Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht | Bildquelle: dpa

Nach Gysi-Rückzug von der Fraktionsspitze Wagenknecht und Bartsch treten an

Stand: 15.06.2015 14:22 Uhr

Die Parteilinke Wagenknecht und der Reformer Bartsch sollen die Bundestagsfraktion der Linkspartei in Zukunft führen: Nach dem Rückzug von Fraktionschef Gysi nominierte die Parteiführung die Beiden nun offiziell. Im Oktober soll die neue Doppelspitze dann gewählt werden.

Die bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden der Linkspartei-Fraktion im Bundestag, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, sollen ab Herbst als Doppelspitze die Fraktion führen. Das schlugen die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger dem geschäftsführenden Vorstand vor.

Mit der raschen Klärung der Nachfolge des scheidenden Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi werde der Partei eine langwierige Personaldebatte erspart, sagte der stellvertretende Parteichef Axel Troost. Wagenknecht und Bartsch sollen im Oktober zur neuen Doppelspitze gewählt werden.

Linksfraktion nominiert Wagenknecht und Bartsch als Gysi-Nachfolger
tagesthemen 22:15 Uhr, 15.06.2015, Robin Lautenbach, ARD Berlin

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Wagenknecht und Bartsch vertreten die beiden die Linkspartei dominierenden Flügel. Wagenknecht ist das Gesicht des linken Parteiflügels und sieht die Koalitionen mit anderen Parteien grundsätzlich skeptisch. Die 45-Jährige zählt zu den entschiedenen Kritikern der SPD. Erwartet wird, dass durch ihren Aufstieg in die Fraktionsspitze mögliche rot-rot-grüne Bündnisse erschwert werden könnten.

Der 57 Jahre alte Bartsch vertritt die Pragmatiker, die eher zu Kompromissen bereit sind und eine Regierungsbeteiligung anstreben. Gysi hatte auf dem Parteitag am vorletzten Wochenende in Bielefeld angekündigt, nicht mehr für den Fraktionsvorsitz im Bundestag zu kandidieren. In einer emotional gefärbten Rede hatte er seinen Schritt unter anderem damit begründet, dass es Zeit sei, die Fraktionsführung in jüngere Hände zu übergeben.

alt Mathias Zahn

Analyse

Die Doppelspitze ist ein Risiko. Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht. Vom Lebenslauf verbindet sie eigentlich viel. Beide sind früh in die SED eingetreten. Beide haben sich von Beginn an in der PDS engagiert. Beide warten seit Langem auf den letzten Schritt nach ganz oben.

Genau genommen sind Bartsch und Wagenknecht aber wie Feuer und Wasser. Er der Reformer, der netzwerken und die Fraktion managen kann. Sie steht für den linken Parteiflügel und gilt als Ich-AG mit beschränkter Teamfähigkeit. Stundenlange zermürbende Fraktionssitzungen sind nicht ihr Ding. Dafür füllt Wagenknecht Marktplätze und kann mitreißende Reden halten. Sie ist Talkshowdauergast: Finanzpolitik und Griechenland sind ihr Thema.

Bartsch ist ein eher mittelmäßiger Redner und steht nicht wirklich für ein bestimmtes Thema. Dafür kann er am Wahlkampfstand mit Lockerheit das Publikum gewinnen. Wagenknecht wirkt dagegen unnahbar. Ihr graust es vor der Volksnähe.

Bartsch und Wagenknecht: Ihr persönliches Verhältnis gilt als angespannt. Soll es klappen mit der Doppelspitze, werden sich beide ändern müssen. Auf jeden Fall müssen sie sich kräftig zusammenreißen. Bartsch und Wagenknecht sind aber auch eine Chance. Beide haben Zugriff auf ihren Flügel. Wichtig ist das vor allem bei Wagenknecht und den linken "Fundis" in der Fraktion, die immer wieder querschießen.

Wenn Wagenknecht will, könnte sie diese freien Radikalen einfangen und einnorden, besser als Gysi es konnte. Auch für Rot-Rot-Grün im Bund muss die Doppelspitze nicht unbedingt schlecht sein. Der regierungskritische Flügel wäre in die Verantwortung eingebunden. Wagenknecht könnte wohl nicht mehr so leicht gegen SPD und Grüne losholzen und zum Beispiel SPD-Chef Gabriel als Lügner beschimpfen - wie kürzlich auf dem Bielefelder Parteitag. Ob sich Wagenknecht so einbinden lässt ist die große Frage. Viel hängt von ihr ab. Sie könnte Rot-Rot-Grün möglich machen oder verhindern.

Von Mathias Zahn, SWR, ARD-Hauptstadtstudio

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