Jahrestag Elysee-Vertrag sorgte auch für Argwohn

Stand: 30.08.2007 00:18 Uhr

Die politische Lage ist explosiv, als Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 im Pariser Elysée-Palast per Vertrag die Zusammenarbeit ihrer Länder besiegeln. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen fallen die Staatsmänner einander in die Arme. Die Gründerväter der deutsch-französischen Zusammenarbeit verlierten indes ihre nationalen Interessen nicht aus den Augen.

Deutschland will vor allem ein Zeichen der Versöhnung sehen, rasch ist von einem "Freundschaftsvertrag" die Rede. Ex-General de Gaulle scheint der

Welt trotzig einen neuen engsten Verbündeten zu präsentieren - und

stößt damit Amerikaner und Briten vor den Kopf.

Deutschland wollte sich wieder auf die Weltbühne hieven

Auf dem Weg zur Aussöhnung waren die einstigen "Erbfeinde" knapp

zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg bereits weit vorangekommen. Gemeinsam traten sie in der Kathedrale von Reims auf und vor dem Bonner Rathaus sprach de Gaulle auf Deutsch zum "großen deutschen Volk".

Doch das Verhältnis war nie exklusiv: Auch US-Präsident John F. Kennedy und die Queen wurden in den sechziger Jahren als Hoffnungsträger auf dem Marktplatz der westdeutschen Hauptstadt begrüßt. Das Wirtschaftswunderland Deutschland drängte auf die Weltbühne. Die Zusammenarbeit mit Paris war dafür von Anfang an ein Vehikel.

Beziehungen zur angelsächsichen Welt sind gespannt

Nur eine Woche vor dem Vertragsschluss im Elysée-Palast hatte de Gaulle die Aufnahme Großbritanniens in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) blockiert und damit die Einigung Europas um ein Jahrzehnt verzögert - die Briten traten schließlich erst 1972 bei.

Auch die Pariser Bindungen zu den USA waren zum Zerreißen gespannt. Den Vormachtanspruch der Amerikaner wollte de Gaulle nicht gelten lassen. Er pochte auf Frankreichs eigene Atom-Streitkraft und lehnte die von Kennedy betriebene multilaterale Truppe (MLF) ab. Im Elysée-Vertrag verpflichteten sich Deutschland und Frankreich unter anderem, in allen wichtigen Fragen der Außenpolitik eine gemeinsame Linie zu suchen, zum Beispiel auf Gipfeltreffen mindestens zwei Mal im Jahr.

In Deutschland streiten sich "Atlantiker" und "Gaullisten"

Nicht nur die angelsächsische Welt sah anfangs mit Argwohn auf die Entente. Viele Abgeordnete in Adenauers CDU wehrten sich, bei der Westbindung der Bundesrepublik einseitig auf Frankreich zu setzen. "Atlantiker" um den Kanzler-Nachfolger Ludwig Erhard und den damaligen Außenminister Gerhard Schröder (beide CDU) stritten noch jahrelang mit den "Gaullisten".

Der bei Vertragsschluss 87-jährige Kanzler musste sich herbe Schelte anhören.  Schließlich verpasste der Bundestag, in dem CDU/CSU und FDP eine Mehrheit besaßen, dem Werk eine "atlantische" Präambel, in der die wichtige Rolle der

USA, der NATO, der Wunsch nach einem EWG-Beitritt Großbritanniens und der deutschen Wiedervereinigung betont wurden.

Sorge in Frankreich über die "germanischen Dämonen" 

Auch de Gaulle kam nicht ohne Schrammen davon. "Die westliche Allianz lockert sich, die östliche Allianz ist nicht in Aussicht", brachte sein späterer Nachfolger François Mitterrand in der Nationalversammlung die Gefühlslage auf den Punkt. Das Bündnis werde "Frankreich wenig, Deutschland aber viel nützen", Paris habe damit die erstrebte Führungsrolle verspielt. Das Ziel der Aussöhnung bestritten die Franzosen nicht, auch wenn einige sich weiter sorgten, ob ihr drei Mal innerhalb dreier Generationen von Deutschland mit Krieg überzogenes Land die "germanischen Dämonen" tatsächlich würde bändigen können.

  

Dass es in der Politik bei allen deutsch-französischen Gesten weniger um echte Freundschaft als um Interessen geht, wusste auch de Gaulle. Dennoch kommentierte der 72-jährige im Juli 1963 bei seiner ersten Deutschland-Visite nach dem Elysée-Festakt die deutsche Präambel verschnupft: "Verträge sind wie Rosen und junge Mädchen: Sie halten nur einen Morgen." Später klagte er über die nach Adenauers Ausscheiden aus dem Amt immer ergebnisärmere Zusammenarbeit.

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