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Ausgerechnet die unermüdlichen Anti-Korruptionskämpfer von Transparency International stehen auf einmal auf der Seite der Buhmänner - zumindest im Internet. Weil die deutsche Abteilung der Organisation juristische Konsequenzen gegen ihrer Ansicht nach falsche Äußerungen einer Bloggerin über Transparency International androhte, erntete sie einen Sturm der Entrüstung. Ein PR-Desaster: Wer im Netz nach "Transparency International" sucht, stößt bereits unter den ersten Google-Treffern schnell auf zahlreiche Unmutsäußerungen.
Von Fiete Stegers, tagesschau.de
[Bildunterschrift: Die Organisation Transparency International setzt sich gegen Korruption ein ]
Im Januar schrieb Moni S. in ihrem Blog die Erzählung einer Bekannten auf, die von der Organisation Transparency International nach Ablauf der Probezeit entlassen worden war. In ihrem Weblog machte Moni S. ihrem Ärger Luft - mit zahlreichen Details. "Ich war einfach enttäuscht", sagt die Bloggerin gegenüber tagesschau.de. Transparency International Deutschland habe ihre Freundin nicht weiterbeschäftigt, weil diese bei einer Aufstockung ihrer Arbeitszeit auch deutlich mehr Geld gefordert habe. "In der Wirtschaft mag das gang und gäbe sein" - aber von einer Organisation mit hohen ethischen Zielen, die sich Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit verpflichtet fühlt, habe sie anderes als eine Kündigung erwartet.
Wochen und Monate vergingen - bis Transparency International Deutschland in der vergangenen Woche auf den Eintrag der Bloggerin stieß und den Fall völlig falsch dargestellt sah. Ein scharf formulierter Brief des Transparency-Justiziars schreckte Bloggerin Moni S. auf und setzte ihr eine Frist, den schon fast vergessenen Eintrag vom Netz zu nehmen. Sonst drohten juristische Konsequenzen.
Moni S. fühlte sich eingeschüchtert: "Ich weiß nicht, warum die sich nicht erst einmal einfach mit mir in Kontakt gesetzt haben." Vorsichtshalber löschte sie den entsprechenden Beitrag - aber gleichzeitig schrieb sie, ohne den Namen Transparency International zu nennen, einen neuen Text, in dem sich über das Verhalten der Organisation beklagte. Auch das Schreiben des Justiziars machte sie im Netz öffentlich, zwar anonymisiert, aber in kompletter Länge. Dieser wollte den Eintrag wiederum gelöscht sehen und machte dafür das Urheberrecht an seinem Schreiben geltend.
Das reichte, um eine Lawine loszutreten. Weil Weblogs untereinander viel und zum Teil automatisch verlinken, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile. "Antikorruptionskämpfer schikanieren Webloggerin" - darauf stürzte sich die leicht zu empörende Weblog-Gemeinschaft. Als die Bloggerin neuen Löschforderungen des Transparency-Juristen nachkam, wurden ihre Äußerungen längst bei anderen Blogs zitiert. So zählte "Transparency" am Wochenende auf einmal zu den Top-Suchbegriffen in der Blog-Suchmaschine Technorati, über die auch erste internationale Blogger auf den Fall aufmerksam wurden. Die Fakten überprüft oder sich wie professionelle Journalisten mit Transparency International als Gegenseite in Verbindung gesetzt, hatten die privaten Blogbetreiber dabei meist nicht.
"Da spielt nur eine gefühlte Gerechtigkeit eine Rolle", sagt Jochen Bäumel, Vorstandsmitglied bei Transparency International. "Die Behauptungen in dem Weblog waren vollkommen an den Haaren herbeigezogen." Moni S. beruft sich hingegen inzwischen auf ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung. Der Anwalt Udo Vetter, der selbst die juristische Website "Lawblog" betreibt, vertritt sie gegen weitere Löschforderungen.
Transparency International sieht das weiterhin anders: "Man kann als Organisation nicht zulassen, dass falsche Sachen da stehen. Meinung basiert auf Fakten. Und die müssen stimmen", beharrt Bäumel. Eines dämmert seiner Organisation aber offenbar langsam: "Wir hatten einfach unseren Justiziar beauftragt, in dieser Sache tätig zu werden. Ob diese Schärfe angemessen war, darüber kann man sicherlich streiten."
Wie heikel ungeschickter Umgang mit der im Internet entstandenen Blogszene sein kann, musste unter anderem bereits Jean Remy von Matt erfahren. Der Werbeagenturchef hatte nach Blogger-Kritik an seiner "Du bist Deutschland"-Kampagne patzig von den "Klowänden des Internet" gesprochen, ruderte aber nach dem Aufschrei empörter Blogger zurück. Auch Klingelton-Hersteller Jamba, der Mitarbeiter in einem kritischen Weblog heimlich positive Kommentare schreiben ließ, erlebte, dass Ärger mit den Bloggern genauso verhängnisvoll wie schlechte Presse sein kann.
Denn auch wenn rechtlich noch nicht klar definiert ist, wo bei Weblogs die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit und Schmähkritik, Rechten und Pflichten privater Betreiber verlaufen: Was im einmal Netz steht, bleibt hängen. Wer auch immer bei den Tatsachen Recht hat und wie eine juristische Auseinandersetzung auch ausginge - das Eigentor in Sachen Public Relations hat Transparency International längst geschossen.
Auch Moni S. wurde von anderen Weblogs kritisiert, sie hätte nicht alle Details des Falls ins Netz stellen sollen. Größer aber war die Unterstützung - deshalb will sie ihren Standpunkt jetzt verteidigen. Aber: "Wie sich der Vorfall auf mein Verhalten auswirken wird, weiß ich nicht. Einerseits würde ich mich natürlich gerne weiterhin frei fühlen, meine Meinung zu äußern, andererseits werde ich diese Lawine im Hinterkopf haben."
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