Mietpreise in Großstädten: Wenn Wohnen zum Luxus wird

Steigende Mietpreise in Großstädten

Wenn Wohnen zum Luxus wird

In deutschen Großstädten ist der Wohnraum knapp - und teuer. Bundesweit sucht nach einer Umfrage jeder vierte Deutsche nach einer günstigeren Wohnung, rund 40 Prozent des Einkommens geben Mieter für ihre Wohnung aus. Die Mietpreisentwicklung ist heute Thema auf dem Deutschen Städtetag in Bremerhaven.

Von Christian Papesch für tagesschau.de

München, Hamburg oder Frankfurt stehen bei Wohnungssuchenden hoch im Kurs. Doch der Wohnraum in den Großstädten ist begrenzt. Dementsprechend tief müssen Wohnungssuchende in die Tasche greifen - auch, weil die staatlichen Investitionen in die Städtebauförderung und den sozialen Wohnungsbau weniger werden.

Laut dem Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) (pdf) ist die Zahl der Sozialwohnungen in den Jahren 2002 bis 2010 von 2,5 Millionen auf 1,7 Millionen gesunken. Die Bundesfinanzhilfen für die Städtebauförderung wurden von 612 auf aktuell 455 Millionen Euro reduziert.

Mit Schildern und einer Telefonzelle demonstrieren Teilnehmer von Mieterbund in der Innenstadt in Hamburg. (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Teilnehmer von Mieterbund und dem Kampagnennetzwerk "Campact demonstrieren" am 23.01.2013 in der Innenstadt in Hamburg gegen steigende Mieten.

Bis 2017 fehlen deutschlandweit 400.000 Wohnungen

Die Folgen sind offensichtlich: Bereits heute fehlen nach Angaben des Deutschen Mieterbunds (DMB) bundesweit etwa 260.000 Wohnungen. Bis 2017 werden es - so eine Studie des Pestel-Instituts in Hannover (pdf) - rund 400.000 Wohnungen sein.

Grundsätzlich ist die Lage in Deutschland allerdings sehr unterschiedlich. Während der Wohnraum in Großstädten wie Hamburg, Frankfurt oder München knapp wird, stehen in vielen ostdeutschen Städten bereits heute zahlreiche Wohnungen leer. Gleiches gilt für Teile des Ruhrgebiets, wo der angebotene Wohnraum in Hinblick auf Größe, Lage und Zuschnitt immer weniger der Nachfrage entspricht, weil zunehmend zentral gelegene, seniorengerechte Wohnungen benötigt werden. In Wachstumsregionen können dagegen auch Wohnungen in schlechtem oder nicht passendem Zustand oft noch verkauft oder vermietet werden.

Ein Plakat mit der Aufschrift "Steigende Mieten stoppen". (Bildquelle: dapd)
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Protest gegen steigende Mieten am Kottbusser Tor in Berlin. Besonders bei Neuvermietungen sind starke Preisaufschläge die Regel.

Ein Beispiel für den Wohnraummangel in Ballungsräumen ist das Rhein-Main-Gebiet: Laut Angaben der Statistischen Landesämter stiegen die Mieten in Rheinland-Pfalz zwischen 2005 und 2010 um rund 16 Prozent, Hessen verzeichnete einen Anstieg von knapp zehn Prozent. Die Großstädte Wiesbaden und Mainz gehören mit Quadratmeterpreisen zwischen 9,50 Euro und 10,20 Euro für Neumieten zu den Top Zwölf der teuersten Städte Deutschlands. Frankfurt liegt mit 12,07 Euro pro Quadratmeter sogar auf Platz zwei hinter München - in beiden Städten stiegen die Mieten zwischen 2004 und 2012 um bis zu 28 Prozent, so ein aktuelles Gutachten des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA).

Bis zu 30 Prozent Steigerung bei Neuvermietungen

Besonders Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen sind durch hohe Mieten überlastet. Einer Umfrage zufolge, die das Marktforschungsinstitut TNS Infratest im Auftrag der Wüstenrot Immobilien GmbH durchgeführt hat, geben Mieter in Deutschland durchschnittlich 37 Prozent ihres Haushaltnettoeinkommens für das Wohnen aus - und jeder vierte Deutsche sucht nach einer günstigeren Wohnung. Der Mieterbund prangert jedoch an, dass die Eigentümer die Preise insbesondere bei Neuvermietungen stark in die Höhe treiben. Zum Teil zahlen so genannte "Starterhaushalte" - also Menschen, die neu in Ballungsräume ziehen - rund 30 Prozent mehr Miete als ihre Vorgänger.

Experten wie Ulrike Sailer, Professorin für für Kultur- und Regionalgeographie an der Universität Trier, fordern deshalb eine gesetzliche Mietpreisdämpfung. Eigentümer sollten bei einer Neu- oder Wiedervermietung nicht mehr als zehn Prozent auf die alte Miete aufschlagen dürfen. Diese Deckelung müsse aber unbedingt an die Rendite der Wohnungsbesitzer gekoppelt sein. Sie soll also auch davon abhängen, wie viel Geld ein Vermieter etwa in eine Renovierung der Wohnung investiert hat.

Ein Blatt mit der Aufschrift "Bezahlbare Miete" hängt an einem Fenster in einem besetzen Haus in Hamburg. (Bildquelle: picture-alliance/ dpa)
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Bereits im Sommer 2009 demonstrierten fast 200 Künstler in Hamburg, um damit "auf dringend benötigten Raum für Hunderte von Kreativen" aufmerksam zu machen.

"Bei knappem Angebot ist es normal, dass die Mieten steigen."

Die Bundesregierung schlägt einen anderen Weg ein: Die jüngste Änderung des Mietpreisrechts ermöglicht es den Ländern, künftig die zulässige Mieterhöhung in ausgewählten Gemeinden auf 15 Prozent innerhalb von drei Jahren zu beschränken. Einigen Bundesländern geht das aber nicht weit genug. So forderte Baden-Württemberg eine generelle Mietpreisdämpfung und trat, unterstützt vom Mieterbund, für eine Begrenzung des Mietpreisanstiegs auf maximal 15 Prozent in vier Jahren ein.

Mark Gellert vom städtischen Planungsdezernat Frankfurt hält eine solche Maßnahme für falsch und spricht sich gegen eine generelle Obergrenze für Mieten aus. "Wir haben ein knappes Angebot. Wir haben eine starke Nachfrage. Da ist es normal, dass Preise steigen", argumentiert er. Dennoch steuere Frankfurt einer Verdrängung sozial schwächerer Schichten aus dem Stadtkern aktiv entgegen, so Gellert. Die Wohnbaugesellschaften dämpften die Mietpreise. Darüber hinaus weise die Stadt Bauland aus.

Auch Mieter von Sozialwohnungen sind betroffen

Dass die Kommunen in den vergangenen zehn Jahren aber tatsächlich genug für den Wohnungsbau getan haben, bezweifelt Wohnraumexpertin Sailer. Sie wirft ihnen vor, zu wenige Anreize für Bauherren geboten und zu wenige Wohnungen gebaut zu haben. Nur wenn Länder und Kommunen potenziellen Investoren Steuervorteile böten, sei für sie ein sozialverträglicher Bau von Wohnungen interessant. Auch der Städtetag forderte staatliche Fördermittel für Sozialwohnungen: "Es kann nicht sein, dass sich der Bund und die Länder aus dem Wohnungsbau zurückziehen", sagte Präsident Christian Ude (SPD).

Sigmar Gude (Soziologe) zur Entwicklung der Mietpreise
tagesschau24 14:30 Uhr, 29.01.2013

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Mittlerweile sind aber auch Mieter von Sozialwohnungen von den stark steigenden Mietpreisen betroffen. Wie das ARD-Politikmagazin "Report Mainz" am Dienstag unter Berufung auf den DMB berichtete, gibt es in Hamburg, Freiburg und Berlin Mietsprünge von bis zu 100 Prozent. Tausende Sozialmieter in Deutschland seien von drastischen Mieterhöhungen betroffen, obwohl sie im geförderten sozialen Wohnraum eigentlich vor starken Preissprüngen geschützt sein sollten.

Die SPD hat die "Wuchermieten" bereits als Wahlkampfthema entdeckt: Für das Programm "Soziale Stadt" sollen fünf Milliarden Euro bereitgestellt werden. Zwei Milliarden Euro seien bereits im Haushalt für bestehende Stadtentwicklungsprogramme enthalten, drei Milliarden Euro sollten durch Umschichtungen im Bundeshaushalt erwirtschaftet werden, sollte die SPD nach der Bundestagswahl im Herbst die Regierung übernehmen.

Makler weisen Vorwürfe zurück

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück (Bildquelle: dpa)
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Peer Steinbrück macht mit der Wohnungsknappheit bereits Wahlkampf. Fünf Milliarden Euro will der SPD-Spitzenkandidat in das Projekt "Sozial Stadt" investieren.

Der Verband der Immobilienwirtschaft (IVD) - die größte deutsche Lobbyorganisation für Makler und Hausverwalter - wirft der SPD und dem Mieterbund jedoch vor, die Debatte zu dramatisieren und mit den Ängsten der Bürger zu spielen.

"Die Mieten haben in den vergangenen fünf Jahren aufgeholt, um wieder auf das Niveau von vor 20 Jahren zu gelangen", sagt Jürgen Michael Schick, Vizepräsident des IVD. Tatsächlich seien die Mieten für Neuverträge seit 1992 um 9,4 Prozent, in den Top-10-Städten um 13,6 Prozent gestiegen. Da die allgemeine Inflation im selben Zeitraum über 40 Prozent betrage, lägen die realen Mieten 2012 deutlich unter dem Niveau von vor 20 Jahren, so der IVD-Wohn-Preisspiegel (pdf). Das gelte auch für die Top-Städte München, Hamburg und Berlin.

Dieser Rechnung widerspricht der Mieterbund energisch. Sein Sprecher Ulrich Ropertz bezeichnet die IVD-Analyse als einen "simplen Ablenkungsversuch" von den aktuellen Wohnungs- und Mietenproblemen. "Den Mietern, die in deutschen Großstädten hohe Preise zahlen, helfen Zahlen aus der Vergangenheit oder bundesweite Durchschnittswerte nicht", so Ropertz. Tatsache sei, dass Mieter in Großstädten, Ballungszentren und Universitätsstädten noch nie so hohe Mieten zahlen mussten wie heute.

Textmarker mit markierter Wohnungsannonce (Bildquelle: picture alliance)
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In deutschen Großstädten werden zunehmend höhere Mietpreise verlangt. Berechne man aber die Inflation mit ein, lägen sie deutlich unter dem Niveau von vor 20 Jahren, behauptet der Immobilienverband IVD.

Stand: 06.02.2013 14:23 Uhr

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