Martin Schulz | Bildquelle: dpa

Martin Schulz erobert die SPD-Linke Kanzlertauglich?

Stand: 16.10.2016 19:00 Uhr

In der SPD hat die Diskussion um die Kanzlerkandidatur Fahrt aufgenommen. Immer häufiger wird in diesem Zusammenhang der Name Martin Schulz genannt. Am Wochenende präsentierte sich der EU-Parlamentspräsident bei einer Veranstaltung der SPD-Linken in Berlin. Mit einigem Erfolg.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Die SPD-Linken, zusammengekommen in der holzgetäfelten Aula der Evangelischen Schule in Berlin-Mitte, sind neugierig. Sie wollen den beschnuppern, der immer offensiver als möglicher Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten gehandelt wird. Martin Schulz aber möchte erst einmal klar machen, dass er nicht das Messer gegen Parteichef Sigmar Gabriel in der Tasche trägt: "Das ist einer meiner engsten Freunde. Und ich bin vorsichtig mit dem Begriff des Freundes. Es gibt auch in der Politik Freundschaften - und Sigmar Gabriel ist mein Freund."

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Könnte auch Kanzlerkandidat: Martin Schulz

Der EU-Parlamentspräsident lobt dann noch Gabriels Verdienste in den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl. Der Rest seiner gut 40-minütigen Stegreifrede vermittelt aber vor allem eine Botschaft: Als Kanzlerkandidat hätte ich, Martin Schulz, einen Plan, die SPD wieder selbstbewusst und siegreich zu machen. Selbstbewusst, weil stolz auf die Erfolge in dieser Regierung - unter anderem auf einen anerkannten Außenminister, eine Arbeitsministerin, die den Mindestlohn durchgesetzt hat, oder darauf, "dass Manuela Schwesig eine Frauenpolitik betreibt, die endlich diesen Namen verdient. Darauf kann man stolz sein."

Balsam fürs angeschlagene Ego

Stolz, immer wieder das Wort "Stolz": Junge und alte Sozialdemokraten scheinen während der Schulz-Rede ein paar Zentimeter zu wachsen. Und es gefällt, dass der Genosse aus Brüssel, der in diesen Tagen auffällig viel in Berlin unterwegs ist, eine Strategie zu haben scheint, wen die häufig orientierungslos erscheinende SPD ansprechen muss: "Die hart arbeitenden Menschen in diesem Lande. Die sich an die Regeln halten. Die hart arbeitenden Menschen, die von morgens bis abends schuften müssen. Und diese sagen: Ich respektiere diesen Staat, ich respektiere diese Demokratie, in der ich lebe."

Für diese Menschen, die sich häufig vom Staat selbst nicht mehr respektiert fühlten, müsse die SPD da sein, sagt Schulz: "Wenn die Menschen das Gefühl haben, die SPD ist die Partei, die uns respektiert, weil sie genau das tut - Genossinnen und Genossen, dann sage ich Euch, was passiert: Dann gewinnen wir die Bundestagswahl."

Linke begeistert

Am Ende gibt es für Schulz, der auf dem rechten SPD-Flügel der Seeheimer zu Hause ist, langen Beifall der SPD-Linken. Und in der anschließenden Publikumsrunde traut sich Serkan Bicen aus Hamburg anzusprechen, was vielen im Saal auf der Zunge liegt: "Ich würde Dich klar fragen: Würdest Du Bundeskanzler würden wollen?"

In diesem Moment schaltet Schulz aus dem Pathos seiner Rede drei Gänge zurück und ist wieder loyaler Parteisoldat, der gekommen ist, um seine Ideen zu präsentieren, und nicht, um Ansprüche zu stellen: "Die SPD hat einen Fahrplan, wie sie ihren Kanzlerkandidaten bestimmt. Und an diesen Fahrplan halten wir uns alle." Das heißt, Parteichef Gabriel macht spätestens in den ersten Monaten 2017 einen Vorschlag.

Die Bilanz des Schulz-Auftritts vor den SPD-Linken: Auch dieser sehr einflussreiche Flügel könnte damit leben, sollte der Vorschlag Martin Schulz heißen. Matthias Miersch, der Sprecher der Parlamentarischen Linken, sagt am Ende über den Noch-EU-Parlamentspräsidenten: "Mit Sicherheit kann er Kanzlerkandidat. Aber er hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die SPD sich ja einen Zeitplan gegeben hat - und der wird sicherlich auch eingehalten."

Kanzlertauglich? Martin Schulz erobert die SPD-Linken
J. Seisselberg, ARD Berlin
16.10.2016 18:22 Uhr

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Prominente Unterstützung

Auffällig ist, dass sich auch andere prominente Genossen in diesen Tagen aus der Deckung trauen und für Schulz Position beziehen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil macht heute in der "Welt" deutlich, dass er Schulz für einen geeigneten SPD-Kanzlerkandidaten hält. Und auch Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke sagte am Wochenende, für ihn sei der EU-Parlamentspräsident ein "sehr, sehr guter Kandidat".

In der SPD-Zentrale, heißt es, führten die beiden Freunde Gabriel und Schulz seit Wochen enge freundschaftliche Gespräche. Nüchterne Arbeitsaufgabe: Herausfinden, wer von beiden die besten Chancen hat, bei der Bundestagswahl für die SPD das beste Ergebnis zu erzielen.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 17. Oktober 2016 um 7:19 Uhr.

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