Studie zu Masernimpfung "Es sind zu wenige Kinder geimpft"

Stand: 17.07.2013 18:10 Uhr

Hunderte Menschen sind in Deutschland in den letzten Wochen an Masern erkrankt. Um die Krankheit auszurotten, müssten 95 Prozent geimpft sein - am besten schon im Kleinkindalter. Doch davon ist Deutschland weit entfernt, so eine neue Studie. Dabei gibt es große regionale Unterschiede.

Von Christian Baars, NDR

"Es sind zu wenige Kinder geimpft", sagt Maike Schulz. Sie arbeitet beim Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland. Das Institut hat erstmals untersucht, ob Kleinkinder in Deutschland ausreichend gegen Masern geimpft werden - so wie es die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt. Das Ergebnis: Bei weniger als 40 Prozent der Kleinkinder ist das der Fall. Zehntausende Kleinkinder sind nicht entsprechend der STIKO-Emfehlung geschützt.

Die Impfkommission richtet sich bei ihrer Empfehlung nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Kinder sollen demnach zwei Mal gegen Masern geimpft werden - zunächst im Alter zwischen elf und 14 Monaten und ein zweites Mal zwischen 15 und 23 Monaten. Das Ziel ist eine Impfquote von 95 Prozent - dann könne die Krankheit ausgerottet werden. Davon ist Deutschland aber offensichtlich weit entfernt.

Kind wird gegen Masern geimpft
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Vor allem für Kleinkinder können Masern bedrohliche Folgen haben. Es kann zu Komplikationen wie Gehirnentzündungen kommen.

Kein Schutz ohne zweite Impfdosis

Schulz und ihre Kollegin haben für die Studie anonymisierte Arztpraxen-Daten von mehr als 550.000 Kindern ausgewertet, die 2008 geboren wurden. Etwa 70 Prozent von ihnen haben - wie von der STIKO empfohlen - bis zum Alter von 14 Monaten eine Masernimpfung bekommen, weitere 15 Prozent etwas verspätet. Knapp 86 Prozent der Kinder sind somit bis zu ihrem zweiten Geburtstag zumindest ein Mal geimpft worden.

"Eigentlich ist das nicht so schlecht", sagt Schulz. Doch viele Eltern vergessen offenbar die zweite Impfung oder zögern sie hinaus. Es sei aber wichtig, dass Kinder beide Impfungen erhalten, sagt Schulz. "Denn bei bis zu fünf Prozent schlägt die erste Impfung nicht an. Diese Kinder sind nicht geschützt, wenn sie keine zweite bekommen."

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Selbst wenn man die Maßstäbe weniger streng anlegt als die STIKO und nur darauf schaut, ob die Kinder überhaupt - unabhängig vom Zeitpunkt - zwei Masernimpfungen erhalten haben, liegt die Quote noch deutlich unter dem WHO-Ziel. Etwa 60 Prozent der Kleinkinder haben bis zu ihrem zweiten Geburtstag die beiden Spritzen bekommen - im von der STIKO empfohlenen Zeitfenster sind es aber nur 37 Prozent.

Wachsende Impfskepsis bei Müttern und Ärzten

Eine Ursache für die geringe Quote sehen die Autorinnen der Studie in der wachsenden Impfskepsis. Verbreitet ist sie vor allem im "bürgerlichen Milieu", sagt Schulz. Je mehr hochqualifzierte Mütter in einem Kreis leben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder geimpft werden. Einen Einfluss haben offenbar auch impfkritische Ärzte, Heilpraktiker und Homöopathen. Wenn sie in einer Region stark vertreten sind, sinkt dort die Impfquote. In Erftstadt bei Köln musste vor kurzem eine Waldorfschule geschlossen bleiben, nachdem dort mehrere Schüler an Masern erkrankten. Nur ein Viertel der Schüler konnte einen Impfschutz nachweisen.

Große regionale Unterschiede bei Impfquote

Die Studie zeigt erhebliche regionale Unterschiede auf. Ganz hinten liegen einige Kreise in Bayern: etwa Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz-Wolfratshausen. Dort hat nur etwa jedes dritte Kind die beiden Masernimpfungen bis zum zweiten Geburtstag bekommen. Wesentlich besser sieht es dagegen im Rhein-Kreis Neuss (NRW) und in Sonneberg (Thüringen) aus. Da liegt die Impfquote jeweils bei knapp 80 Prozent. Auf der Ebene der Bundesländer schneiden außer Bayern auch Baden-Württemberg, Berlin und Bremen schlecht ab.

Ein Sonderfall ist Sachsen. Dort gelten andere Impfempfehlungen, viele Kinder bekommen die zweite Impfung deutlich später. Im Alter von zwei Jahren liegt die Impfquote deshalb in Sachsen bei nur knapp 22 Prozent, in Chemnitz sogar nur bei sechs Prozent.

Krankheit bei Kleinkindern besonders gefährlich

Impfpass Masern, Mumps, Röteln
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Fehlende Kreuzchen im Impfpass: Kinder müssen zwei Mal zum Arzt.

Bislang wurde die Impfquote immer nur bei der Schuleingangsuntersuchung überprüft. Da lag Deutschland zuletzt nicht schlecht - nur knapp unter der WHO-Empfehlung. 2011 konnten bundesweit etwa 92 Prozent der Kinder die beiden geforderten Impfungen vorweisen - allerdings auch mit deutlichen Unterschieden zwischen den Ländern.

Viele Kinder erhalten also die beiden Masernimpfungen, bevor sie in die Schule kommen. Das ist jedoch zu spät. Zehntausende Kleinkinder sind laut der aktuellen Studie monate- oder jahrelang nicht geschützt. "Und gerade Kitas sind eine perfekte Infektionsquelle", sagt Schulz. Masern sind hochgradig ansteckend, behandeln kann man sie nicht. Kleinkinder sind zudem besonders häufig von Komplikationen wie Gehirnentzündungen betroffen. Bis zu drei von tausend Kindern, die sich infizieren, sterben an Masern. Häufig bleiben auch schwere Schäden wie Lähmungen zurück.

Masern - eine unterschätzte Krankheit

Masern sind weltweit verbreitet. In Afrika gehören sie zu den zehn häufigsten Infektionskrankheiten. Weltweit sterben jährlich etwa 140.000 Menschen an Masern. Die Krankheit ist hochansteckend. Sie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Erkrankte bekommen nach etwa zehn bis zwölf Tagen Fieber, Husten und Schnupfen, manchmal auch Gelenkschmerzen. Etwas später erscheint ein roter, fleckiger Hautausschlag.
In einem von 1000 Fällen kommt es zu einer Gehirnentzündung, ähnlich häufig führt die Krankheit in Deutschland zum Tod. Gefährlich ist zudem die Schwächung des Immunsystems, die bis zu sechs Wochen nach einer Infektion andauern kann. Die Folgen können bakterielle Infektionen wie Bronchitis oder Mittelohrentzündungen sein. Sehr selten gibt es auch Fälle von Spätkomplikationen. Sie können erst Jahre später auftreten und führen nach Störungen und Ausfällen im Nervensystem schließlich zum Tod. Gegen Masern gibt es kein wirksames Medikament. Die Impfung bietet aber einen sehr guten Schutz.

Schutz auch für andere Kinder

Außerdem besteht die Gefahr einer Spätfolge, der sogenannten SSPE. Diese Gehirnentzündung tritt in der Regel erst Jahre nach der akuten Erkrankung auf und verläuft immer tödlich. Die Universität Würzburg und das bayerische Landesgesundheitsamt haben diese Woche eine neue Studie veröffentlicht. Demnach sind etwa 30-mal so viele Menschen von SSPE betroffen wie bislang angenommen. Bei bis zu einem von 3300 infizierten Kindern trete die Spätfolge auf. Im Juni starb in Nordrhein-Westfalen ein 14-jähriger Junge daran.

Die Masernimpfung gilt dagegen als sicher. Schwerwiegende Folgen sind extrem selten. Relativ häufig kann es jedoch zu Nebenwirkungen kommen wie Rötungen oder einer Schwellung an der Einstichstelle, teilweise auch zu leichtem Fieber, Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Bis zu fünf Prozent bekommen auch sogenannte Impf-Masern - eine leichte Form der Krankheit, die jedoch nicht ansteckend ist.

Dass zu wenige Kleinkinder geimpft sind, zeigt sich auch an den jüngsten Masernausbrüchen. Im ersten Halbjahr 2013 wurden mehr als 1000 Erkrankungen gemeldet, der Großteil davon in Bayern (478) und Berlin (400), wo die Impfquoten niedrig sind. Schulz fordert deshalb eine bessere Aufklärung. "Man schützt nicht nur die eigenen Kinder mit einer Impfung, sondern auch andere, die beispielsweise noch zu klein sind für eine Impfung."

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