Interview

Interview mit Necla Kelek über Integration "Der Staat fördert die Parallelgesellschaften"

Stand: 27.08.2007 00:38 Uhr

Necla Kelek
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Necla Kelek

Die Soziologin Necla Kelekwurde 1957 in der Türkei geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Istanbul, bis ihr Vater - einer der ersten türkischen Gastarbeiter - die Familie 1967 nach Deutschland nachholte. Kelek forscht zum Thema Parallelgesellschaften. In ihrem soeben erschienenen Buch "Die fremde Braut"räumt sie mit Multi-Kulti-Illusionen auf underklärt, woran die Integration immer wieder scheitert.

tagesschau.de: Ihr Vater ist 1966 als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, ein Jahr später hat er seine Familie nachgeholt. Sind Sie in einer Parallelgesellschaft groß geworden?

Kelek: Nein. Wir kamen aus Istanbul, sind also als Europäer nach Europa gekommen. Außerdem gab es damals noch keine türkische Gemeinde, an die wir uns hätten wenden können. Mein Vater hat schnelle Kontakte zu Deutschen geknüpft und wir hatten deutsche Freunde.

tagesschau.de: Wann hat sich das gewandelt?

Kelek: Schon in den ersten fünf Jahren. Es kamen immer mehr türkische Gastarbeiter, man hatte die gleiche Sprache, das gleiche Schicksal – das hat verbunden. Von unserem deutschen Freundeskreis haben wir uns dann gelöst, als ich dreizehn wurde. Mein Vater bemerkte, dass die Deutschen in Bezug auf Sexualität viel freizügiger leben, besonders die Töchter. Meine ältere Schwester hatte in Istanbul viel mehr Freiheiten als ich später in Deutschland. Sie durfte ihre Freundinnen und Freunde treffen, ohne dass sie kontrolliert wurde. Aber in hier war das anders: Mein Vater meinte, dass die Jugendlichen auch sexuelle Kontakte hätten und das war entsetzlich für ihn.

tagesschau.de: Dass Einwanderer versuchen, weiter in der Kultur ihrer Heimat zu leben, bedeutet ja nicht automatisch, dass sie dem Gastland gegenüber nicht loyal sind. Muss uns beunruhigen, was in türkischen Gemeinden geschieht?

Kelek: Es haben sich Parallelgesellschaften gebildet, ganz klar. Und die türkische zum Beispiel sieht Deutschland nicht als ihre eigene Gesellschaft an. Sie fühlen sich nicht zugehörig. Stattdessen schaffen sie sich eine eigene Welt mit einer islamischen Kultur.

Der Islam hält die Familie zusammen

tagesschau.de: Was macht den Islam heute so attraktiv?

Kelek: Er ist identitätsstiftend. Der Islam gibt den Eltern ganz klare Wertorientierungen für Jungen und Mädchen: Wie soll eine Tochter aufwachsen, wie ein Junge. Die Rückbesinnung auf die traditionellen Werte ist so attraktiv, weil die deutsche Gesellschaft sehr individualistisch geprägt ist. Das widerspricht aber dem Familiensinn der türkischen Kultur. Der Islam hilft, die Familie zusammenzubinden.

tagesschau.de: Das sichtbarste Zeichen der türkischen Parallelgesellschaft ist das Kopftuch. Warum verschleiern sich gerade so viele junge Frauen?

Kelek: Mit dem Kopftuch wird gezeigt: Wir leben anders, wir haben eine andere Vorstellung von der Frau. Für diese Muslime ist die Frau ein Wesen, das zu allererst sexuelle Reize für den Mann hat. Deshalb muss sie sich verschleiern. Männer und Frauen sind nicht gleich, sie haben unterschiedliche Aufgaben und damit eine unterschiedliche Stellung in der Gesellschaft.

tagesschau.de: Viele der jungen Kopftuchträgerinnen wirken sehr selbstbewusst. Es ist schwer vorstellbar, dass sie sich diesem traditionellen Rollenbild verhaftet fühlen.

Kelek: Für die jungen Frauen hat das Kopftuch gegenüber der muslimischen Gemeinde Vorteile: Wenn ich das Kopftuch trage, darf ich mich fortbilden, ich darf studieren.

tagesschau.de: Das klingt wie ein Widerspruch.

Kelek: Nach dem Koran darf auch Mädchen Bildung nicht verwehrt werden. Darauf berufen sich viele junge Frauen. Sie sagen, wir sind strenggläubige Musliminnen und jetzt wollen wir auch lernen und studieren. Ich frage mich nur, warum Familien nach dreißig, vierzig Jahren in Deutschland nicht einfach sagen: In dieser Gesellschaft ist es üblich, dass Mädchen studieren. Warum muss ich mich verhüllen, um Bildung in Anspruch zu nehmen? Ich finde das sehr fragwürdig.

Man lässt zu, dass Sechsjährige Kopftuch tragen

tagesschau.de: In ihrem Buch „Die fremde Braut“ werfen sie den deutschen Behörden vor, zu lasch oder gar nicht gegen die Unterdrückung türkischstämmiger Frauen in Deutschland vorzugehen. Fördert der Staat den Fundamentalismus?

Kelek: Ich werfe gewissen politischen Verantwortlichen vor, dass sie wider besseres Wissen die Parallelgesellschaften fördern. Das Bemühen der Deutschen, andere Religionen, Sitten und Kulturen zu akzeptieren, wird von den Traditionalisten ausgenutzt. Familien erziehen Töchter auf eine Art, die wir in der Türkei schon abgelegt hatten. Frauen werden plötzlich wieder auf ihren Sex reduziert. In Deutschland wird mittlerweile akzeptiert, dass Sechsjährige Kopftuch tragen müssen und nicht mehr am Turn- oder Schwimmunterricht teilnehmen. Man sperrt sie vom gesellschaftlichen Leben aus und erklärt das mit der muslimischen Kultur. Das geht mir zu weit.

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Das Gespräch führte Christine Kahle

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