Kind in einer Tür | Bildquelle: picture alliance / dpa

Missbrauch in der DDR Erst Tabu - dann nicht aufgearbeitet

Stand: 11.10.2017 14:50 Uhr

Die DDR inszenierte sich stets als kinder- und familienfreundlich. Doch wenn es um Schattenseiten wie sexuellen Missbrauch ging, sei vertuscht worden, hat eine Aufarbeitungskommission festgestellt. Ihre Studie zeigt, dass manches Kind doppelt zum Opfer wurde.

Kindesmissbrauch war in der DDR ein Tabuthema. Das geht aus einer Studie hervor, die eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Leipzig vorgestellt wurde. "Es passte nicht in die heile, sozialistische Gesellschaft", sagte Kommissionsmitglied und Ex-Bundesfamilienministerin Christine Bergmann bei der Vorstellung der Expertise.

Kommission zur Aufklärung sexuellen Kindesmissbrauchs in der DDR
tagesschau 14:00 Uhr, 11.10.2017, Claudia Reiser, MDR

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250 Fälle gesichtet

Wie aus der Studie weiter hervorgeht, wurde über sexuellen Missbrauch von Kindern kaum in der Öffentlichkeit berichtet, und eine strafrechtliche Verfolgung der Täter gab es nur in Einzelfällen. "Für die Expertise wurden 250 Fälle gesichtet und 150 genauer ausgewertet", sagte Mitautorin Stefanie Knorr. Als Quellen hätten unter anderem Dokumente aus dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen und aus dem Bundesarchiv gedient.

Täter, die für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) arbeiteten, wurden demnach zunächst aus dem Staatsdienst entlassen und bekamen einen zivilen Beruf, ehe sich Gerichte mit ihren Taten befassten. Die Zugehörigkeit zum MfS sollte in den Ermittlungsakten nicht erkennbar sein. Teilweise schuf das MfS den Tätern nach der Haftentlassung neue Legenden und setzte sie dann weiter als Inoffizielle Mitarbeiter ein.

Gleichstellung mit anderen Opfern des DDR-Regimes?

Der Studie zufolge gab es Opfer, die mehrfach betroffen waren - in der Familie und in den berüchtigten DDR-Heimen zur Umerziehung. So gebe es Beispiele, wonach Mädchen und Jungen ein auffälliges Verhalten aufgrund sexuellen Missbrauchs in der Familie entwickelt hätten. In Folge dessen wurden sie in ein Heim eingewiesen und waren dort erneut sexueller Gewalt ausgesetzt. "Für die Betroffenen war es unmöglich, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Hilfe und Therapie gab es nicht", sagte Knorr. "Die sexuelle Gewalt in den Heimen findet bislang kaum Beachtung", sagte Corinna Thalheim, Vorstandsvorsitzende der Betroffeninitiative "Missbrauch in DDR-Heimen". Wichtig sei es, dass eine Gleichstellung mit anderen Opfern des DDR-Regimes hergestellt werde.

Die Kommission hatte im Mai 2016 ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Oktober 2017 um 14:00 Uhr.

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