Kritische Ausgabe von "Mein Kampf" | Bildquelle: AP

Kritische Edition von "Mein Kampf" Aus dem Giftschrank auf den Büchertisch

Stand: 08.01.2016 13:41 Uhr

Seit dem Sieg über den Nationalsozialismus war Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" in Deutschland verboten. Nun laufen die Urheberrechte aus, und Münchner Historiker geben eine kommentierte Edition heraus. Die Reaktionen im In- und Ausland sind gespalten.

Sie wollen der Symbolwirkung des Buches die Grundlage entziehen: Das Münchner Institut für Zeitgeschichte hat eine kritische Edition von Adolf Hitlers "Mein Kampf" vorgestellt. Die knapp 2000 Seiten dicke Neuauflage ist ab sofort auch im Buchhandel erhältlich.

Hitler hatte das Buch 1924 in der Festung Landsberg geschrieben, wo er nach seinem Umsturzversuch von 1923 inhaftiert war. In dem Buch legte er politische Ansichten und Pläne dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg übertrug die US-Regierung die Urheberrechte an den Freistaat Bayern, der das Buch seitdem unter Verschluss gehalten hatte. Ende vergangenen Jahres, 70 Jahre nach Hitlers Tod, liefen diese Urheberrechte aber aus.

Die Historiker wollen mit der Neuauflage die Ansichten des Diktators kritisch kommentieren und widerlegen. "Es gilt, Hitler und seine Propaganda nachhaltig zu dekonstruieren und damit der nach wie vor wirksamen Symbolkraft dieses Buchs den Boden zu entziehen", schreibt das Münchner Institut auf seiner Internet-Seite. Auf diese Weise lasse sich einem ideologisch-propagandistischen und kommerziellen Missbrauch entgegenwirken. Unkommentierte Veröffentlichungen von "Mein Kampf" bleiben verboten, sind allerdings trotzdem auch übers Internet immer wieder erhältlich.

Die kommentierte Edition ist trotzdem umstritten. Kritiker befürchten, rechtsextremes Gedankengut könnte dadurch verbreitet werden. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland begrüßt allerdings die Veröffentlichung der kommentierten Ausgabe. Sie könne den Mythos um das Buch aufklären und zeigen, "mit welchen völlig falschen und skurrilen Theorien und Thesen Hitler gearbeitet habe", sagte Josef Schuster auf NDR Info.

Kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" erhältlich
tagesschau 20:00 Uhr, 08.01.2016, Eckhardt Querner, BR

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"Wichtige Hilfestellung"

Der Grünen-Politiker Volker Beck sagte gegenüber tagesschau.de, gerade jetzt könnte das Buch im Schulunterricht behandelt werden, um Parallelen zur heutigen Hetze gegen Minderheiten ziehen zu können. Dazu könne die kritische Edition eine wichtige Hilfestellung sein. Beck weiter: "In Zeiten von AfD, Pegida und Co. halte ich die pseudowissenschaftlichen Beschimpfungsarien von Jürgen Elsässer, Akif Pirincci und Thilo Sarazzin für gefährlicher und für junge Menschen wesentlich zugänglicher als der antisemitische Müll von Hitler."

Dagegen bezeichnete der Präsident des Jüdischen Weltkongresses die Veröffentlichung als "Unsinn". Die NS-Propagandaschrift sollte stattdessen "im Giftschrank der Geschichte" bleiben, erklärte Ronald S. Lauder.

Sorgen wurden auch in Russland geäußert. Der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Außenministeriums, Konstantin Dolgow, schrieb bei Twitter: "Eine seltsame Art, gegen die wachsenden neonazistischen Tendenzen in Europa zu kämpfen!" Die Parlamentsabgeordnete Irina Jarowaja, Vorsitzende des Sicherheitsausschusses in der Staatsduma, bezeichnete das Erscheinen als "unheilvolles Zeichen der Neuauflage des Faschismus in der Welt".

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