Minderjährige Flüchtlinge | Bildquelle: dpa

Bis zu 30.000 junge unbegleitete Flüchtlinge Mammutaufgabe für Jugendämter

Stand: 29.09.2015 16:55 Uhr

Die deutschen Jugendämter rechnen in diesem Jahr mit bis zu 30.000 minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen. Um die Jungen und Mädchen betreuen zu können, sollen sie nach einem Schlüssel auf die rund 600 Jugendämter verteilt werden. Doch es fehlt an Personal.

Von Philipp Glitz, WDR

Bislang galt: Wo ein Jugendlicher ankommt, dort betreut ihn auch die Jugendhilfe. Das war gedacht als Schutzmaßnahme, um die jungen Flüchtlinge nicht quer durch Deutschland zu schicken und noch weiter zu verunsichern. Viele der Jugendlichen sind traumatisiert, haben eine lange Flucht ohne Eltern mit schrecklichen Erfahrungen hinter sich, sagen die Landesjugendämter. Anlaufstellen waren vor allem wenige Städte im Westen der Bundesrepublik, aber auch Bayern und Hamburg.

Als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden offiziell Menschen bezeichnet, die noch nicht volljährig sind und ohne sorgeberechtigte Begleitung aus ihrem Heimatland in ein anderes Land flüchten oder dort zurückgelassen werden. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden Ende Mai knapp 3500 Jugendliche betreut - dreimal so viel wie im gesamten letzten Jahr.

Kritik an der Umverteilung

Birgit Zeller von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter kritisiert: "Wir brauchen schnell mehr Personal in den Jugendämtern, damit diese der Aufgabe der Betreuung gerecht werden können." Die beste Unterbringung sei immer noch die Unterbringung in Heimen, sagt Zeller. Zur Zeit ist es auch noch so, dass 90 Prozent der unbegleiteten Flüchtlinge in regulären Kinderheimen und nicht in den Notunterkünften mit anderen Flüchtlingen leben.

Mit dem neuen Gesetz, das vorsieht, die jungen Flüchtlinge bundesweit zu verteilen, müssen die Ämter wohl vermehrt auf Pflegefamilien zurückgreifen, weil es nicht genug Kapazität in allen Heimen gibt. Doch daran üben viele Teilnehmer der Fachtagung in Münster Kritik: Pflegefamilien seien wichtig für die Unterbringung, könnten aber keine therapeutische Unterstützung für die traumatisierten Flüchtlinge liefern. Es müsse sich einiges ändern: "Es ist eine völlig neue Zielgruppe für die Kollegen. Die jungen Flüchtlinge sind extrem selbstständig, gleichzeitig aber auch unglaublich labil und verletzlich", sagt Birgit Zeller.

Arbeitsgemeinschaft der Jugendämter beklagt Personalmangel
tagesschau 14:00 Uhr, 29.09.2015, Philipp Glitz, WDR

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Entlastung für die Jugendämter?

In Münster suchen Experten aus vielen Bereichen eine Lösung. Das Problem: Es fehlt den 600 Ämtern schon jetzt an Personal mit entsprechender Erfahrung. Vier neue Kräfte bräuchte jedes Jugendamt im Schnitt bundesweit. Und der Markt der Fachkräfte sei eher klein, gesteht Birgit Zeller.

Auch der Bundesfachverband der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kritisiert die geplante bundesweite Verteilung der jungen Flüchtlinge: Es sei eine Verschlechterung insbesondere wegen der mangelnden rechtlichen Vertretung. Das Gesetz würde sich nur rudimentär mit der Betreuung und Begleitung der Jugendlichen nach ihrer Verteilung beschäftigen.

Zehn Prozent Minderjährige

In Berlin ist die Lage ähnlich angespannt wie in Nordrhein-Westfalen, erzählt Rainer Schwarz vom Jugendamt aus Berlin-Tempelhof. Zehn Prozent der in Berlin ankommenden Flüchtlinge seien unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge. Er glaubt nicht wirklich, dass das neue System der Umverteilung funktionieren wird und rechnet mit neuen Problemen: "Ob die Jugendlichen auch da bleiben, wo sie hingeschickt werden, wird sich zeigen - oder ob sie zurückkehren werden an den Ort, den sie auf ihrer Flucht ja bewusst angesteuert haben."

Um dem Abhilfe zu schaffen und die jungen Flüchtlinge in den neuen Strukturen zu halten, bauen einige Jugendämter derzeit ein System von Gastfamilien auf, die im Gegensatz zu Pflegefamilien nur kurzfristig die jungen Flüchtlinge betreuen. Es sind engagierte Familien, die bereit sind, Flüchtlingskinder über einen Zeitraum von bis zu drei Monaten zu betreuen.

Eine Chance für die Gesellschaft

Auf der Konferenz der Jugendämter in Münster wurde eines klar: Viele der hier ankommenden jungen Flüchtlinge unter 18 sind motiviert und engagiert und, so Birgit Zeller: "Dies ist eine Chance für die Gesellschaft." Wichtig sei, dass man jetzt dafür sorge, dass sie schnell die deutsche Sprache lernten und so an Arbeit oder eine Ausbildung gelangen würden. Die Jugendämter tragen so eine ganz besondere Verantwortung.

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