Häftlingsrevolte in Auschwitz Der vergessene Aufstand

Stand: 27.08.2007 00:08 Uhr

Von Carolin Ströbele, tagesschau.de

Gefangene und Wachpersonal des KZ Auschwitz im Mai 1944
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Gefangene und Wachpersonal des KZ Auschwitz im Mai 1944

Am Mittag des 7. Oktober 1944 brach vor dem Krematorium III im Vernichtungslager Auschwitz eine Revolte aus. Mehrere Dutzend Häftlinge gingen mit Waffen und Steinen auf die SS-Offiziere los. Andere versuchten, die Krematoriumsgebäude mit selbst gebauten Granaten in Brand zu setzen. Nach ein paar Stunden war alles vorbei: Schwer bewaffnete SS-Einheiten schlugen den Aufstand nieder, 451 Häftlinge wurden sofort hingerichtet.


Es war der einzig bewaffnete Aufstand in dem Vernichtungslager. Er konnte wahrscheinlich kein Menschenleben retten, doch er symbolisierte einen Rest von Menschenwürde in einer unmenschlichen Umgebung.

Anführer kamen aus Sonderkommandos

Dass so wenig über die Revolte bekannt ist, liegt wohl auch daran, dass die Anführer des Aufstands zu den so genannten Sonderkommandos gehörten. Es handelte sich dabei um eine Gruppe von Juden, die von der Lagerleitung zur Arbeit in den Krematorien abgestellt wurden. Sie nahmen die deportierten Juden in Empfang, führten sie in die Auskleideräume und dann in die Gaskammern - wobei sie ihnen vorspiegeln mussten, sie würden dort nur "desinfiziert". Anschließend mussten sie die Leichen aus den Todeskammern tragen, ihnen die Goldzähne herausbrechen, die Haare scheren und sie dann in die Krematorien bringen. Für die anderen Lagerinsassen, von denen sie streng isoliert wurden, galten diese Juden als Handlanger der Täter.

Von den insgesamt mehr als 2000 Männern, die von 1942 bis 1945 in den Sonderkommandos in Auschwitz arbeiten mussten, überleben kaum mehr als 90. Alle paar Monate wurden die einzelnen Gruppen hingerichtet - für die Nazis waren sie gefährliche Zeugen, da sie das ganze Ausmaß ihrer Vernichtungsmaschinerie kannten.

"Grauzone": Erster Film über den Aufstand

Szenenbild aus dem Film ''Die Grauzone''
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Szenenbild aus dem Film ''Die Grauzone''

Die Überlebenden waren nach der Befreiung gepeinigt von Selbstvorwürfen und dem Gefühl, das eigene Volk verraten zu haben. "Könntest du irgendjemand von deiner Familien noch in die Augen sehen, nach dem, was du hier getan hast?", fragt einer der Krematoriumsarbeiter in dem Film "Grauzone", der zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in die deutschen Kinos kommt. Als erster Spielfilm beschäftigt er sich sowohl mit der Rolle der Sonderkommandos als auch mit dem Häftlingswiderstand. Der amerikanische Regisseur Tim Nelson Blake schildert das doppelte Stigma, das auf den Krematoriumsarbeitern lastet: Sie werden gleich zweimal zu Opfern - als Gefangene, die täglich mit ihrer eigenen Ermordung rechnen müssen und als Sklaven für den Mordapparat der Nazis .

Ziel: Zerstörung der Krematorien

Durch den Kontakt zu den neu ankommenden Deportierten hatten die Mitglieder der Sonderkommandos im Unterschied zu den anderen Häftlingen noch Chancen, in den Besitz von Wertsachen, Tabak oder Alkohol zu kommen, mit denen sie SS-Wächter bestechen konnten. Im Herbst 1943 begannen die Männer des Sonderkommandos, eine Revolte zu planen. Ihr vorrangiges Ziel war nicht die Flucht, der sie kaum reale Chancen einräumten, sondern die Zerstörung eines möglichst großen Teils der Vernichtungsanlagen. Später nahm die Gruppe Kontakt zum allgemeinen Lagerwiderstand auf. Unterstützt wurden sie auch von weiblichen Häftlingen, die aus der Munitionsfabrik in Auschwitz unter Lebensgefahr Schießpulver in die Krematorien schmuggelten, aus denen das Sonderkommando Granaten bastelte.


Die Verbindung der verschiedenen Gruppen führte allerdings dazu, dass der Aufstand immer weiter verzögert wurde. Während das Sonderkommando schnell zuschlagen wollte, weil es jederzeit mit seiner Exekutierung rechnen musste, hofften die meisten anderen Häftlinge im Jahr 1944 auf die Befreiung durch die Rote Armee. Erst als klar wurde, dass die Lagerleitung die Ermordung des Sonderkommandos beschlossen hatte, beschlossen einige der Mitglieder den Aufstand. Weil sich die anderen Gruppen aber nicht koordinieren konnten, wurden die Widerständler schnell niedergeschlagen. Sie schafften es dennoch, ein Krematorium komplett zu zerstören und ein zweites zu beschädigen. Sie wurden nicht wieder aufgebaut.

Erinnerung an Widerstand hilft den Überlebenden

Auch ein anderer Aufstand beweist, welche Willenskraft die körperlich schon völlig entkräfteten Gefangenen noch besaßen: Der gewaltlose Widerstand im so genannten "Zigeunerlager" in Auschwitz. Als sich bei den dort gefangenen Sinti und Roma herumsprach, dass alle Insassen des Lagers am 16. Mai 1944 umgebracht werden sollten, beschlossen sie, nicht widerstandslos in den Tod zu gehen. Sie vereinbarten, einfach in den Baracken zu bleiben, wenn der Räumungsbefehl der SS ertönte.

Gedenkveranstaltung ungarischer Roma im Bereich des KZ Auschwitz, in dem Roma und Sinti gefangen gehalten worden waren.
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Gedenkveranstaltung ungarischer Roma im Bereich des KZ Auschwitz, in dem Roma und Sinti gefangen gehalten worden waren. (Archivbild August 2004)

So sei es dann auch geschehen, berichtet der Sinto Hugo Höllenreiner, der den Widerstand als Elfjähriger miterlebt hatte. "Wir kommen nicht raus!", habe sein Vater geschrien, erzählt er. "Wenn ihr was wollt, müsst ihr reinkommen!" Tatsächlich seien die SS-Schergen so verunsichert gewesen, dass sie wieder abzogen, ohne auch nur einen der Sinti und Roma in die Gaskammern abtransportiert zu haben. Die meisten Insassen des "Zigeunerlagers" überlebten den Protest dennoch nur um ein paar Monate. Für den Überlebenden Höllenreiner ist der Moment des Aufbegehrens trotzdem ein Moment, der ihm seine Selbstachtung gerettet hat: "Ich bin heute noch stolz darauf, dass sich die Leute gewehrt haben", sagt er.

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