Flüchtlingsunterkunft für alleinstehende Jugendliche in Nürnberg | Bildquelle: dpa

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland Im Visier der Salafisten

Stand: 18.10.2015 01:33 Uhr

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland brauchen besonderen Schutz - offenbar auch vor Islamisten. Der Bericht aus Berlin beleuchtet, wie Salafisten mit Koran und Freizeitaktivitäten um die Gunst der jungen Menschen buhlen.

Von Michael Stempfle, ARD Berlin

"Dieses Jahr werden insgesamt etwa 12.500 unbegleitete junge Flüchtlinge nach München kommen", schätzt Andreas Dexheimer, Leiter der Diakonie-Jugendhilfe München. Gemeint sind also diejenigen, die ohne Eltern auf der Flucht waren. Zwar stellt sich in der ersten Prüfphase heraus, dass nur etwa 60 Prozent von ihnen tatsächlich unter 18 Jahre alt sind. Allerdings gibt es einen neuen Trend: Das Durchschnittsalter der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sinkt. "Derzeit kommen viele 13- und 14-Jährige", so Dexheimer. "Das jüngste unbegleitete Flüchtlingskind war gerade mal sieben Jahre alt."

Mehr als Geschenke und Koran

Salafist mit Koranausgaben | Bildquelle: dpa
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Salafisten schenken den Minderjährigen nicht nur den Koran. (Archiv)

Der Verfassungsschutz hält diese schutzbedürftige Flüchtlingsgruppe für besonders gefährdet. Islamisten hätten es gezielt auf sie abgesehen. Das könne man Internet-Aufrufen entnehmen. "Extremistische Salafisten suchen sich junge Menschen, die kein soziales Umfeld haben, und bieten ihnen nicht nur Geschenke oder den Koran an", sagt Burkhard Freier, Chef des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen.

Die Islamisten planten auch gemeinsame Freizeitaktivitäten. Damit spielt er auf ein Video an, das derzeit im Internet kursiert. Darauf zu sehen: Mitglieder einer Gruppe, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Sie bringen Flüchtlingskinder, die in Köln untergebracht sind, in ein Kinderspielland.

Große Erwartungen, große Aufgaben

"Kein Einzelfall", sagt der Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Seiner Ansicht nach sehen Salafisten ein riesiges Potenzial bei den Flüchtlingen, denen eine Vater-Figur fehle. Das Ziel der Islamisten sei, die Jugendlichen zu missionieren. "Wenn die Islamisten die einzigen sind, die diese Menschen ernst nehmen, die ihnen Perspektiven aufzeigen, dann könnte es gefährlich werden", warnt Mansour. Seine Botschaft ist klar: Die Gesellschaft muss alles dafür tun, damit diese jungen Menschen möglichst gut aufgenommen und integriert werden. Gerade die Minderjährigen seien auch bereit dazu und setzten große Erwartungen in Deutschland.

Flüchtlingen wenden sich an Polizei

Bislang scheinen die Salafisten keine nennenswerten Erfolge vorweisen zu können. Zwar bestätigt auch Lisa Khadri vom "Netzwerk Berlin hilft", dass auch vor dem Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) immer wieder Islamisten aufgetaucht seien und Flüchtlinge direkt angesprochen hätten. Allerdings seien die Helfer vor Ort sensibilisiert. Sie würden in solchen Fällen sofort einschreiten.

Und Ahmad Mansour ergänzt, dass sich auch Flüchtlinge selbst immer wieder an die Polizei wandten, nachdem sie von Islamisten angesprochen worden seien. Seine Erklärung dafür: Viele Flüchtlinge seien gerade wegen der Islamisten geflüchtet und wollten nichts mehr mit dieser Sache zu tun haben.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sitzen im Februar 2011 in ihrem Zimmer eines Asylbewerberheims in München. | Bildquelle: dpa
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Bisher scheinen Salafisten keine Erfolge bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen erzielt zu haben. (Archivbild eines Asylbewerberheims in München 2011)

Rund-um-die-Uhr-Betreuung fehlt

Das Vorgehen der Islamisten zeigt aber auch: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen eine ihrem Alter entsprechende Betreuung, sie brauchen Halt. Umso fataler ist es, dass es zum Beispiel in Berlin nicht ausreichend Plätze für sie gibt.

"Man schafft es nicht, alle aufzunehmen. Es mangelt an geeigneten Plätzen, die den Bedürfnissen der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge entsprechen", sagt Andreas Meißner, pädagogischer Leiter einer Berliner Jugendeinrichtung. So seien viele in Quartieren untergebracht, wo sie nur zeitweise, aber nicht rund um die Uhr betreut werden könnten.

Mehr Informationen zu diesem Thema sehen Sie im Bericht aus Berlin. Sonntag um 18:30 Uhr im Ersten

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