Interview

Die Klatschpresse und ihr Umgang mit Behinderten Reich, berühmt, behindert?

Stand: 23.08.2007 22:29 Uhr

Prominente sollen vor allem dreierlei sein: schön, schillernd und makellos. Behinderungen passen nicht ins Bild. Wolfgang Schäuble, Heather Mills oder Andrea Bocelli sind aber nun einmal berühmt. Wie die Klatschpresse mit ihnen und ihrem Handicap umgeht, schildert Astrid Saß, stellvertretende Chefredakteurin der "Gala".

tagesschau.de: Frau Saß, hat es schon einmal ein Mensch mit Behinderung auf Ihre Titelseite geschafft?

Astrid Saß, stellvertretende Chedredakteurin der "Gala"
galerie

Astrid Saß, stellvertretende Chedredakteurin der "Gala"

Saß: Heather Mills zum Beispiel. Schon mehrmals. Aber nicht, weil sie eine Beinprothese hat, sondern wegen ihrer Ehe mit Paul McCartney und der anschließenden Scheidung. Nur aufgrund einer Behinderung würden wir niemanden auf den Titel holen. Das passt nicht zu uns.

tagesschau.de: Diese Zurückhaltung zeigt die Klatschpresse bei anderen Themen oft nicht. Warum hier?

Saß: Das weiß ich nicht. Bei uns steht sowieso die positive Berichterstattung im Vordergrund. Aber auch andere Blätter zeigen tatsächlich mehr Zurückhaltung beim Thema Behinderung als sie das etwa bei Skandalen oder Seitensprüngen tun. Vielleicht, weil man mehr Respekt hat vor einem Leben mit Behinderung.

Unter dem Künstlernamen Marilyn Monroe wurde Norma Jean Mortensen weltweit bekannt.
galerie

Soll gestottert haben: Marilyn Monroe

Carl Gustaf von Schweden
galerie

Hat eine Leseschwäche: König Carl Gustaf von Schweden

tagesschau.de: Marilyn Monroe hat vermutlich gestottert. Die Medien und sie selbst haben das geheim gehalten. Gibt es so etwas wie eine Dunkelziffer von Behinderungen bei Prominenten?

Saß: Es gibt Prominente, die versuchen, ihre körperlichen oder geistigen Schwächen zu kaschieren. Der schwedische König und seine Kinder zum Beispiel haben eine starke Lese- und Rechtschreibschwäche. Darüber haben sie lange geschwiegen. Aber irgendwann haben sie es öffentlich gemacht - vielleicht auch, weil sie gemerkt haben, dass es sie nur normaler und sympathischer macht.

tagesschau.de: Vielleicht auch, weil der Mediendruck zu groß war?

Saß: Zu Marilyn Monroes Zeiten war das Verheimlichen in jedem Fall noch leichter. Heute wäre der Aufwand viel größer, eine Schwäche oder Behinderung zu verstecken. Dann ist es einfacher, sie preiszugeben. Und Menschen wie der Baritonsänger Thomas Quasthoff zum Beispiel – die sind so grandios, da spielt Behinderung gar keine Rolle.

tagesschau.de: Vielleicht spielt die Behinderung keine Rolle, aber das Äußere, das bei Stars häufig im Vordergrund steht?

Saß: Das ist ein delikater Punkt. Ich finde, dass jemand wie Thomas Quasthoff sein Leben in der Öffentlichkeit wunderbar meistert und damit ein tolles Vorbild sein kann. Auch wenn viele Menschen auf den ersten Blick verwundert sind.

Das Interview führte Janina Kalle für tagesschau.de

Darstellung: