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Experten aus aller Welt informieren sich ab heute in Berlin über den Schutz der Fußball-WM. Bund, Länder und Organisatoren stellen ihr Sicherheitskonzept vor, das vor Hooligans ebenso schützen soll wie vor Terroranschlägen. Konfliktforscher sehen die Hauptgefahr allerdings außerhalb der Stadien.
Von Kristopher Sell, tagesschau.de
Es war ein gruseliges Bild am vergangenen Samstag in der AWD-Arena in Hannover. Zunächst gab es einen lauten Knall, dann stieg eine gewaltige Rauchwolke über der Tribüne auf. Mit Kunstblut überströmte Menschen krümmten sich über den Sitzen, statt Anfeuerungsrufen waren im Stadion nur verzweifelte Hilfeschreie zu hören. Die Rettungskräfte probten den Ernstfall bei der bundesweit größten Notfallübung zur Fußball-Weltmeisterschaft. Das Szenario: Explosion mit Freisetzung eines unbekannten chemischen Stoffes, 500 Verletzte, 50 Tote. Was die Katastrophe ausgelöst haben soll, wollte die Feuerwehr offiziell nicht mitteilen. Für Beobachter und Beteiligte stand allerdings schnell fest, dass es sich um einen Terroranschlag handelte.
Vergleichbare Übungen finden derzeit in vielen der zwölf WM-Spielorte statt, und das nicht ohne Grund. Zwar betonen die Behörden, dass es derzeit keine konkreten Hinweise auf mögliche Terroranschläge während der Fußball-Weltmeisterschaft gebe, die grundsätzliche Gefahr bestehe jedoch. „Solche Großveranstaltungen haben eine gewisse Attraktivität", so ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Deshalb habe man beispielsweise die Nato darum gebeten, eine Komplettüberwachung des Luftraums während der WM zu gewährleisten. Der Austausch der Nachrichtendienste werde intensiviert und ein nationales Informations- und Kooperationszentrum eingerichtet, „von dem der Minister ein tägliches Lagebild erhält". Hinzu kommt die von Datenschützern heftig kritisierte Sicherheitsüberprüfung durch Verfassungsschutz und Polizei. Sie betrifft neben den 250.000 Helfern in den Stadien auch alle Spieler und Betreuer.
[Bildunterschrift: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ]
Darüber hinaus plant die Bundesregierung eine Bereitstellung von 7000 Bundeswehr-Soldaten, die bei schweren Unglücksfällen und „Großschadensereignissen" den Einsatz von ABC-Abwehreinheiten, Feldjägern mit Sprengstoffspürhunden sowie Sanitätern und Pionieren gewährleisten sollen. Dies sei nach den Worten von Bundesinnenminister Schäuble nötig, da die WM „eine Sicherheitsherausforderung in einer bisher nicht bekannten Größenordnung" sei. Jedoch habe „kein Mensch je daran gedacht, die Fußballstadien durch die Bundeswehr zu schützen", so Schäuble im Chat mit tagesschau.de. Dies bleibe weiterhin Aufgabe der Polizei.
In den Stadien ist nach Meinung von Sicherheits-Experte Hans-Jürgen Lange vom Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg ohnehin nicht mit Anschlägen zu rechnen, da dort durch starke Kontrollen hohe Sicherheitsstandards gelten würden. „Bei großen Menschenansammlungen auf offener Straße oder in irgendeiner U-Bahn wird es viel schwieriger, so etwas zu verhindern." Durch die entstehende Massenpanik könnten außerdem wesentlich mehr Menschen verletzt werden als durch den Anschlag selbst. Jedoch seien solche Szenarien sehr spekulativ. Zudem gehöre Deutschland nicht zu den „klassischen Zielstaaten".
Weniger diffus ist die Gefahr durch gewaltbereite Fußballfans. Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei, sieht vor allem bei Live-Übertragungen der Spiele auf Großbildleinwänden große Sicherheitslücken: „Ich habe große Bauchschmerzen beim Public Viewing, hier müssen die gleichen Sicherheitskontrollen wie im Stadion herrschen." Er bedauert, dass der Gesetzgeber den Kommunen keine einheitliche Regelung vorgeschrieben habe. „Nun ist es dafür zu spät. Viele Kommunen werden bei Ordnungsdiensten und Abzäunungen sparen. Doch wir können uns nicht rund um die Uhr um 300 Großbildleinwände kümmern."
[Bildunterschrift: Gewalttätige Krawalle zwischen Hooligans im Stadion (Archivbild). ]
Ein weiteres Problem könnte nach der Meinung von Freiberg die massive Gewaltbereitschaft bestimmter Hooligan-Gruppierungen sein. „Wir haben Videos von polnischen Ligaspielen gesehen, so etwas kannten wir bisher gar nicht." Vor kurzem habe es bereits „fernab eines Fußballspiels" eine heftige Auseinandersetzung von deutschen und polnischen Hooligans in Brandenburg gegeben – ein möglicher Vorgeschmack auf die WM? Fanforscher Gunter A. Pilz von der Universität Hannover bestätigt zwar die drastische Gewaltbereitschaft polnischer Hooligans, hält Panik jedoch für übertrieben. „Von den erwarteten 100.000 Fans aus Polen sind 99 Prozent friedlich. Der Rest verabredet sich in Wäldern oder an Kreuzungspunkten. Hooligans meiden Stadien und Innenstädte."
Um Ausschreitungen zu verhindern, stockt die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) in Düsseldorf ab Mai ihr Personal auf. „Statt 16 Beamten haben wir während der WM 145 Mitarbeiter rund um die Uhr im Einsatz", so der nordrhein-westfälische LKA-Sprecher Frank Scheulen. Bei der ZIS laufen Daten über Reisewege, Ziele und Reisedauer von in- und ausländischen Fans ein. Daraus entsteht ein tägliches Lagebild, das an die örtlichen Einsatzkräfte weitergegeben wird. Um 3000 Hooligans aus England müssen sich die Beamten keine Sorgen machen, sie haben ein Ausreisverbot erhalten. Deutsche Straftäter in der Kartei „Gewalttäter Sport" müssen rund um kritische Spiele mit Meldeauflagen und Hausbesuchen der Polizei rechnen.
Trotz der massiven Vorbereitung hinter den Kulissen soll die Polizei während der WM eher dezent auftreten: „Wir werden nicht bei jedem Besucher mit Schlagstock, Schild und Helm Spalier stehen, deshalb wird es aber auch nie eine hundertprozentige Sicherheit geben", so Scheulen. Eine Entscheidung, die Fanforscher Pilz für richtig hält: „Wenn man mit Panzern begrüßt wird, bedeutet das wohl nicht ‚zu Gast bei Freunden’ zu sein." Das effektivste Mittel für eine sichere und friedliche WM sei eine entspannte und fröhliche Stimmung.
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