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Porträt des Preisträgers Liao
Eine Ermutigung für seine Weggefährten
Die Auszeichnung des chinesischen Schriftstellers Liao auf der Frankfurter Buchmesse ist für seine Weggefährten in China eine Ermutigung, nicht aufzugeben. Denn in seiner Heimat ist der regimekritische Autor kaum bekannt. Seit Jahren darf er dort nicht mehr publizieren.
Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking
In China kennen nur wenige den Namen Liao Yiwu. Im Internet wird sein Name zensiert, kein Buchladen darf seine Bücher verkaufen. Eine Nachfrage wird mit einem Schulterzucken beantwortet und einem Kopfschütteln. Liao Yiwu? "Nein", sagt der Buchhändler, "noch nie gehört".
Eines Tages werde sich das ändern, sagt optimistisch der Autor und enge Freund Yiwus, Zhou Zhongling: "Wenn Liao Yiwus Bücher offen in China vertrieben werden könnten, wären mit Sicherheit viele Menschen von seinen Werken fasziniert. Er schreibt über die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Er zeigt Seiten unserer Gesellschaft, Alltagserfahrungen und Aspekte, denen sich viele Menschen nicht stellen wollen."
"Liao konzentriert sich auf die Seele eines schwierigen Lebens"
Zhou Zhongling kommt wie Liao Yiwu aus der südwestchinesischen Provinz Sichuan. Wie die Menschen, über die Liao schreibt und wie viele Freunde und Weggefährten lebt auch er am Rande der Gesellschaft. Er hat Bücher seines Freundes redigiert, bevor diese im Ausland veröffentlicht wurden. Liao Yiwu, sagt Zhou, schreibe wie kein anderer: "Wenn man Werke von Liao Yiwu liest, erkennt man sofort seinen einzigartigen Ansatz. Viele Schriftsteller im heutigen China verfolgen bestimmte Interessen mit ihrem Schreiben. Aber Liao Yiwu schreibt ohne Schnörkel und konzentriert sich auf die Seele eines schwierigen Lebens. Seine Sprache respektiert die Wahrheit, ist voller Emotionen und Nachdruck."
Liao Yiwu in China: "Er ist das Tonband unserer Zeit"
R. Kirchner, ARD Peking
12.10.2012 14:04 Uhr
Ein enger Freund von Liu Xiaobo
Zhou kennt Liao Yiwu seit 30 Jahren. Die Liebe zur Literatur hat sie zusammengebracht - und ihr Wunsch nach mehr Freiheit. Die Niederschlagung der Studentenproteste von 1989 war für sie das Schlüsselerlebnis, das ihr Leben prägte. Zum Bund der engsten Freunde gehörte jahrelang ein Dritter, auch er ein Ausgestoßener, den die Pekinger Führung totschweigen will: der Friedensnobelpreisträger von 2010, der Bürgerrechtler Liu Xiaobo.
"Wir waren als Trio bekannt", sagt Zhou. "Liu Xiaobo war der Älteste, ich der zweitälteste, Liao Yiwu der jüngste. Zu dritt waren wir total relaxed. Wir konnten über alles reden: Politik, soziale Veränderungen, Frauen, Wein - alles war möglich."
Neues Buch behandelt Niederschlagung der Studentenproteste
Liu Xiaobo sitzt derzeit eine elfjährige Haftstrafe wegen Untergrabung der Staatsgewalt ab. Liao Yiwu lebt seit einem Jahr im Exil in Deutschland. Nur Zhou Zhongling ist noch in Peking, lebt zurückgezogen in einer Hochhaussiedlung. Vor seiner Ausreise tauchte Liao Yiwu oft unangemeldet bei ihm auf, schlief nachts auf dem Sofa und führte tagsüber Interviews für sein neues Buch über die Ereignisse von 1989, die in China immer noch ein Tabu-Thema sind. "Er ist das Tonband unserer Zeit", sagt Zhou. "Wir alle zeichnen das Leben auf, weil wir alle Augen und Ohren haben. Aber Liao Yiwu benutzt seinen Bleistift, um alles festzuhalten. Darum ist er anders."
Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels hat Liao Yiwu im Übrigen in seiner Heimat ein kleines bisschen bekannter gemacht. Im Internet findet man jetzt deutlich mehr Einträge über ihn als früher. Und für die Freunde und Weggefährten ist die Auszeichnung - ähnlich wie der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo - eine Ermutigung, nicht aufzugeben.
Liao Yiwu mit Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet
tagesschau 20:00 Uhr, 14.10.2012, Ingo Nathusius, HR
Stand: 14.10.2012 14:14 Uhr
