Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
An den Tagen nach dem Mauerfall drängten Hunderttausende Menschen von Ost- nach West-Berlin. Die Behörden standen damals vor der heiklen Aufgabe, diesen Massenansturm bewältigen zu müssen. Doch sie waren vorbereitet. Sie hatten schon frühzeitig Signale erhalten, dass die Mauer fallen würde. Tagesschau.de sprach mit dem damaligen Leiter der Senatskanzlei, Dieter Schröder, über die Vorbereitung auf den 9. November 1989.
tagesschau.de: Für die meisten Deutschen war der Fall der Mauer am 9. November 1989 mehr als eine Überraschung. Für Sie dagegen nicht in diesem Maße. Wieso?
Dieter Schröder: Am 25. Oktober hatte mich Manfred Stolpe, der damalige Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche in Ost-Berlin, wissen lassen, dass sich nach seinem Eindruck in Bezug auf die Grenze etwas tun würde. Ich war mir nicht sicher, ob seine Einschätzung richtig war und bat ihn, ob er einen Kontakt zu einem der neuen Machthaber herstellen könnte. Ich wollte das aus berufenem Munde hören.

Stolpe lud daraufhin den Regierenden Bürgermeister Walter Momper und mich für den 29. Oktober zu einem Mittagessen, an dem auch der neue Regierungssprecher Günter Schabowski teilnahm. Dabei sprach Schabowski von einer Reiseregelung, die den Namen auch verdient habe. Ich fragte ihn: Wenn vielleicht 400.000 Menschen an einem Tag von dieser Regelung Gebrauch machen wollen - wie sollen die durch die enge Grenze in Berlin kommen? Es gab ja damals für den öffentlichen Nahverkehr nur den kleinen Übergang am Bahnhof Friedrichstraße.
tagesschau.de: Wie hat Schabowski darauf reagiert?
Schröder: Er bat mich, das aufzuschreiben und es ihm zukommen lassen - aber nicht auf offiziellem Weg, sondern über Stolpe; dann bekäme er es schnell und ohne Anmerkungen. Da dachte ich mir: Nun wird es endlich ernst, und dann sind wir zur Tat geschritten.
tagesschau.de: Die DDR-Führung hatte also gar nicht in Betracht gezogen, dass auf einen Schlag Hunderttausende nach West-Berlin drängen würden?
[Bildunterschrift: Nadelöhr: Der Grenzübergang Bornholmer Straße konnte den Andrang kaum bewältigen. ]
Schröder: Ich hatte auch von anderen Begegnungen mit Vertretern der DDR-Führung den Eindruck: Die wissen gar nicht wie ihre Grenze aussieht und organisiert ist. Ich kannte Menschen, die im Zentralkommitee arbeiteten und offen zugaben, dass sie seit 1961 nie an der Grenze gewesen waren. Die trafen Regelungen für eine Situation, die sie nicht kannten.
tagesschau.de: Der sich abzeichnende Mauerfall hat sie also mit Freude und Sorge erfüllt?
Schröder: Es hat mich mit großer Spannung erfüllt. Wir haben daraufhin eine Arbeitsgruppe eingesetzt, der wir eine Linie vorgaben: Diejenigen, die da kommen, sind nicht hilfsbedürftige Brüder und Schwestern, sondern es sind Touristen, die ohne ausreichendes Bargeld kommen und die - in der Masse - nicht auf Dauer hierbleiben wollen. Diese Einschätzung hat sich als richtig erwiesen. Wir wollten sie nicht wie Sozialhilfeempfänger behandeln.
tagesschau.de: Dafür mussten Sie viele Dinge in kurzer Zeit vorbereiten - angefangen mit dem öffentlichen Nahverkehr.
[Bildunterschrift: Neugier auf die Nachbarn: Überfüllter Kurfürstendamm am 10.11.89 ]
Schröder: Wir mussten mit etwas sehr Simplen anfangen. Die Menschen aus der DDR hatten ja keinen Stadtplan. Auf ihren Stadtplänen war West-Berlin eine gelbe Fläche, und wenn eine Straße eingetragen war, hatte sie keinen Namen. Sie waren also orientierungslos. Noch an dem Wochenende des Mauerfalls haben wir es mit Hilfe einer großen Zeitung geschafft, Hefte mit einem Notstadtplan auf der Rückseite zu drucken. Diese bekamen die Menschen an der Grenze - es waren Hinweise auf Museen darin, auf den kostenlosen Nahverkehr. Als ich am Morgen des 11. November aus dem Haus ging und Menschen mit diesen Heften in der Hand sah, war ich sehr froh.
tagesschau.de: Auch das Begrüßungsgeld von 100 D-Mark musste ja bereitgestellt werden.
[Bildunterschrift: Warten auf Westgeld: Ost-Berliner stehen am 10.11.89 Schlange vor einer Sparkasse. ]
Schröder: Wir haben schon am 26. Oktober die Bundesregierung darauf hingewiesen, dass das bisherige System nicht weiter funktionieren würde. Damals wurde das Begrüßungsgeld über die Sozialämter ausgezahlt. Das hätte zu langen Schlangen vor den Ämtern geführt und bewirkt, dass die Menschen ihre Zeit nur damit vebringen, das Begrüßungsgeld abzuholen. Ich schlug vor, das Geld über die Staatsbank der DDR auszuzahlen im Tausch gegen 100 Ost-Mark - das hätte würdiger ausgesehen und hätte Zeit gespart. Wir haben nie eine Antwort auf diesen Vorschlag erhalten. Wir haben dann selbst organisiert, dass Banken, Sparkassen und alle öffentlichen Einrichtungen, die einen Kassenraum hatten, das Geld verteilen, und das ging ganz gut. Es gab aber auch Stunden, in denen wir fürchteten, das Geld würde nicht reichen - wir brauchten ja Bargeld. Da haben die Banken hervorragend geholfen.
tagesschau.de: Wenn Hunderttausende an einem Tag in die Stadt drängen, muss man doch mit dem Zusammenbruch des kompletten Nahverkehrs rechnen. Wie konnten sie das verhindern?
Schröder: Unsere Arbeitsgruppe hatte schon am 3. November beschlossen, für diesen Tag Smogalarm für die öffentlichen Verkehrsmittel zu verhängen - alle verfügbaren Kapazitäten mussten also ausrücken. Innerhalb kurzer Zeit verdoppelte sich ja die Zahl der Menschen in der Stadt, und wir waren alle hocherfreut, dass die Infrastruktur das ausgehalten hat. Hier und da mussten U-Bahn-Höfe geschlossen werden, aber das hielt sich in Grenzen wenn man in Rechnung stellt, dass wir improvisierten.
tagesschau.de: Gab es nicht auch Augenblicke, in denen Sie fürchteten, es könne alles schiefgehen?
Schröder: Solche Befürchtungen habe ich bis in den Dezember gehabt. Wir haben dann noch im Dezember einen Verkehrsverbund eingeführt. Bedenken Sie bitte, dass in westdeutschen Großstädten über solche Dinge Jahre verhandelt wurden. Wir haben das in Stunden gemacht. Wer im Osten eine Fahrkarte hatte, konnte damit im Westen fahren und umgekehrt. Das galt für die ganze Umgebung von Berlin. Die großen gelben Busse der BVG konnten nach Potsdam fahren. Jede Stunde brachte neue Überraschungen und Unglaubliches.
tagesschau.de: Wann haben sie am 9. November erfahren, dass dies der Tag der Maueröffnung sein würde?
[Bildunterschrift: Einsatz im Getümmel: Walter Momper am 12.11. an der Mauer am Potsdamer Platz ]
Schröder: Das habe ich wie alle aus der Pressekonferenz von Schabowski erfahren. Ich hatte ich den ganzen Tag im Büro Nachrichten gehört, um nichts zu verpassen und dann sofort Momper unterrichtet. Durch seine nüchterne, praktische Mitteilung, durch seine Aufforderungen, die Trabis zu Hause zu lassen und die Verkehrsmittel zu benutzen, haben viel Menschen erst verstanden, dass die Grenze tatsächlich geöffnet war. Was bei Schabowski noch in der Schwebe war, erschien nun als konkret. Wenn der Nachfolger von Ernst Reuter und Willy Brandt sagt: Dies ist der Tag, auf den wir 28 Jahre gewartet haben, dann muss es so sein.
tagesschau.de: Welches Gefühl überwiegt rückblickend bei Ihnen?
Schröder: Das Gefühl großer Bewegtheit. Der Fall der Mauer war das Unwahrscheinliche, und niemand konnte erwarten, dass es so kommen würde. Da ich mich seit 1983 mit Fragen der Familienzusammenführung und des Häftlingsfreikaufs beschäftigt hatte, war es, als fiele eine schwere Last von der Seele. Zugleich kam die Sorge auf: Hoffentlich hält das, und hoffentlich wiederholen sich 1961 und 1953 nicht. Das es friedlich geblieben ist, haben wir vielen zu verdanken, nicht zuletzt den Bürgern der DDR.
Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW