Kommentar

Anne Will im Gespräch mit Angela Merkel

Kanzlerin Merkel bei "Anne Will" "Ein Befreiungsschlag war das nicht"

Stand: 08.10.2015 13:47 Uhr

Bei "Anne Will" findet Kanzlerin Merkel zur Flüchtlingskrise gestern klare Worte und bleibt bei ihrem Mantra "Wir schaffen das". Nur bei der Frage nach dem Wie lässt sie Zweifler nach wie vor ratlos zurück.

Von Annekarin Lammers, HR, ARD-Hauptstadtstudio

Nein, ein Befreiungsschlag war das nicht, der Auftritt der Kanzlerin gestern bei "Anne Will". Die Rufe nach einer Begrenzung der Einwanderung werden lauter und drängender, je mehr Flüchtlinge kommen und je näher der Winter rückt.

Auch Horst Seehofer, der bayerische Ministerpräsident und seine CSU werden nicht zufrieden sein. Sie hatten gehofft, die Kanzlerin werde endlich Worte finden, um Grenzen zu setzen, um der Überforderung ein Ende zu bereiten. Doch nichts dergleichen. Und auch innerhalb der CDU wird der Widerstand auf allen Ebenen weiter wachsen. Der gestrige Brandbrief der CDU-Kommunal- und Landespolitiker wird nur der Auftakt für den wachsenden Unmut gewesen sein.

"Es gibt den Aufnahmestopp nicht"

Kein Befreiungsschlag also, kein Pathos, keine Versprechungen, stattdessen aber eine klare Haltung: "Es gibt den Aufnahmestopp nicht", weil es ihn in der Realität nicht geben kann. So nüchtern, so klar, so ehrlich. Ein Europa der offenen Grenzen, der Wertegemeinschaft, die die Menschenwürde achtet, das will Merkel nicht preisgeben, da ist sie glasklar. Und sie bleibt bei ihrem hoffnungsfrohen Mantra: "Wir schaffen das".

Ein Rezept dafür hat sie allerdings nicht, das wird in der einen Stunde klar, die die Kanzlerin von Anne Will befragt wird. Doch wer hätte schon ein Rezept? "Ich habe einen Plan", sagt sie zwar, aber der Ausgang hänge nicht alleine von ihr ab.

Merkel bei Anne Will - die ganze Sendung
Anne Will 21:45 Uhr, 07.10.2015

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Blass und farblos - nichts Konkretes

Den Fokus legt sie auf die Bekämpfung der Fluchtursachen, doch da gibt es tatsächlich viele Unbekannte und Mitspieler, auf die sie nur begrenzt Einfluss hat. Den Krieg in Syrien beenden, Flüchtlinge in den Nachbarländern besser unterstützen, die Türken motivieren, ihre Grenzen zu schützen, Europa zu mehr Solidarität auffordern. Alles richtig, aber allenfalls mit Aussicht auf mittel- oder langfristigen Erfolg. "Die Bundesregierung hat den Konflikt in Syrien fünf Jahre ignoriert, das kann man in fünf Wochen nicht beheben", so der Vorwurf der Grünen.

Blass und farblos bleibt sie bei den Problemen im Inland, nichts Konkretes ist da von ihr zu hören. Ordnung wieder herstellen, Verfahrensdauer beschleunigen, besser steuern - das sind Schlagworte, allerdings ohne viel Substanz. Stolz sei Merkel. Und all jenen dankbar, die sich einsetzen. "Deutschland ist ein tolles Land, ich mag mein Land, Millionen mögen Deutschland", sagt sie etwas hölzern.

Kanzlerin fehlt Blick nach vorne

Mitreißend ist das nicht. Doch immerhin glaubt man ihr, dass sie die Flüchtlingskrise zur Chefsache machen und das Problem anpacken will. Mit all ihrem Einsatz und so wie es ihre Art ist, Schritt für Schritt und mit der Maßgabe: "Ich habe mich entschieden, keine falschen Versprechungen zu  machen."  Merkel fährt auf Sicht, wie so oft, was fehlt ist der Blick nach vorne. Wohin will sie einen mitnehmen, was ist ihre Vision?

"Mulitikulti halte ich für eine Lebenslüge", sagt die Kanzlerin. Doch was dann? Darauf sucht sie gar keine Antworten, da bleibt sie schwach. "Wenn wir das geschafft haben", sagt sie, dann "werden zu dem 'Wir' ein paar mehr dazu gehören".

Pragmatismus und Ehrlichkeit - das sind ein gutes Pfund. Doch ob Merkel damit die Zweifler mitnehmen kann, wenn der Blick nach vorne fehlt und die Last immer schwerer wird?

Reaktionen der Parteibasis auf Merkel-Interview
tagesschau 20:00 Uhr, 08.10.2015, Oliver Köhr, ARD Berlin

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