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Über Jahrhunderte starben die meisten Menschen in Deutschland jung. Die Bevölkerungszahlen stiegen und fielen in Wellen. Innerhalb eines Jahrhunderts änderten sich Lebenserwartung und Bevölkerungswachstum dramatisch. Jetzt werden die Deutschen immer älter. Ein Blick in die Geschichte zeigt die Ursachen - und dass das Phänomen ohne historisches Beispiel ist.
Von Insa Holst
Im Mittelalter beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung 25 bis 32 Jahre. Zwar gibt es auch Menschen, die um einiges älter werden. Aber jedes zweite Kind stirbt, bevor es das Jugendalter erreicht hat. Hungersnöte verursachen Mangelernährung und Krankheiten, und von ärztlicher Kunst kann noch kaum die Rede sein. Kriege und vor allem Seuchen wie die Pest treiben die Sterberaten in die Höhe. Die Bevölkerungszahlen im Mittelalter steigen und sinken wellenartig.
Um etwa 1800 beginnt die Sterblichkeit in Deutschland jedoch zu sinken. Große Seuchen und Kriege bleiben aus. Und: die Ernährung wird besser. Gleichzeitig werden mehr Kinder geboren, denn in verschiedenen Teilen des Landes werden die Heiratsbeschränkungen aufgehoben. Zudem schafft die einsetzende Industrialisierung Arbeit. Und wer Arbeit hat, kann eine große Familie ernähren.
Im 19. Jahrhundert ist ein Drittel der Bevölkerung jünger als 15 Jahre. Ab 1850 steigt die Lebenserwartung dank immer besserer Ernährung und hygienischer Bedingungen stark. Die Geburtenraten schießen in die Höhe, während gleichzeitig die Kindersterblichkeit sinkt. Im Kaiserreich explodiert die Bevölkerung geradezu, so dass viele Menschen nach Übersee auswandern. 1910 gleicht die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung einer nahezu perfekten Pyramide.
1914 ziehen die Männer in den Weltkrieg – die Geburtenrate sinkt plötzlich. Millionen junger Männer sterben. Die Entbehrungen des Krieges steigern zudem die Sterblichkeitsrate der Säuglinge. Und ab 1918 treibt eine Grippeepedemie die Zahl der Toten weiter in die Höhe. Im "Dritten Reich" wollen die Nazis mit ihrer Rassenpolitik die Geburtenrate steigern. Das "Lebensborn"-Projekt soll zudem der gezielten Zucht einer "Herrenrasse" dienen. Doch der begonnene Krieg "frißt seine Kinder".
Eine Spätfolge des Zweiten Weltkrieges Ende ist ein Babyboom vom Ende der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Nun werden im Krieg aufgeschobene Hochzeiten nachgeholt – und der wirtschaftliche Aufstieg in Deutschland ermuntert zur Gründung von Mehrkinderfamilien. Die durchschnittliche Geburtenrate pro Frau liegt bei 2,5.
[Bildunterschrift: Ohne historisches Vorbild: der steigende Bevölkerungsanteil älterer Menschen ]
Dem rasanten Geburtenanstieg folgt nach 1965 eine noch rasantere Talfahrt. Der so genannte "Pillenknick" halbiert die Zahl der Geburten innerhalb von zehn Jahren nahezu - ein Phänomen, das alle modernen westlichen Gesellschaften erfasst. Zwei der vielschichtigen Ursachen: Die gesellschaftliche Rolle der Frau wandelt sich. Viele Frauen wollen berufstätig sein, nicht nur für Haushalt und Kindererziehung da sein. Zudem steigen die individuellen Lebensansprüche –Kinder kosten Geld und Zeit. Seitdem bekommt jede Frau (in Westdeutschland) durchschnittlich etwa 1,4 Kinder. Zuwenig, damit sich die einheimische Bevölkerung reproduzieren kann: Dafür wäre eine Geburtenrate von 2,1 pro Frau notwendig.
Parallel zu diesen Entwicklungen steigt seit dem Zweiten Weltkrieg die Lebenserwartung stetig. Medizin, Hygiene und Gesundheitsvorsorge machen immer weitere Fortschritte. Und der weiter zunehmende Wohlstand sorgt dafür, dass die Menschen immer älter werden.
Nach vielen hundert Jahren gleichbleibend niedriger Lebenserwartung hat sich in Deutschland (wie in anderen heutigen Industrienationen) also innerhalb eines einzigen Jahrhunderts ein dramatischer Wandel vollzogen. Die Lebenserwartung ist um mehr als 30 Jahre gestiegen. Ein neugeborener Junge hat heute eine durchschnittliche Lebenserwartung von rund 75,4 Jahren. Bei den Mädchen beträgt sie 81,2 Jahre. Aus einer wachsenden, jungen deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ist eine schrumpfende, alternde geworden.
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