Angela Merkel in Schkeuditz | Bildquelle: dpa

Kritik an Merkel bei Auftritt in Sachsen "Das ist nicht mehr unsere CDU"

Stand: 15.10.2015 02:07 Uhr

Der Auftritt der Kanzlerin bei der Ost-CDU liefert Szenen der Entfremdung. "Viele können Ihren Satz 'Wir schaffen das' nicht mehr hören", giftet ein Redner. Und auf einem Plakat prangt gar die Forderung: "Merkel entthronen."

Von Tom Schneider, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Schkeuditz

Regelmäßige Besucher großer Hallen-Events kennen das: Es gibt nichts Quälenderes als den Moment, in dem das Publikum erkennt, dass es mit der sich redlich mühenden Vor-Band so rein gar nichts anfangen kann. Der Funke springt einfach nicht über. Kann er ja auch nicht, weil alle nur auf den Top-Act warten. Das ist oft ungerecht, aber so ungerecht ist eben das Showgeschäft, damit muss sich auch die Politik abfinden, wenn sie in die große Halle bittet.

Die Vor-Band an diesem Abend in einem Gewerbegebiet in Schkeuditz vor den Toren Leipzigs ist ein Gute-Laune-Quartett um CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Die CDU verjüngen wollen die strahlenden Menschen auf der Bühne, doch der Saal kommt erst dann zum ersten Mal in Fahrt, als Ober-Strahlemann Armin Laschet aus Nordrhein-Westfalen nach gut 30 Minuten den einen goldenen Satz sagt: "Jeder, der zu uns kommen will, muss unsere Sprache lernen wollen und sich an die deutsche Leitkultur halten." Da brandet kurz so etwas wie Begeisterung unter den 1000 angereisten CDU-Mitgliedern auf, wodurch ziemlich schnell erklärt ist, was der Parteibasis derzeit am dringendsten fehlt.

Ein Mann hält am 14.10.2015 auf einer CDU-Veranstaltung ein Plakat mit der Aufschrift "Flüchtlingschaos stoppen! Deutsche Kultur + Werte erhalten. Merkel enttrohnen!" in die Höhe | Bildquelle: dpa
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Scharfe Kritik der Basis in Sachsen: Ein Mann hält ein Plakat mit der Aufforderung in die Höhe, Merkel zu "entthronen".

"Frau Merkel, machen Sie die Grenzen dicht"

Die Verantwortung für das, was fehlt, trägt aus Sicht vieler Unionsmitglieder der Top-Act des Abends - was insofern logisch ist, als Angela Merkel die bisher unangefochtene Führungsfigur der CDU ist. Doch bei der Flüchtlingspolitik bekommt das Führungsmodell Merkels erstmals Risse. Ganz leichte nur, aber sind diese erst sichtbar, setzen sie sich blitzschnell fort. "Frau Bundeskanzlerin, unter Ihrer Führung und der von Herrn Tauber ist die CDU nicht mehr unsere Partei", nimmt ein rotwangiger Jung-Stadtrat aus Leipzig all seine Courage zusammen.

Andere folgen. "Merkel entthronen", steht auf einem Transparent, das ein ganz Mutiger zu Beginn der Rede der Parteivorsitzenden in die Luft reckt. "Sie werden wissen, dass viele Ihren Satz 'Wir schaffen das' nicht mehr hören können", giftet ein Parteimitglied aus Thüringen. Und ein Sachse fordert: "Frau Bundeskanzlerin, machen Sie die Grenzen dicht!"

Es sind nicht die üblichen Nörgler - das macht die Sache gefährlich

Die Parteistrategen würden diese Anwürfe nur allzu gern als besonders offene Form der Diskussionskultur verkaufen. Doch Tatsache ist: In der CDU wird mehr als nur diskutiert, seit Angela Merkel den Flüchtlingen ihre Arme ausbreitet. Das gilt auch für die Unionsfraktion im Deutschen Bundestag. Am Dienstag ging es dort derart offenherzig zu, dass manch altgedienter Parteisoldat sogar von einer denkwürdigen Sitzung sprach.

Was die Parteichefin dabei sorgen sollte: Es sind gerade nicht die notorischen Nörgler, die sich jetzt zu Wort melden, sondern die, die sich sonst meist zurückhalten. In normalen Zeiten sind es diese Abgeordneten wie Clemens Binninger, die der Parteiführung den Rücken freihalten. Jetzt attestiert er der Kanzlerin nach minutenlangem Wortscharmützel, dass sie offenbar eine völlig andere Auffassung in der Flüchtlingspolitik habe als er.

Die Antwort der Kanzlerin? Sie doziert

Die Kanzlerin begegnet diesen Angriffen vor allem staatsmännisch, in Schkeuditz doziert sie vor dem versammelten Parteivolk der Ost-CDU über die großen geopolitischen Zusammenhänge: die Mängel in der EU-Politik, die Fassbomben von Syriens Präsident Bashar al-Assad, die Türkei, der bei der Bewältigung des Flüchtlingszuzugs eine Schlüsselrolle zukommen müsse.

Merkel bekommt am Ende sogar Applaus dafür, weil Staatschefin sein ja auch ganz gut passt zu den Welt-Problemen, die mit einem Schlag selbst vor der ostdeutschen Provinz nicht halt machen. "Abschotten hat schon in der DDR nicht so gut geklappt". Diese Pointe bringt der Kanzlerin dann sogar ein paar Lacher ein.

Als Merkel die fast drei Stunden Dialog mit ihrem Parteivolk hinter sich gebracht hat, wird sie wie eh und je umgarnt, übrigens auch von den vier Mitgliedern ihrer Vor-Band. In Sachen Offenheit und Zukunftsgewandheit könne der CDU wirklich niemand etwas vormachen, ist man sich einig. Das Gegrummel der Enttäuschten, die schnell den Saal verlassen, dringt hierher nicht mehr vor.

Korrespondent

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