Beitrag von Wolfgang Huber "Sicherheit darf die Freiheit nicht bedrohen"

Stand: 27.08.2007 03:58 Uhr

Das gemeinsame Projekt "Essays zur Sicherheitsdebatte" von tagesschau.de und der Bundeszentrale für politische Bildung eröffnet neue Perspektiven in der aktuellen Terrordiskussion. Namhafte Autoren wurden gebeten, in einem Beitrag zu schildern, wie sie persönlich - vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte und Erfahrungen - die Auseinandersetzung empfinden.

Von Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland

Wolfgang Huber, Bischof von Berlin-Brandenburg und neuer Ratsvorsitzender der EKD
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Der EKD-Ratsvorsitzende: Bischof Wolfgang Huber

Die Schreckensbilder vom 11. September 2001 sitzen noch immer in unseren Köpfen fest und bewegen immer wieder unsere Herzen. Ergänzt worden sind sie im Laufe der Jahre durch andere Bilder: Madrid im März 2004, Beslan im September desselben Jahres. Wie finden wir Schutz vor dem modernen Terrorismus, vor der grenzen- und erbarmungslosen Gewalt von Einzelnen und fanatischen Gruppen? Wir sehnen uns nach Sicherheit vor diesem Schrecken und wissen doch: Es kann sich jederzeit und überall wiederholen. Auch mitten unter uns.

Kein politisches Programm kann Sicherheit reagieren

Sicherheit, lateinisch: "se-curitas" haben, also "ohne Sorgen" (sine cura) zu sein, das ist ein tiefer Wunsch vieler Menschen in dieser Zeit. Ein berechtigter Wunsch, wenn es denn richtig ist, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben und auf Unversehrtheit hat. Mancherlei politische Programme versprechen und suggerieren Sicherheit. Garantieren können sie sie nicht, denn vor den ebenso simplen wie perfiden Methoden des transnationalen Terrorismus gibt es keine letzte Sicherheit.

Gefahr, dass die Politik oder die Medien überreagieren

Immer besteht dabei die Gefahr, dass die Politik oder die Medien überreagieren. Ich will hier nicht auf einzelne politische Überlegungen der Gegenwart eingehen. Sie mögen zum Teil mehr, zum Teil auch weniger vernünftig sein. Aber ich erinnere mich, dass in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als der Terror der RAF die Bundesrepublik erschütterte, eine auch heute noch weit verbreitete Tageszeitung Eltern den schriftlichen Test anbot: "Testen Sie selbst: Könnte Ihr Kind zum Terroristen werden?" Einer der Indikatoren, die in dem Test genannt wurde, war die überdurchschnittliche Intelligenz des Kindes. Welch eine Mentalität drückte sich darin aus? Wie viel Misstrauen, wie viel vergiftete Atmosphäre kann eine Gesellschaft sich leisten? Trägt eine gegenseitige Bespitzelung wirklich dazu bei, dass der Sumpf des Terrorismus ausgetrocknet wird? Ich habe Zweifel.

Sicherheit braucht Gerechtigkeit, Demokratie, Wohlstand

Dabei ist es aus meiner Sicht richtig, dass der Staat sich verteidigen und seine Bürger vor terroristischen Akten schützen muss. Ohne das äußerste Mittel der Drohung mit Gewalt ist das leider nicht möglich. Um die Bürger und Bürgerinnen zu schützen, bedarf das Recht der Macht, auch der bewaffneten Macht. Dies gilt innerhalb eines Staates ebenso wie in der internationalen Staatengemeinschaft. Aber um dauerhaft Sicherheit zu erreichen, braucht es mehr als Gewalt: Mehr Recht und Gerechtigkeit, mehr Frieden und Gewaltabbau, mehr Demokratie und Wohlstand, mehr Anstand und Glaubwürdigkeit bei den handelnden Personen, mehr Wahrheit und Wahrhaftigkeit in den Medien, mehr Offenheit und Transparenz auf allen Ebenen.

Sicherheit darf nicht zum fixen Wahnbild geraten

Sicherheit ist unverzichtbar, aber sie ist nicht alles in einer Gesellschaft. Sie kann auch zu einer tödlichen Utopie ausarten und zu einem fixen Wahnbild geraten. Sie kann in Sterilität verkümmern, statt Leben zu eröffnen. Wo sie die Freiheit der Bürger und Bürgerinnen dauerhaft einschränkt, ohne ihnen neue Lebensmöglichkeiten zu eröffnen, da überwindet sie nicht den Terror, sondern bedroht das Leben in seiner Substanz. Für die nötige Sicherheit setzen wir uns ein, damit wir in Freiheit leben können. Dieses Verhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit sollte nie in Vergessenheit geraten.

Gewissheit kann es geben, letzte Sicherheit nicht

Es gibt aber noch eine andere Form von Sicherheit Die lateinische Sprache kennt "securitas" und "certitudo" nebeneinander, Sicherheit und Gewissheit. Wenn zwei Menschen einander vertrauen, also das Wagnis der Freundschaft oder gar einer Partnerschaft eingehen, dann bedürfen sie dieser Gewissheit. Wenn ein Mensch sich hoffnungsvoll an Gott wendet, dann hat er diese Gewissheit auf seiner Seite. Eine letzte Gewissheit können wir haben, eine letzte Sicherheit nicht. Ohne eine letzte Gewissheit können wir unseren Weg nicht finden und nicht gehen. Ohne sie haben wir kein Ziel vor Augen und keine Kraft und keinen Mut in unserem Rücken. Der Glaube an Gott, also die Gewissheit, dass der Vater Jesu Christi auch unser liebevoller Vater ist, hilft uns durch das Leben. Auf ihrer Grundlage können wir auch anerkennen, dass alle Sicherheiten, die wir schaffen, nur vorläufig und begrenzt sein können.

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