Interview

Auslandseinsätze der Bundeswehr Bürger in Uniform - (k)ein Modell für die Zukunft?

Stand: 26.08.2007 14:16 Uhr

Anja Seiffert
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Anja Seiffert

Seit ihrer Gründung versucht die Bundeswehr mit ihrem Leitbild vom „Bürger in Uniform“, Militär und Demokratie in Einklang zu bringen. Das Konzept der Inneren Führung setzt auf den verantwortungsbewussten Soldaten mit eigenem Urteilsvermögen. Mit den Auslandseinsätzen muss sich die Innere Führung im Einsatz bewähren. Dr. Anja Seiffert hat für das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr Soldaten vor und nach dem Einsatz auf dem Balkan befragt. Ihr Ergebnis: Die Einstellungen der Soldaten verändern sich massiv.

tagesschau.de: Das Leitbild vom „Bürger in Uniform“ ist das Kernstück der Inneren Führung. Passt das noch zur Bundeswehr, wenn der „Bürger in Uniform“ im Auslandseinsatz ist?

Anja Seiffert: Der „Bürger in Uniform“ ist so wichtig wie nie zuvor. Auf dem Balkan und Afghanistan sind nicht nur militärische Fähigkeiten gefragt. Soldaten müssen zusätzliche Fähigkeiten ausbilden, die zuvor nicht gefragt waren. Heute übernehmen Bundeswehrsoldaten auch polizeiliche Aufgaben. Stabilisierung heißt die Devise. Die Bundeswehr wird im Ausland mit instabilen Gesellschaften konfrontiert. Hier geht es vor allem um Kommunikation und Konfliktfähigkeit. Die Anforderungen an den Soldaten sind hier viel höher. Die Fähigkeit, Anwendung und Folgen militärischer Gewalt abwägen zu können, hat enorm an Bedeutung gewonnen.

tagesschau.de: Dem Soldat muss Sinn und Zweck der Einsätze vermittelt werden, sagt Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Gelingt das?

Umfassende Mission der Bundeswehr in Afghanistan (Foto: INGO ZAMPERONI)
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Veränderte Aufgaben - taugt der "Bürger in Uniform" auch für den weltweiten Einsatz?

Seiffert: Auf lange Sicht kann es Schwierigkeiten geben. Die Teilnahme führt zu grundlegenden Veränderungen. Die Soldaten passen ihr Verhalten der Einsatzsituation an und orientieren sich zugleich neu.

Im Einsatz empfinden die meisten die Entsendung als eine humanitär wichtige Aufgabe. Sie wollen etwas leisten, wollen helfen, hinterfragen Sinn und Zweck des Einsatzes. Diese Gruppe entspricht noch am ehesten dem Staatsbürger in Uniform. Daneben gibt es einen kleineren Teil von meist jüngeren Soldaten, die fast ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Abenteuerlust ins Ausland gehen. Eine weitere Gruppe sind die traditionell militärisch orientierten Soldaten. Man könnte sie als Spezialisten bezeichnen, die sich in der militärischen Einsatzwelt zu Hause fühlen.

tagesschau.de: Wie sieht das nach ihrer Rückkehr aus?

Seiffert: Da haben wir eigentlich nur noch zwei Typen von Soldaten. Bei den Einsatzspezialisten verändert sich nicht viel. Die anderen, darunter auch die, die „politisch“ dachten, sehen die Auslandseinsätze nun meist „formal-politisch“. Die Sichtweise verengt sich. Für sie muss nur Zweck und Dauer des Einsatzes klar beschrieben sein und der Einsatz muss effizient sein. Das Politische wird zunehmend ausgeblendet. Das ist aber entscheidend für den Staatsbürger in Uniform. Innere Führung bedeutet, dass die Frage nach dem Sinn des Dienstes beantwortet wird.

tagesschau.de: Was sind die Ursachen für diesen Einstellungswandel?

Seiffert: Viele Soldaten finden nicht die Möglichkeiten zur Eigenverantwortung und die Handlungsfreiheit, die sie erhoffen. Sie fühlen sich im Einsatz in relativ starre Strukturen und Hierarchien eingebunden. Das führt zu Enttäuschung – am Ende setzen sie ihre Ansprüche herunter. Sie entwickeln zunehmend eine rein pragmatische Job-Orientierung. Damit besteht die Gefahr, dass der Staatsbürger in Uniform ausgehebelt wird. Diese Entwicklung kann für die Bundeswehr hoch problematisch werden. Als Konsequenz müssen deshalb Ausbildung und Bildung intensiviert werden. Wichtig ist auch, dass Organisations- und Führungsstrukturen überprüft werden.

tagesschau.de: Muss wirklich jeder einfache Soldat von der „Mission“ überzeugt sein, oder langt es, wenn Unteroffiziere und Offiziere voll hinter der Sache stehen?

Seiffert: Bei der Inneren Führung geht es darum, dass man begreift, wofür man eingesetzt wird. Sonst besteht die Gefahr, dass man Mittel zum Zweck wird. Innere Führung heißt ja gerade, zu verhindern, dass Soldaten für jeden Zweck einsetzbar werden. Es reicht nicht, wenn nur ein Teil der Offiziere oder Unteroffiziere den Sinn dieses Einsatzes reflektieren.

tagesschau.de: Worin liegt die Gefahr für die Bundeswehr, wenn sich das Selbstverständnis der Soldaten so ändert?

Seiffert: Politik und Gesellschaft müssen sich mehr als zuvor die Frage stellen: Wofür sind die Einsätze und wo sind die Grenzen. Das ist für die Soldaten enorm wichtig. Die Gefahr besteht, dass abgeschottete militärische Milieus zunehmen und dass Gesellschaft und Militär immer mehr auseinanderdriften. Die Anbindung an den Staat nimmt zu, die Anbindung an die Gesellschaft ab. Da die Gesellschaft sich immer weniger mit den Streitkräften befasst, gilt für viele Soldaten nicht mehr die Frage, was will die Gesellschaft, sondern was will die jeweilige Regierung.

tagesschau.de: Hat das Konzept der Inneren Führung Zukunft?

Seiffert: Ja. Es muss auf die neuen Bedingungen reflektiert werden – und vor allem umgesetzt werden. Das Konzept ist offen und trägt auch. Das Problem ist eher die Realität in den Einsätzen. Innere Führung ist nicht nur Legitimationsmodell, sie muss lebendig bleiben. Es geht darum, demokratische Prinzipien und Strukturen in der Bundeswehr weiter zu halten.

Das Interview führte Wolfram Leytz, tagesschau.de

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