Der Schatten eines Kopfes auf dem Banner des Landgerichtes Duisburg. | Bildquelle: dpa

Ablehnung des Loveparade-Hauptverfahrens Ein Gutachten voller Mängel

Stand: 05.04.2016 16:00 Uhr

Fehlende Deutschkenntnisse, kein Fachwissen, widersprüchliche Aussagen und Befangenheit: Das Landgericht Duisburg hat das Gutachten der Staatsanwaltschaft zur Klärung der Loveparade-Katastrophe öffentlich zerrissen. Das "nicht verwertbare" Gutachten ist auch der Grund, warum die Kammer kein Hauptverfahren in dem Fall eröffnen wird. Die Kritikpunkte im Überblick.

Keine Bearbeitung der Unterlagen: Der Gutachter Keith Still hat die Dokumente und Unterlagen zur Loveparade-Katastrophe nie selbst vollständig gesichtet. Stattdessen hat er nach Angaben des Landgerichtes zwei Mitarbeiterinnen mit der Sichtung der Unterlagen beauftragt.

Fehlende Deutschkenntnisse: Der Gutachter nahm den Angaben zufolge die Beurteilung der Unterlagen nicht selbst vor, da er nicht über die nötigen Deutschkenntnisse verfügte. "Diese Auswahl konnte er mangels Kenntnis der deutschen Sprache nicht selbst prüfen", sagte der Präsident des Landgerichtes, Ulf-Thomas Bender.

Der Präsident des Landgerichts Duisburg, Ulf-Thomas Bender, auf der Pressekonferenz. | Bildquelle: dpa
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Ulf-Thomas Bender: Der Präsident des Landgerichtes Duisburg hat die Entscheidung seiner Kammer begründet.

Fehlendes Fachwissen: Der Sachverständige kannte den Angaben zufolge nicht die "maßgeblichen Regeln und Normen", denen Veranstaltungen in Deutschland unterliegen.

Widersprüchliche Aussagen: Das Gutachten ist nach Auffassung des Gerichts in sich widersprüchlich. So behauptet der Gutacher den Angaben zufolge einerseits, dass die Zahlen zum Besucherandrang, mit denen der Veranstalter der Loveparade gerechnet hat, manipuliert sind. Andererseits fuße das Still-Gutachten auf genau diesen Zahlen. Widersprüche gibt es auch bei der Frage, wie viele Menschen in einer Stunde auf das Veranstaltungsgelände hätten gelangen können.

Fehlende Nachweise: Das Gutachten kann nicht den erforderlichen Nachweis führen, dass sich Verantwortliche des Veranstalters oder der Stadt strafbar gemacht haben. Der Nachweis, dass Fehler in der Planung oder bei der Genehmigung zum Tod und zur Verletzung von Menschen geführt hat, konnte nicht erbracht werden.

Befangenheit: Der Gutachter hat sich nach Auffassung des Gerichtes durch Auftritte in der Öffentlichkeit selbst als unparteiischer Sachverständiger unglaubhaft gemacht. So habe Still Vorträge gehalten, in denen er behauptet habe, dass die Daten für das Genehmigungsverfahren manipuliert gewesen seien - ohne, dass er das belege oder begründe. Darüber hinaus habe der Gutachter behauptet, dass von den Planern der Veranstaltung einfachste Gesetze der Mathematik nicht beachtet worden seien, "die sein Sohn im Alter von vier Jahren beherrscht hätte".

Bei der Massenpanik bei der Loveparade waren 2010 21 Menschen ums Leben gekommen. | Bildquelle: dpa
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Juli 2010: Bei der Massenpanik bei der Loveparade kamen 21 Menschen ums Leben.

Ein neues Gutachten einzuholen, ist nach Auffassung des Landgerichtes nicht möglich - die Strafprozessordnung verbiete dieses. Das liege daran, dass das Gutachten das zentrale Beweismittel der Staatsanwaltschaft ist. Als die Kammer vor einigen Monaten die Fehler im Gutachten bemerkt habe, habe sie noch versucht, diese beheben zu lassen. Es seien 75 Fragen zur Klärung der fraglichen Punkte an Professor Still gesendet worden, sagte Bender. Jedoch habe dieser keine ausreichenden Antworten darauf geben können.

"Dieser Fall ist auch für das Landgericht Duisburg ein ziemlich einmaliger Fall", sagte Bender. Zu möglichen Versäumnissen der Staatsanwaltschaft bei der Ernennung des Sachverständigen und bei der Erstellung des Gutachtens wollte er sich nicht äußern. Die Entscheidung des Landgerichtes, keine Hauptverhandlung einzuleiten, ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hat schon Widerspruch dagegen eingereicht. Daher wird sich wohl bald das Oberlandesgericht mit dem Fall befassen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. April 2016 um 17:00 Uhr.

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