Interview

Gedenkkultur in Deutschland "Der 27. Januar steht uns nicht zu"

Stand: 27.08.2007 00:06 Uhr

Professor Doktor Reichel
galerie

Prof. Dr. Peter Reichel (Quelle: Universität Hamburg)

Der Hamburger Politikwissenschaftler Peter Reichel plädiert für den 9. November - den Tag der Reichspogromnacht - als deutschen Gedenktag. Der Tag der Befreiung gehöre den Opfern, sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Gerade Deutschland müsse sich mit den Tätern und der Vorgeschichte des Holocaust beschäftigen, fordert der Wissenschaftler.

tagesschau.de: Ist der 27. Januar das richtige Datum, um in Deutschland an den Holocaust zu erinnern?

Peter Reichel: Ich habe schon 1996, als der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar als Gedenktag eingeführt hat, die Meinung vertreten, dass dies der falsche Tag ist. Deutschland ist das Land der Täter – und daher steht dieser Tag Deutschland nicht zu. Der 27. Januar ist der Tag der Opfer, an diesem Tag stehen die Überlebenden im Mittelpunkt. Wir – die Nachkommen der Täter – sollten uns an diesem Tag in Zurückhaltung üben.

tagesschau.de: Welches Datum wäre Ihrer Meinung nach das Richtige?

Reichel: Für die Deutschen ist der 9. November der einzig relevante Erinnerungstag. Er steht für das Novemberpogrom von 1938. Der Tag steht für den Beginn des staatlich, militärisch, medizinisch und industriell organisierten Judenmordes.

Der 27. Januar gilt heute der ganzen Welt als herausragender Tag, um an Auschwitz zu erinnern. Mit dem Gedenken an diesem Datum folgt Deutschland einer - für das Land fatalen - geschichtspolitischen Entwicklung, die ich die Universalisierung des Holocaust-Gedenkens nennen würde. Wenn Deutschland am 27. Januar der Opfer gedenkt, dann verschleiert die Politik, dass uns dieser Anschluss an den universalen Holocaust-Diskurs nicht zusteht.

Vernachlässigung der Vorgeschichte

tagesschau.de: Was wäre die Alternative?

Reichel: Deutschland müsste sich viel stärker an den historischen Besonderheiten orientieren und nach etwas fragen, was in den vergangenen zehn Jahren beinahe systematisch verkannt und versäumt worden ist: Nach der Vorgeschichte von Auschwitz.

Die nachwachsenden deutschen Generationen sollten sich mit dieser Vorgeschichte beschäftigen. Mit den Entwicklungen von 1933 an, mit der fortschreitenden Entrechtung, Ausgrenzung und Verfolgung der Juden, der politisch diskriminierten Minderheiten, der Homosexuellen, der Sinti und Roma und natürlich mit der Vorgeschichte des Nationalsozialismus, mit den Verwerfungen der Weimarer Republik.

Diese Auseinandersetzung mit der Vorgeschichte wird heute oft vernachlässigt: Wenn sie heute in der Öffentlichkeit nach den Ursachen für den Nationalsozialismus fragen, offenbart sich oft das Fehlen elementarer Grundkenntnisse. Zentrale Konflikte der Weimarer Republik, aus denen sich der Nationalsozialismus erklären lässt, sind weiten Teilen der Öffentlichkeit nicht mehr präsent.

tagesschau.de: Auschwitz ist heute Symbol für den Mord an den europäischen Juden. Es war aber bei weitem nicht das einzige Vernichtungslager. Vergisst man bei der Fixierung auf Auschwitz die Existenz der anderen Lager?

Reichel: Dass es eine Vielzahl von Lagern gab, das geht bei einer Fixierung auf Auschwitz sicherlich ein wenig unter. Aber ich bin der Meinung, dass Auschwitz sich immer noch besser als Begrifflichkeit eignet als etwa der missverständliche Ausdruck „Holocaust“. Der Begriff bezeichnet in der christlichen Tradition ein „Brandopfer“ und geht daher inhaltlich völlig am Mord an den Juden Europas vorbei. Der von Juden verwendete Ausdruck „Shoa“ (Vernichtung) stammt aus dem Hebräischen und eignet sich daher ebenfalls nicht als Begrifflichkeit. „Völkermord“ und „Genozid“ wiederum sind allgemeine Begriffe, die man nur benutzen sollte, wenn man etwa vom Völkermord an den Armeniern durch die Türken, dem Genozid in Ruanda oder ähnlichen Verbrechen spricht.

Auschwitz als Bild für den Mord an den europäischen Juden zu nutzen, finde ich daher angemessen. Man kann zudem deutlich machen, dass bei der Verwendung des Begriffs stets die anderen großen Vernichtungslagern mitgedacht werden müssen. Von ihnen sind dann die Konzentrationslager, die innerhalb der Grenzen Deutschlands errichtet worden sind, deutlich zu unterscheiden. Solche Differenzierungen sind möglich, wenn man sich mit Auschwitz beschäftigt und fragt, wofür Auschwitz im Einzelnen steht: Nämlich für einen vielteiligen, über ganz Mitteleuropa ausgebreiteten Terror- und Vernichtungsstaat.

Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews:Fokussierung auf "Erfolgsstory Bundesrepublik"

Darstellung: