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22.03.2010

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Inland

Heilung am Zyklopentisch

Von Thomas Trösch

Sie sehen aus wie Zyklopen-Tische - die Taulas auf der Balearen-Insel Menorca. Die Steintische gelten als iberisches Äquivalent zum englischen Stonehenge - nicht so bekannt, doch in ihrer Funktion ähnlich umstritten. Ihren Namen verdanken die Taulas (katalanisch für "Tisch") ihrer charakteristischen Gestalt: zwei, manchmal auch drei tonnenschwere Steinblöcke, T-förmig zu einem bis zu sechs Meter hohen Tisch aufgetürmt und meist im Zentrum eines Steinkreises platziert.

Die Taulas von Menorca (Foto: Christian Röwekamp) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Einer der Taulas von Menorca ]
Über die Bedeutung dieser nur auf Menorca zu findenden Monumente ist viel spekuliert worden: Begräbnisstätte, Altar für Menschenopfer oder astronomisches Observatorium sind nur einige der in der Vergangenheit geäußerten Vermutungen. Der britische Wissenschaftler Michael Hoskin von der Universität Cambridge hat nun seine Deutung der mystischen Steine präsentiert.

Lösung am Himmel?

Anders als klassische Archäologen blickt er dabei allerdings weniger unter die Erde. Der Spezialist für Astronomiegeschichte orientiert sich in genau entgegengesetzter Richtung. Am Himmel vermutet er die Lösung für das Rätsel der Taulas, genauer: am Nachthimmel vor 3000 Jahren.

Praktisch alle 30 bislang entdeckten Taulas sind nach Süden ausgerichtet. "Das kann kein Zufall sein", so der Wissenschaftler. Heute hat der menorcinische Nachthimmel in dieser Richtung nur wenig Auffälliges zu bieten, zur Zeit der Entstehung der Monumente um 1000 v. Chr. war dies jedoch ganz anders. Damals eröffnete sich einem nächtlichen Besucher der Taulas ein eindrucksvoller Blick auf das Sternbild Centaurus. Für Hoskin ist dies der Schlüssel zum Verständnis der Steintische. Er vermutet, dass an den Taulas einst für die Heilung von Kranken gebetet wurde. Demnach war die zweitgrößte Balearen-Insel einst vielleicht ein Wallfahrtszentrum ähnlich wie heute Lourdes.

Altäre für den Gott der Heilkunst

Zur Begründung verweist der Wissenschaftler auf die griechische Mythologie. Der Zentaur Chiron gilt dort als Lehrer von Asklepios, dem Gott der Heilkunst. "Natürlich wissen wir nicht, ob die Erbauer der Taulas eine vergleichbare Mythologie hatten", so der Forscher. Immerhin galten die Menorciner jener Zeit als gute Seefahrer, die Gelegenheit zum "Import" fremder Kultur, etwa eines Chiron-Kultes, war also durchaus vorhanden. Möglicherweise gehörten sie auch zu den so genannten "Seevölkern", die um 1200 v. Chr. den östlichen Mittelmeerraum verheerten – auch Teile Griechenlands.

Hoskins Theorie liefert eine Erklärung für den bedeutendsten archäologischen Fund in den Taulas, eine altägyptische Bronzestatue. Auf ihr findet sich in Hieroglyphen die Inschrift "Ich bin der Gott der Heilkunst". Für den Forscher deutet sich in diesem und anderen Funden eine mehr als nur lokale Bedeutung der Taulas an. "Die Heiligtümer könnten als Heilplätze eine ähnliche Bedeutung gehabt haben wie heute Lourdes", so Hoskin. Die Statue wäre dann vielleicht ein Weihegeschenk gewesen, von auswärtigen Pilgern am Ort ihres Gebetes zurückgelassen.

Stand: 02.04.2004 09:45 Uhr
 

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