Beitrag von Horst-Eberhard Richter "Frieden kann es nur durch Humanisierung geben"

Stand: 27.08.2007 13:03 Uhr

Das gemeinsame Projekt "Essays zur Sicherheitsdebatte" von tagesschau.de und der Bundeszentrale für politische Bildung eröffnet neue Perspektiven in der aktuellen Terrordiskussion. Namhafte Autoren wurden gebeten, in einem Beitrag zu schildern, wie sie persönlich - vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte und Erfahrungen – die Auseinandersetzung empfinden.

Von Horst-Eberhard Richter

Horst-Eberhard Richter
galerie

Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Horst-Eberhard Richter

Als Anfang der achtziger Jahre Ärzte aus Ost und West die Organisation "Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges" schufen (ich war Mitbegründer der westdeutschen Sektion), war unsere Idee: Es gibt im Zeitalter der Nuklearwaffen nur eine gemeinsame Sicherheit, denn ein Atomkrieg kennt keine Grenzen. Ich konnte durch diese Organisation in Washington wie in Moskau und hierzulande in Vorträgen immer wieder davor warnen, das Vertrauen in unsere Kraft zur Verständigung dem Vertrauen in die atomare Abschreckung zu opfern. Dann kam in Moskau Gorbatschow an die Macht, der auf dem berühmt gewordenen internationalen Friedensforum 1987 genau diese Idee vertrat: Sicheren Frieden könne es nur durch Humanisierung der internationalen Beziehungen geben.

"Ich erlebte, wie McNamara zum Atomwaffengegner wurde"

Ich hatte das Glück, nach Gorbatschows Rede in einen kleinen Kreis aufgenommen zu werden, aus dem eine Stiftung wurde, die Gorbatschow begleitete und betreute. Da erlebte ich, wie der US-Ex-Verteidigungsminister McNamara und der Erbauer der ersten russischen Wasserstoffbombe Sacharow, beide Mitglieder dieses Kreises, sich zu engagierten Atomwaffengegnern gewandelt hatten. Ich konnte in dieser Gruppe Gorbatschows erfolgreichen Kampf für die Ost-West-Entspannung miterleben – aber auch seine Niederlage im Drängen nach einer Eliminierung der Atomwaffen.

"Krieg gegen Terrorismus ist gefährlicher als Terrorismus"

Dann aber gewann bekanntlich unter Führung der USA der in unserem System verankerte Glaube die Oberhand: Wer in der Konkurrenz zu einer alle überragenden Stärke aufsteigt, kann seine Sicherheit allein durch seine militärische Überlegenheit und durch ein unverwundbar machendes Abwehrsystem erringen. Der 11. September widerlegte diesen Glauben. Noch so große Übermacht der Waffen und noch so perfekte Abschirmungs- und Überwachungssysteme schützen nicht gegen terroristische Selbstmörder. Der Irak-Krieg, der den Terrorismus besiegen sollte, hat ihn nur verschlimmert. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty nennt den Krieg gegen den Terrorismus sogar bereits gefährlicher als den Terrorismus selbst.

"Terror in Südafrika wurde durch Annäherung überwunden"

Dennoch wagt kaum jemand, daran zu erinnern, dass der Kalte Krieg und der Terror in Südafrika nicht im Kampf gegen das feindliche Böse, vielmehr durch Überwindung der Gut-Böse-Spaltung beendet wurden. In beiden Fällen hat die Idee der gemeinsamen Sicherheit gesiegt. Warum sollten nicht dort, wo der islamistische Terror entspringt, und dort wo der kriegerische Gegenterror inszeniert wird, solche Kräfte die Oberhand gewinnen können, die Annäherung wollen, die auf Zuhören und Sprechen mehr bauen als auf steinzeitliche sprachlose Gewalt? Dazu müsste der Westen Grundlagen schaffen, die heißen: Achtung statt Erniedrigung der islamischen Kultur, Beistand zur Überwindung der Armut - in Beherzigung der These von Peter Ustinov: "Terrorismus ist der Krieg der Armen gegen die Reichen. Der Krieg ist der Terrorismus der Reichen gegen die Armen."

"Motive der Sicherheitspolitik ähneln Kreuzzugseifer"

Jetzt müssten den Menschen die Augen aufgehen: Der Irak-Krieg wurde nicht für die Sicherheit der Welt geführt, denn die atomare Bedrohung war ja gar nicht da, und den Terrorismus hat er nur verschärft. Eine Politik, die dem Terrorismus nur neuen Nährboden liefert, ist also das Gegenteil von Sicherheitspolitik, ähnelt in ihren Motiven vielmehr eher dem Kreuzzugseifer, mit dem Papst Urban II. einst die christliche Welt gegen den islamischen Feind in eine Folge von Kreuzzugs-Kriegen schickte, die am Ende Hunderttausende von Opfern forderten. Wie damals ist heute der Antreiber einer, der sich vom Allerhöchsten zur Niederschlagung des Bösen berufen erklärt.

"Das Wort Sicherheit wird heute assoziiert mit Verfolgung"

Die Folge ist heute, dass das Wort Sicherheit bei vielen nur noch Assoziationen an Verfolgung, Angst, Überwachung, Polizei und Krieg hervorruft, obwohl nahe läge, Sicherheit im Sinne Mandelas eher mit Verständigung, Annäherung, wechselseitiger Anteilnahme, Versöhnung, Einfühlung und Gemeinschaftlichkeit zu verbinden. Aber diese Vision von gemeinsamer Sicherheit setzt eine Stimmung von Zuversicht voraus, von Vertrauen in die Kraft zur Humanisierung des Zusammenlebens und in den eigenen Willen, sich für dieses Ziel persönlich zu engagieren.

Wo aber eher Besorgnis und Pessimismus überwiegen, wird sich die erstgenannte Assoziationskette vordrängen. Das Irak-Desaster, die Verkettung von fundamentalistischer Gewalt und militärischer Gegengewalt, dazu die sichtbare Ohnmacht der kriegsablehnenden Mehrheiten – all das hat eher bedrückend gewirkt und regressive kindliche Wünsche nach Beschütztwerden verstärkt.

"Wahlen werden auch durch geschürte Ängste gewonnen"

Aber es gibt auch andere, die gerade in der moralischen Krise nach den Kriegslügen und den Folterskandalen eine Chance erkennen, sich für ein Umdenken zu engagieren, und die sich nicht von den periodischen Geheimdienstwarnungen vor angeblich unmittelbar bevorstehenden neuen Anschlägen in den USA und Westeuropa ins Bockshorn jagen lassen, die sich vielmehr fragen, ob das gezielte Anheizen von Angst und Hass nicht die fatale Gut-Böse-Spaltung in den Köpfen mit Bedacht erhalten soll. Wahlen werden nicht selten durch geschürte Ängste und falsche Sicherheitsversprechen gewonnen.

Darstellung: