Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
[Bildunterschrift: Klaus Bade ]
"Deutsche Spitzenkräfte wandern zunehmend ab und ausländische Spitzenkräfte machen immer deutlicher einen Bogen um dieses Land." So bringt der Migrationsexperte Klaus J. Bade von der Universität Osnabrück die Lage auf den Punkt. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt Bade, wo die größten Fehler gemacht werden.
tagesschau.de: Herr Bade, wie stark ausgeprägt ist der Auswanderungstrend? Gibt es den überhaupt?
Bade: Auswanderung ist nach klassischer Definition das Verlassen des Herkunftslandes, ohne die feste Absicht jemals wieder auf Dauer dorthin zurückzukehren. Das gilt wohl nur für eine eher überschaubare Zahl von Personen. Wir haben ja gar keine "Auswanderungsstatistik" im engeren Sinne sondern nur eine Statistik der "Fortzüge" und "Zuzüge", in der es vielerlei Unsicherheiten gibt, weil nicht Personen, sondern Wanderungsfälle gezählt werden.
[Bildunterschrift: Klarer Trend: nach dem Studium ins Ausland ]
tagesschau.de: Wie gut belegt sind die Zahlen, die im Umlauf sind: Bis zu 160.000 Auswanderer im letzten Jahr, von "hoher Dunkelziffer" war in der Presse die Rede ...
Bade: Die Dunkelziffer kann man nur schätzen, weil viele sich nicht abmelden und weil andere ins Ausland gehen, ohne die Absicht "auszuwandern", dann aber doch letztlich auf lange Zeit oder sogar auf Dauer bleiben. Es gibt umgekehrt auch viele, die tatsächlich "auswandern" wollten, aber nach einiger Zeit wieder zurückkommen. Wanderungsabsicht und Wanderungsergebnis treten also manchmal deutlich auseinander. Das Umgehen mit so genannten Dunkelziffern ist also, über Trendaussagen hinaus, immer eine gehobene Art von Kaffeesatzlesen.
tagesschau.de: Wie gut erforscht ist die Motivation der Auswanderer?
Bade: Miserabel. Abgesehen von den aus Visa-Statistiken ablesbaren Absichten, zu bestimmten Zwecken auf Zeit in bestimmte Länder zu gehen, sind wir da erst ganz am Anfang. Auswanderung war eben lange kein aktuelles wissenschaftliches Thema mehr. Es wird Zeit, daß sich das ändert.
tagesschau.de: Wo gehen die deutschen Auswanderer hin?
[Bildunterschrift: Wer bleibt, wer kommt, wer geht? ]
Bade: In die Vereinigten Staaten, nach England, in Kontinentaleuropa besonders in die Schweiz und nach Österreich, in die Niederlande oder nach Skandinavien. Es gibt aber auch erhebliche Fortzüge etwa nach Polen. Dorthin kehren auch manche Aussiedler und Spätaussiedler zurück.
tagesschau.de: Wie gut - und bis zu welchem Punkt - können die Abwanderungen mit Einwanderern kompensiert werden?
Bade: Das funktioniert der Tendenz nach nur dann, wenn die Migrationsprofile insgesamt annähernd übereinstimmen, wenn also beispielsweise annähernd so viele Ärzte zuziehen wie fortziehen.
tagesschau.de: Reagiert die deutsche Politik adäquat auf den Trend?
Bade: Nein, sie erkennt heute, rund ein Vierteljahrhundert zu spät, endlich an, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und will Zuwanderung immer noch vorwiegend beschränken, statt ziel- und konzeptorientiert zu steuern. Es ist geradezu peinigend absurd: Deutsche Spitzenkräfte wandern zunehmend ab und ausländische Spitzenkräfte machen immer deutlicher einen Bogen um dieses Land. Die Zuwanderer, die unter dem Schutz unserer Gesetze kommen und die wir uns nicht aussuchen können, entsprechen in ihren beruflichen Profilen oft nicht unserem Bedarf.
[Bildunterschrift: Aus der ausländischen Universität direkt ins Taxi. ]
Und wo das tatsächlich der Fall wäre, da erkennen wir oft ihre Diplome nicht an und helfen Ihnen nicht zureichend bei Nachqualifikation und Spracherwerb, so dass zugewanderte Ärzte, die uns in den neuen Bundesländern fehlen, als Hausmeister arbeiten müssen und höchstqualifizierte Feststoffphysiker Taxi fahren - während uns an den Schulen Physiklehrer fehlen. Und bei der zweiten und dritten Einwanderergeneration verschleudern wir Begabungen durch unzureichende Förderung.
tagesschau.de: Im industrialisierten Ausland freut man sich vermutlich ...
[Bildunterschrift: Kanadas Punktesystem hätte vielleicht geholfen, mehr qualifizierte Migranten nach Deutschland zu locken. Nach Lage der Dinge lockt es aber eher Deutsche nach Kanada. ]
Bade: Die Amerikaner tippen sich inzwischen schon in ihren Medienberichten vernehmlich an die Schläfe, wenn sie über den sträflichen Umgang der Deutschen mit ihren Migranten berichten. Das hätten wir deutlich besser machen können. Zwei Beispiele: Wir hätten Zuwanderung im eigenen Interesse flexibel steuern können durch das im Zuwanderungsgesetz ursprünglich vorgesehene Punktesystem nach kanadischem Vorbild. Die Briten führen es gerade ein, obgleich sie im Wanderungsgeschehen viel besser dastehen als wir. In Deutschland wurde es gestrichen aus Angst vor Zuwanderung. Ein verwandter Vorschlag des Zuwanderungsrates wurde im Herbst 2004 mit populistischem Geschrei verworfen, am Ende des Jahres wurde sicherheitshalber der ganze Zuwanderungsrat aufgelöst. Deutschland hat sich eingeigelt - und jetzt kommt die Rechnung im Wanderungsgeschehen.
tagesschau.de: Wie kommen die Auswanderer eigentlich in ihren Zielländern zurecht?
Bade: Sie kommen mehrheitlich gut zurecht, sonst würden sie ja zurückkommen oder weiterwandern müssen. Denn in ihren Zielländern gibt es in aller Regel nicht ein Wohlfahrtssystem, das, wie in Deutschland, die "migratorische Selbstauslese" abschaltet.
tagesschau.de: Wie meinen Sie das?
Bade: In dem Sinn, dass Migranten nach einigen Jahren vollen Anspruch auf Sozialleistungen haben, mithin auch bleiben können, wenn sie sich aus eigener Kraft nicht über Wasser halten können.
[Bildunterschrift: Noch wird auch in Deutschland geforscht. ]
tagesschau.de: Stichwort Braindrain: Sie sagen, das Land blutet qualitativ an der Spitze aus. Was heißt das? Wer sind diejenigen, die das Land verlassen?
Bade: Wir haben steigende Wanderungsverluste bei Spitzenkräften, denen keine entsprechenden Wanderungsgewinne bei Hochqualifizierten gegenüberstehen. Bei den Selbständigen sieht es nicht besser aus. Das geht auf die Dauer ohne schwere Einbußen an Innovationskraft nicht ab.
tagesschau.de: Was passiert, wenn die Ausgewanderten nach Hause melden: "Es läuft gut". Kommt es dann zum Schneeballeffekt?
Bade: Dann können sogenannte Kettenwanderungen entstehen, die nicht sofort wieder aufhören, nur weil es einmal wieder bessere Nachrichten von Zuhause gibt.
Die Fragen stellte Christian Radler, tagesschau.de
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW