Interview

Gesellschaft für bedrohte Völker kritisiert Mali-Einsatz Das Terrain zu groß, die Gegner zu professionell

Stand: 18.01.2013 10:49 Uhr

Die Entführung von Ausländern in Algerien und der offenbar missglückte Befreiungsversuch verkomplizieren die Lage in Mali zusätzlich. Im Interview mit tagesschau.de warnt Afrika-Experte Ulrich Delius davor, den Einsatz zu unterschätzen. Das Vorgehen der Staatengemeinschaft sei amateurhaft.

tagesschau.de: Die Entführung von Ausländern durch algerische Islamisten hat offenbar viele Menschen das Leben gekostet. Die Geiselnehmer wollten Druck auf Frankreich ausüben. Gehen Sie davon aus, dass algerische und malische Islamisten gemeinsame Sache gemacht haben?

Ulrich Delius: Auf jeden Fall war es eine konzertierte Aktion. Es gibt aber unterschiedliche Organisationen, die zum Teil unabhängig voneinander agieren, auch nicht direkt unter einem gemeinsamen Oberkommando.

alt Ulrich Delius

Zur Person

Als Afrika-Referent ist Ulrich Delius bei der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen für Publikationen und Kampagnenführung verantwortlich. Er arbeitet seit 1986 arbeitet für die Menschenrechtsorganisation. Die GfbV hat zum Ziel, sich für ethnische und religiöse Minderheiten einzusetzen.

Diese Entführungen in Malis Nachbarländern sind nichts Neues. Wir konnten das in den vergangenen zwei Jahren in Algerien, in Mauretanien und in Niger beobachten. Das ist natürlich eine Folge der Entwicklungen im Norden Malis. Wenn dort keine Ausländer mehr hinkommen, weil es Sicherheitswarnungen der Außenministerien gibt, holen sich diese extremistischen Gruppen woanders ihre Geiseln her. Das ist im Prinzip ihr wichtigstes Wirtschaftsgut. Der exklusive Menschenhandel mit Geiseln ist der lukrativste Wirtschaftszweig in der Region.

"Die Dimensionen sind erschütternd"

tagesschau.de: Hinter der Entführung soll der Algerier Mokhtar Belmokhtar stecken, dessen Name auch in Zusammenhang mit AQMI, mit "Al Kaida im Islamischen Maghreb" fällt. Wie ist dieser Mann einzuordnen?

Das betroffene Gasfeld In Amenas, Standort des Ölkonzerns BP, wurde von Islamisten angegriffen. (Bildquelle: AFP)
galerie

Das Gasfeld In Amenas in Algerien wurde von Islamisten angegriffen.

Delius: Er ist hochgefährlich, eine schillernde Persönlichkeit, die immer wieder zitiert wird, wenn es massive Vorstöße von radikalen Extremisten in der Sahara gibt. Ob er immer auch tatsächlich der Urheber war oder sich auch als Sage verselbstständigt, sei dahingestellt. Jedenfalls wird er immer wieder bei spektakulären Aktionen genannt wird und ist er ein sehr einflussreicher Führer von "Al Kaida im Maghreb", der seit Jahren gejagt wird.

Die Amerikaner neigen dazu zu glauben, dass alles gut werde, wenn eine solche Führungspersönlichkeit ausgeschaltet wird. Wir haben aber auch auf der nachfolgenden Stufe sehr viele und militärisch sehr qualifizierte Leute, so dass Belmokhtar ersetzt werden könnte.

tagesschau.de: Muss mit weiteren solchen Aktionen gerechnet werden?

Delius: Ja, obwohl die Dimension natürlich schon in gewisser Weise erschütternd ist. Zwischen Nordmali und dem Tatort dieser Geiselnahme liegen gut 1000 Kilometer. Also stellen Sie sich vor, Sie sind in Sizilien, und weil Ihnen in Sizilien etwas missfällt, wird in Bayern jemand entführt. Das sind einfach gigantische Entfernungen. Dieser Aktionsradius der Islamisten dürfte in einigen Außenministerien Stirnrunzeln auslösen und eben auch Sorge.

Ulrich Delius (GfbV) zum Mali-Konflikt
ARD-Morgenmagazin 06:30 Uhr, 17.01.2013

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Gratwanderung für den französischen Präsidenten

tagesschau.de: Wie würden weitere Attentate das französische Vorgehen beeinflussen?

Delius: Frankreich hat trotz allen Drängens lange gewartet, bevor man intervenierte, auch aus Sorge um die Geiseln, die noch immer aus vorangegangenen Entführungen in der Sahara festgehalten werden. Das sind einige Franzosen und einige Algerier, die in dem algerischen Konsulat in Gao in Mali gearbeitet haben und als Geiseln genommen wurden.

Die Länder haben eine sehr unterschiedliche Politik, wenn es darum geht, sich für entführte Landsleute einzusetzen. Algerien sagt ganz klar: Wir zahlen kein Lösegeld! Man fordert auch andere Länder auf, kein Lösegeld zu zahlen. Auch viele Experten meinen, es sei ein Kreislauf ohne Ende. Im Jahr 2010 lagen die Summen in der Region bei 4,5 Millionen Dollar Lösegeld pro Kopf. Ein Jahr später waren es schon 5,4 Millionen Dollar. Das sind gigantische Summen. Wenn Sie sich vorstellen, dass da acht, neun Leute entführt werden, kommen schnell 30 bis 40 Millionen Dollar zusammen. Damit kann man relativ lange und sehr gut ausgestattet in der Sahara Krieg führen.

Mali: Französische Soldaten in der Nähe der malischen Stadt Markala (Bildquelle: AFP)
galerie

Französische Soldaten in der Nähe der malischen Stadt Markala

François Hollande als französischer Staatspräsident befindet sich also auf einer Gratwanderung. Er muss seiner Öffentlichkeit unter Umständen klar machen, dass jetzt jeden Tag eine dieser Geiseln erschossen werden könnte, und das vielleicht noch öffentlich - mit Video. Aber zu zahlen wäre auch fatal, weil man damit den Preis immer höher treibt. Letztlich nützen alle Ausbildungsmissionen nichts, wenn man auf der anderen Seite den Extremisten das Geld sozusagen im Briefumschlag übergibt. Das ist wahnwitzig.

Zwei völlig unterschiedliche Konflikte

tagesschau.de: Offenbar versucht man ja mit allen Mitteln, eine militärische Lösung herbeizuführen: Verschiedene afrikanische Länder entsenden jetzt Truppen, die durch eine europäische Ausbildermission und deutsche Transportflugzeuge unterstützt werden. Halten Sie das überhaupt für eine tragfähige Idee?

Delius: Es ist problematisch. Wir als Gesellschaft für bedrohte Völker sind nicht generell gegen Militärintervention. Aber wir haben es hier mit zwei Konflikten zu tun. Genau heute vor einem Jahr flammte wieder der Tuareg-Konflikt auf, den es nun seit mehr als 50 Jahren in dem Land gibt. Der in den 90er Jahren schon mal ganz aktuell war und sehr brutal ausgetragen wurde. Über diesem alten Konflikt liegt ein neuer. Radikale Islamisten haben sich der Rebellion der Tuareg bedient, sie entmachtet und drohen die Macht in Mali zu übernehmen. Zwischen diesen beiden Konflikten müssen wir unterscheiden.

Mali: Tuareg-Kämpfer im Norden Malis (Bildquelle: dpa)
galerie

Zwischen dem Konflikt mit den Tuareg und dem mit den Islamisten muss unterschieden werden.

Was den neuen Konflikt der Islamisten angeht, muss man sicherlich mit aller Deutlichkeit dagegen vorgehen. Und es gibt wohl keine andere Möglichkeit, als mit militärischen Mitteln dagegen vorzugehen. Wir hätten aber gerne mehr Klarheit, wie weit man überhaupt gehen will. Erst dann kann man entscheiden, was man für die Umsetzung eines solchen Plans braucht und was man liefern will. Zurzeit werden alle Möglichkeiten wie auf einem orientalischen Bazar in die Öffentlichkeit geworfen, ohne dass man überhaupt weiß, für was gekämpft wird.

Für den alten Tuareg-Konflikt gibt es keine militärische Lösung. Dafür muss eine politische Lösung an den Verhandlungstischen gesucht werden. Dafür wiederum braucht man klare Verhältnisse in der Hauptstadt Bamako, die man jetzt nicht hat. Man weiß ja nicht, wer da überhaupt das Sagen hat. Die Armee? Welche Teile der Armee? Die Regierung? Wer kann Konzessionen machen, die dann auch vielleicht noch einige Monate später noch immer akzeptiert werden?

"Amateurhaftes Vorgehen"

tagesschau.de: Engagiert sich Deutschland Ihrer Ansicht nach genügend?

Delius: Das ist eine schwierige Frage. Wir sagen: Wir brauchen mehr Transparenz bei weiteren Planungen für Initiativen in Nordmali. Wenn niemand weiß, was das genaue Ziel ist - wie will man denn dann über die richtigen Mittel entscheiden und ob man vielleicht mehr zur Verfügung stellen muss? Da ist unserer Meinung nach einfach sehr viel amateurhaftes Vorgehen festzustellen.

Susan Rice (Bildquelle: dpa)
galerie

UN-Botschafterin Rice nannte die Pläne für Mali "Mist".

Die UN-Botschafterin der USA, Susan Rice, hat im Dezember gesagt: Das ist Mist, was Frankreich und ECOWAS vorgelegt haben. Der US-Oberkommandierende für Afrika, Carter Ham, hat vor einigen Tagen in Niger wiederholt: Wir brauchen einen guten Plan. Das ist schon ein deutlicher Fingerzeig, dass das, was bislang vorliegt, nicht sonderlich überzeugend ist. Man kann so eine Geschichte nicht einfach immer mal wieder im Moment entscheiden. Dafür ist dieses Terrain viel zu groß, sind die Herausforderungen viel zu groß und sind die Gegner viel zu professionell.

"Null Ahnung vom Terrain"

tagesschau.de: Für wie groß halten Sie die Gefahr eines Flächenbrands in der gesamten Region?

Delius: Die Angst vor dem Flächenbrand ist schon älter. Deshalb haben die Franzosen ja auch eingegriffen. Sie fürchten, dass Al Kaida im Maghreb noch intensiver im Nachbarland Niger operieren könnte. Dort hat Frankreich viel mehr wirtschaftliche und strategische Interessen als in Mali selbst. 

Aber: Wenn die Islamisten jetzt die Städte in Nord-Mali verlassen, was sie momentan tun, müssen sie natürlich irgendwo Schutz suchen. Das tun sie in einigen wenigen Bergmassiven. Um sie dort zu stellen, braucht es sehr viel Ortskenntnis. Da haben wir große Zweifel, ob das irgendeine Interventionstruppe, ob von Frankreich, ob von der NATO oder von ECOWAS schaffen kann. Das sind alles Soldaten, die letztlich null Ahnung vom Terrain haben.

Im Prinzip könnten nur die Tuareg es schaffen, dieses Netzwerk zu zerschlagen. Da aber hat wiederum zum Beispiel die Regierung von Mali Vorbehalte. Sie fürchtet, den Tuareg zu sehr entgegenzukommen. Deren Engagement hätte seinen Preis: Mehr politische Beteiligung, mehr Selbstbestimmung, mehr Autonomie für Nord-Mali.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

Darstellung: