Mücke, ARD Berlin
29.08.2013 15:42 Uhr

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Geld aus den Ländern

Deshalb dürfe auch die Politik jetzt keinen Schlussstrich unter die Aufarbeitung ziehen - im Gegenteil: "Nach der Bundestagswahl braucht das Thema sexueller Missbrauch tatsächlich einen noch höheren politischen Stellenwert als bisher", erklärte Rörig.

Etwa durch eine unabhängige Kommission nach dem Vorbild der Ryan-Kommission in Irland. Sie solle die Skandale in öffentlichen und kirchlichen Einrichtungen systematisch aufarbeiten und dem Bundestag berichten. Die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hatte die Einrichtung einer solchen Kommission jedoch bereits abgelehnt. Ein Schritt, den Rörig kritisiert: "Der Runde Tisch war keine Aufarbeitungskommission. Aufarbeitung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und leider kein Selbstläufer."

Immerhin gebe es mittlerweile positive Signale aus verschiedenen Parteien, dass die Aufarbeitung weiter gehen soll. Ein wichtiger Punkt: Die Finanzierung des Hilfefonds für Opfer familiären Missbrauchs. "Beklagenswert ist, dass es den Bund bis jetzt nicht gelungen ist, die Länder für diesen familiären Fonds verbindlich zu gewinnen, mit Ausnahme von Mecklenburg-Vorpommern", so Rörig.

Bilanzbericht zu Kindesmissbrauch vorgestellt
tagesschau 17:00 Uhr, 29.08.2013, Jochen Graebert, ARD Berlin

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Wenige Beratungsstellen für Opfer

Als einziges Bundesland hat Mecklenburg-Vorpommern Geld zugesagt. Eigentlich wollten sich Bund und Länder den 100-Millionen-Fonds gemeinsam finanzieren. Der Bund hat inzwischen seinen Anteil freigegeben. Völlig unklar ist jedoch, wohin sich Opfer aus dem institutionellen- oder Fremdtäterbereich wenden sollen.

Hier laufen seit zwei Jahren Verhandlungen zwischen Bund, Institutionen und Ländern. Viel zu tun gibt es nach Ansicht Rörigs auch noch beim Thema Prävention: "Wir sind noch weit davon entfernt, unsere 13 Millionen Kinder und Jugendlichen, in weit mehr als 200.000 Einrichtungen, wirksam vor sexualisierter Gewalt zu schützen."

In vielen Kitas, Schulen, Vereinen, Kliniken und Gemeinden gebe es noch keine wirksamen Schutzkonzepte. Außerdem seien Fachberatungsstellen für Opfer nach wie vor finanziell schlecht ausgestattet. Für männliche Opfer gebe es kaum Anlaufstellen.

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