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Die Zulassung eines neuen Medikaments gegen die häufigste Erblindungsursache im Alter ist eigentlich eine gute Nachricht. Allein: "Lucentis" vom Pharmakonzern Novartis kostet etwa 30 Mal mehr als ein zuvor verwendetes Präparat des gleichen Herstellers. Und das darf nun nicht mehr verschrieben werden. Ein Lehrbeispiel aus dem Irrgarten des deutschen Gesundheitssystems.
Von Patrick Hünerfeld, SWR, für tagesschau.de
Wegen des neu zugelassenen Augenmedikaments "Lucentis" droht eine Kostenlawine im Gesundheitswesen. Das Mittel wird gegen die feuchte Altersbedingte Makuladegeneration (AMD) eingesetzt. Diese Augenkrankheit ist in Deutschland die häufigste Erblindungsursache im Alter. In Studien hat das neue Arzneimittel eindrucksvoll seine Wirksamkeit bewiesen. Das Problem: "Lucentis" ist sehr teuer, die Einzeldosis kostet über 1500 Euro.
[Bildunterschrift: Unscharfe Nebel, alle Linien krumm und wellig: So verändert AMD die Wahrnehmung ]
Die Firma Novartis, die "Lucentis" in Deutschland vertreibt, rechnet mit jährlich rund 25.000 zu behandelnden Patienten. Sie empfiehlt eine dreimalige Anwendung des Arzneimittels und weitere Anwendungen nur, wenn eine Verschlechterung der Sehfähigkeit eintritt. Dagegen gehen viele Experten derzeit von einer monatlichen Anwendung aus, wie in den großen Studien, die mit "Lucentis" durchgeführt wurden. Sie schätzen zudem, dass weit mehr Patienten, nämlich über 400.000, grundsätzlich für die Therapie in Frage kommen. Dann würden grob hochgerechnet Kosten von bis zu sieben Milliarden Euro jährlich drohen. Zum Vergleich: die Gesetzlichen Krankenkassen geben im Jahr derzeit rund 25 Milliarden Euro für alle Arzneimittel aus.
Brisant daran ist: Führende Arzneimittelexperten bezweifeln, dass der hohe Preis von "Lucentis" überhaupt gerechtfertigt ist. So sieht Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, in dem Medikament eigentlich nur eine Weiterentwicklung eines bereits vorhandenen Antikörpers. "Man muss betonen, dass der Hersteller natürlich für die Veränderung des Antikörpers und die klinischen Studien viel Geld aufwenden musste", sagt Ludwig. "Das rechtfertigt aber aus meiner Sicht in keiner Weise den sehr hohen Preis. Und ich denke, dass der pharmazeutische Hersteller hier eine Situation ausgenutzt hat, nämlich die, dass kein alternatives Präparat vorhanden ist und er für sein Monopol einen horrenden Preis verlangt."
[Bildunterschrift: Die günstigere Alternative: Das Krebsmedikament Avastin ]
Dabei gäbe es neben "Lucentis" eigentlich noch ein anderes Medikament: "Avastin" - von der gleichen amerikanischen Firma entwickelt wie "Lucentis" und mit diesem sehr eng verwandt. "Avastin" ist allerdings offiziell ein Krebsmedikament. Augenärzte haben es jedoch schon länger erfolgreich gegen die AMD eingesetzt, ohne dass es dafür zugelassen war.
"Avastin" kostet, dosiert für ein Auge, rund 50 Euro - 30 Mal weniger als "Lucentis". Seit das neue Medikament zugelassen ist, kann dieses billige, nicht für die AMD-Behandlung zugelassene Mittel im Grunde nicht mehr am Auge eingesetzt werden. Dafür bräuchte es jetzt nämlich auch eine Zulassung, und die kann nur der Hersteller beantragen.
[Bildunterschrift: Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheitswesen, kritisiert die Macht der Hersteller ]
Prof. Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheitswesen, übt generelle Kritik an den Rahmenbedingungen für die Zulassung und Kostenfestsetzung bei Arzneimitteln. Leider bestimme nicht das Gesundheitssystem, nicht die Gesetzliche Krankenkasse, wo man ganz bestimmte Produkte zulassen sollte, sondern ausschließlich der Hersteller, sagt Glaeske. "Und wenn dann auch noch ausschließlich der Hersteller - anders als in allen anderen europäischen Ländern - bei uns in Deutschland alleine den Preis bestimmt, ohne jede Verhandlung vorweg, ohne dass man darüber spricht, wie teuer das Arzneimittel sein darf, dann hat man genau die Situation die wir hier vorfinden, nämlich Kapitalismus pur. Es wird das aus dem Markt, aus der Gesetzlichen Krankenversicherung herausgepresst, was möglich erscheint." Das halte er für einen grundsätzlichen Fehler im System, so Glaeske weiter. "Wir müssen über Preise verhandeln!"
Tatsächlich laufen derzeit bereits die ersten Verhandlungen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Kassen und Novartis führen wohl Gespräche über eine Art Rabatt für "Lucentis". Aber solange es Pharmafirmen vollkommen frei steht, wie hoch sie den Preis bei neuen Arzneimitteln ansetzen, haben die Kassen wenig Druckmittel in solchen Verhandlungen. Für Kritiker kommt diese Regelung der freien Preisbildung daher im Grunde einer Einladung zur Selbstbedienung gleich.
Für das Bundesgesundheitsministerium ist die freie Preisbildung eine Innovationsförderung die auch eine schnelle Versorgung mit neuen Medikamenten unterstützt. Dabei sei die Wirtschaftlichkeit zu beachten. Das Ministerium schreibt auf Anfrage: "Wenn 'Lucentis' tatsächlich vielen Menschen das Augenlicht retten kann, dann wollen wir, dass die Krankenversicherung dies auch bezahlt."
Novartis, um eine Stellungnahme zu der "Lucentis"-Problematik gebeten, will im Hinblick auf die laufenden Verhandlungen momentan keine Erklärung abgeben. Ob diese Verhandlungen zu einem vernünftigen Ergebnis führen, bleibt abzuwarten. Hoffentlich geht es nicht bloß darum, wie hoch die Zeche ist, die die Beitragszahler für die Gewinne der Pharmaindustrie zahlen müssen.
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